Aachen: Fingierte Blechschäden: Polizei setzt auf „Spurfix“

Aachen: Fingierte Blechschäden: Polizei setzt auf „Spurfix“

Es gibt Geschichten, die lassen bei gestandenen Polizeibeamten die Alarmglocken läuten. Eine geht in Kurzfassung so: Auto abgestellt — wiedergekommen — Auto kaputt — Verursacher weg. „Das muss nicht immer stimmen“, sagt Hauptkommissar Jörg Geibel vom Verkehrskommissariat I der Aachener Polizei in Alsdorf. Und er kann das auch beweisen. Mit „Spurfix“.

Denn oft steckt hinter der Beule oder dem Kratzer ein simples Malheur und hinter der Anzeige bei der Polizei der Versuch, dem Vorwurf der groben Fahrlässigkeit zu begegnen, mit dem die Vollkaskoversicherung den Schadenersatz zumindest teilweise kürzen kann. Oder die Angst, die Delle im geliebten Blech zu Hause beichten zu müssen. Die Geschichte vom großen Unbekannten klingt ja auch viel besser als der übersehene Blumenkübel, weil man beim Rückwärtsfahren womöglich auch noch das Handy am Ohr hatte.

Maßarbeit: Hauptkommissar Jörg Geibel sichert mit „Spurfix“ nicht nur die Unfallspuren. Genauso wichtig ist die Position des Schadens am Fahrzeug. Gibt es einen Tatverdächtigen, müssen die Spuren an dessen Fahrzeug auch genau zum Schaden beim Unfallgegner passen.. Foto: Ulrich Simons

Doch die Polizei hat ein Mittel, solche Märchenstunden schnell zu beenden. Was der Erkennungsdienst seit Jahren verwendet, um an Tatorten Mikrofaserspuren oder Fingerabdrücke zu sichern, hat auch in den Verkehrskommissariaten in der Region Einzug gehalten.

Irgendwas bleibt immer hängen: Die „Spurfix“-Folie im Einsatz bei einem unklaren Blechschaden. Foto: Ulrich Simons

„Spurfix“ heißt die transparente Klebefolie, mit der man auch im Kreis Heinsberg „absolut positive Erfahrungen“ gemacht hat, wie Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken bestätigt. Eine Einschätzung, die man in Stadt und Kreis Düren teilt, wo die Folie nach Angaben von Polizeisprecherin Julie Greve schon seit mehreren Jahren erfolgreich im Einsatz ist.

Warum die Unfallflucht-Fahnder bei Schadensmeldungen ganz genau hinsehen, lässt sich in Zahlen fassen. Zwar gibt es aus der Region keine gesicherten Werte, doch gehen Experten davon aus, dass bundesweit 30 Prozent aller angezeigten Unfallfluchten fingiert sind.

Die preiswerte Folie (ein Din A4-Blatt kostet etwa 20 Cent), die nicht nur vom Namen her an das bekannte DCFix erinnert, hat gegenüber anderen Klebefolien einen entscheidenden Vorteil: Ihr Kleber enthält keine Lösungsmittel, die die gesicherten Spuren im Laufe der Zeit verfälschen könnten. Wenn roter Lack durch chemische Einflüsse in einem Monat orange geworden ist, taugt das Beweismittel nicht viel.

Die Folie kann in die gewünschte Größe geschnitten werden, wird dann auf die Schadstelle am Auto aufgeklebt, angedrückt und wieder abgezogen. Am Kleber hängt jetzt alles, was die Beule hergab, Lack und Gummireste inklusive. Dann muss man die Spuren nur noch lesen können. Jörg Geibel kann das.

Was für den Laien mehr oder weniger gleich aussieht, erzählt ihm in bis zu 500-facher Vergrößerung unter dem USB-Mikroskop seine eigene Geschichte. Und die ist oftmals eine ganz andere als die des Geschädigten.

Relativ klar ist die Sache, wenn im Kratzer und in der „Spurfix“-Probe andersfarbiger Lack in Form von Wolken oder Würmchen erscheint. Solche Spuren deuten in aller Regel darauf hin, dass sich hier zwei Fahrzeuge berührt haben.

Weitere Sicherheit liefert eine spezielle Software, mit deren Hilfe sich am Computer „Spurfix“-Fotos von unfallbeteiligten Fahrzeugen vergleichen und sogar übereinanderlegen lassen. An dieser Stelle kann das „Spurfix“-Verfahren dann auch entlastende Wirkung für den beschuldigten Halter eines gegnerischen Fahrzeugs entfalten, wenn sich herausstellt, dass die Lackspuren nicht zueinander passen.

Jörg Geibel legt einen „Spurfix“-Streifen unter das Mi­kroskop auf seinem Schreibtisch, der nach einer angeblichen Unfallflucht vom Fahrzeug des Geschädigten in Monschau abgenommen wurde.

In der Vergrößerung werden auf dem Monitor Pflanzenreste erkennbar, feines schwarzes Gekrümel könnte mineralischen Ursprungs sein und zum Beispiel auf einen Blumenkübel hindeuten, was zu den Pflanzenresten passen würde.

Das Schadensbild am dazugehörigen Wagen verstärkt den Eindruck: Der massive Kratzer liegt deutlich unterhalb der hinteren Stoßstange, wo ein anderer Autofahrer beim besten Willen gar nicht vorbeischrammen konnte. Zumindest nicht mit seinem Auto.

An dieser Stelle, oder wenn sich der Fahrer in Widersprüche verwickelt, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder schließt sich die Erinnerungslücke des Anzeigenerstatters schlagartig („Manche sind hier auch schon wieder rausgelaufen“, sagt Jörg Geibel), oder der Fall geht zum Sachverständigen und landet dann bei der Staatsanwaltschaft. Die leitet dann nach Angaben ihres Spreches Jost Schützeberg in Aachen bei hinreichendem Verdacht ein Ermittlungsverfahren wegen Vortäuschung einer Straftat ein.

Der Strafrahmen hierfür reicht von einer Geldstrafe bis zu einer Freiheitsstrafe, bei der sich im Ex­tremfall erst nach drei Jahren wieder die Gefängnistür öffnet. Die meisten Reparaturen wären vermutlich preiswerter gewesen.