Simmerath: Fitnessstudios sehen in Vereinsangeboten unlautere Konkurrenz

Simmerath: Fitnessstudios sehen in Vereinsangeboten unlautere Konkurrenz

Wer mit Michael Anders telefoniert, hört schnell, womit er sein Geld verdient. Kling macht es im Hintergrund. Zwei Hanteln scheppern gegeneinander. Wieder macht es kling. Und wieder. Michael Anders ist Chef des Fitnessstudios „Fit for Life“. Seit vielen Jahren verdient er im Gewerbegebiet Simmerath-Rollesbroich sein Geld und zahlt Steuern. Doch nun fürchtet Anders „unlautere Konkurrenz“, wie er es formuliert.

Praktisch nebenan will im März ein Verein ein Sportzentrum aufmachen, das neben Tanz- ebenfalls Fitnesskurse im Programm hat. „Ich habe nichts gegen Konkurrenz“, sagt Anders. Doch als Verein sei die Tanzwerkstatt unter anderem steuerbegünstigt. Deren Preise könne er als kommerzieller Anbieter nicht erreichen. Was ihn zudem aufbringt: Die Gemeinde habe dem Verein mit einem Zuschuss unter die Arme gegriffen.

Das stimmt, sagt Christoph Keischgens, der an diesem Nachmittag für seinen Traum auf der Leiter steht und die Decke der Tanzwerkstatt streicht. 25 000 Euro habe die Gemeinde als Zuschuss locker gemacht — bei einem Projektvolumen von 1,25 Millionen Euro, sagt der Vereinschef. Er ist verwundert über die forsche Gangart seines künftigen Nachbarn und wirft ihm seinerseits vor, erst „seit kurzem stärker in das Tanzprogramm“ eingestiegen zu sein. Wie dem auch sei: Bis auf Zumba- oder Pilates-Kurse gebe es „kaum Berührungspunkte“, sagt Keischgens, der am neuen Standort die Angebote bündeln will. „Wir haben keine Fitnessgeräte und werden nie welche haben.“

Ein boomender Markt

Wie in Simmerath beharken sich in vielen Städten Vereine und kommerzielle Fitnessstudio-Betreiber. Es geht um ziemlich viel Geld in einem Sektor, der boomt — im Jahr 2020 wird nach Angaben des nordrhein-westfälischen Landessportbundes (LSB) bundesweit ein Umsatz von 100 Milliarden Euro in diesem Marktsegment der Sportbranche erwartet; bei einer prognostizierten Wachstumsrate von neun Prozent pro Jahr. Doch weil sich immer mehr Sportvereine ein Stück vom Milliardenkuchen abschneiden wollen, lassen die kommerziellen Fitnessstudios derzeit kräftig die Muskeln spielen und drohen mit einer Klage.

Dabei nimmt der DSSV als Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen vor allem die Sportvereine aufs Korn, die eben nicht nur Handball, Volleyball oder Turnen anbieten, sondern in Sportzentren eine Fitnesslandschaft schaffen, die der eines Fitnessstudios vergleichbar ist. Auch der Bundesverband Gesundheitsstudios Deutschland (BVGSD) als konkurrierender Dachverband schlägt Alarm. Weil die Vereine steuerbegünstigt seien. Aber auch, weil Städte und Gemeinden die Vereine, die als ehrenamtliche Stütze für viele Kommunen unentbehrlich sind, durch Bürgschaften oder Grundstücke mit teilweise siebenstelligen Summen unterstützten, um Vereins-Fitnessstudios zu errichten, wie es beim DSSV heißt, der das Bündnis gegen Wettbewerbsverzerrung durch Vereine ins Leben gerufen hat.

„Großvereine in Deutschland, die sich in ihrer Satzung dem Gemeinwohl verschrieben haben, verfolgen branchenunabhängig vermehrt einen wirtschaftlichen Zweck“, sagt DSSV-Sprecher Dustin Tusch und nimmt den ADAC als derzeit prominentestes Beispiel. Aber es geht auch ein paar Hausnummern kleiner. So würden immer mehr Sportvereine sogenannte Sport-Fitnessstudios auf die Beine stellen. „Dabei entstehen diese Studios in unmittelbarer Nähe von kommerziellen Fitnessanbietern, das heißt in Regionen, in denen der Markt bereits gesättigt ist und keine natürliche zusätzliche Nachfrage besteht“, sagt der DSSV-Sprecher.

Der Begriff Fitness-Krieg macht die Runde. So weit will Botond Mezey, NRW-Beauftragter des BVGSD, nicht gehen. „Ich finde es wirklich toll, was die Vereine machen und schätze die Jugendarbeit. Dafür verdienen die Vereine auch Subventionen.“ Aber der Leiter des Studio 53 in Brühl hat nach eigenen Angaben mächtig zu leiden unter dem, was der Brühler TV in seiner Nachbarschaft auf die Beine gestellt hat: ein Sportzen­trum mit Saunen und einer 620 Quadratmeter großen Fitnessanlage. Das ärgert ihn. Der Mitgliederschwund bei ihm sei enorm. „Wir können einfach nicht wie ein eingetragener Verein kalkulieren“, sagt er und spricht von unfairem Wettbewerb.

Das sieht die Vereinswelt anders. „Natürlich haben wir uns zu lange von der klassischen Ausstattung einer Turnhalle lenken lassen“, sagt Björn Jansen, Vorsitzender des Aachener Regio-Sportbundes. Michael Heise, Referatsleiter Breitensport beim LSB, sagt: „Die Vereine fangen nicht erst jetzt an, im Bereich Fitness aktiv zu werden.“ Klar sei aber auch, betonen beide, dass sich die Vereine nach den Bedürfnissen ihrer Mitglieder richten müssten — da sei Fitness stark gefragt. Heise: „Daher ziehen die Vereine in diesem Bereich kräftig an, das müssen sie auch.“ Schließlich wollen zumindest keine Mitglieder verloren, möglichst neue hinzugewonnen werden. Die Analyse ist eindeutig: „In den vergangenen Jahrzehnten haben wir anderen das Feld überlassen“, sagt Bärbel Dittrich, Vizepräsidentin Breitensport des LSB. Das Ziel: „Wir wollen zukünftig unsere Anstrengungen verstärken, damit mehr Vereinszentren mit integrierten Fitnessstudios entstehen können und wir mittel- bis langfristig ein flächendeckendes Netz in NRW für unsere Vereinsmitglieder und (Noch-)Nichtvereinsmitglieder entwickeln können.“

Dem will der DSSV nicht tatenlos zusehen. „Momentan prüft die Europäische Kommission im Auftrag des Kletterhallenverbandes, dessen Mitgliedsbetriebe ebenfalls von dieser Problematik betroffen sind, ob diese Art der Subventionierung von Vereinen mit der europäischen Rechtsprechung konform geht“, sagt Sprecher Tusch. Sollte eine „wettbewerbsverzerrenden Bevorteilung von Vereinen“ festgestellt werden, will der DSSV auf europäischer Ebene eine Klage einreichen. Das Ziel: Deutschland soll sein Vereinsrecht ändern. Das ist der harte Weg.

Einer etwaigen Klage sieht die Vereinswelt gelassen entgegen. Vielleicht auch, weil es einen weichen Weg gibt: die Kooperation, auf die der BVGSD setzt und die der DSSV seinen Mitgliedern durchaus rät. „Aus Konkurrenten können Partner werden“, sagt Tusch, indem Mitglieder des Vereins beispielsweise zu einem reduzierten Beitrag das Angebot der kommerziellen Fitness-Anlagen in Anspruch nehmen können.

In Simmerath hat auch der Bürgermeister die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Generell, sagt Karl-Heinz Hermanns, könne er „eine gewisse Verärgerung der Fitnessstudios über die steuerliche Situation verstehen. Doch auch die Ehrenamtler in den Vereinen leisten eine wichtige Arbeit.“ Er hofft auf ein „gesundes Miteinander“ in Rollesbroich. Oder wie es Christoph Keischgens sagt: „Von unserem Tanzsportzentrum wird das Fitnessstudio profitieren.“