Aachen: FH Aachen erforscht Wissenschaft vom perfekten Sprung

Aachen: FH Aachen erforscht Wissenschaft vom perfekten Sprung

Wenn in wenigen Tagen in Oberstdorf die 64. Vierschanzentournee der Skispringer beginnt, sitzt Alexander Jung wieder aufmerksam vor dem Fernseher. Der 25-Jährige ist begeisterter Anhänger des Skispringens. „Das war schon immer so“, sagt er. Und doch gibt es da diesen einen Aspekt, der ihn vom Rest der Skisprung-Zuschauer unterscheidet.

Der gebürtige Aachener sieht nämlich Dinge, die andere nicht sehen. Wenn Jung die Hochleistungssportler auf der Schanze beobachtet, dann drückt er nicht nur die Daumen, sondern analysiert gelegentlich auch die Ursachen von Erfolg und Misserfolg einzelner Sprünge. „Das Skispringen ist eine komplexe Wissenschaft“, sagt er.

„Es gibt mehrere Flugstile, die gleichermaßen zum Erfolg führen können“, sagt Alexander Jung. Er hat das Skispringen wissenschaftlich untersucht. Foto: Schaefer

Zu dieser Erkenntnis ist Jung nicht erst jetzt gekommen. Damals, Gymnasium, zwölfte Klasse, kam es zu ersten Berührungspunkten mit der Skisprung-Wissenschaft. Jung überraschte seinen Physiklehrer mit einem etwas ungewöhnlichen Thema einer Facharbeit.

„Ich wollte mir mal die Physik beim Skispringen genauer anschauen“, sagt Jung. Gesagt, getan: Und schon drehte sich bei dem damaligen Schüler alles um Anlauf- und Absprunggeschwindigkeit und Auftrieb. „Da hat es mich dann irgendwie gepackt“, sagt er.

Man könnte auch sagen, die Wissenschaft des Skisprungs hat den 25-Jährigen über seine Schulzeit hinaus nicht mehr losgelassen. Denn auch bei seiner Bachelorarbeit im Studiengang Biomedizintechnik an der Fachhochschule Aachen drehte sich alles um die mathematische Optimierung der Flugtechnik.

Gemeinsam mit dem renommierten Skisprungexperten Professor Wolfram Müller von der Universität Graz und Biomechanik-Professor Manfred Staat von der FH Aachen fand er heraus, dass es nicht den einen perfekten Skisprung gibt. Jung sagt: „Es gibt mehrere Flugstile, die gleichermaßen zum Erfolg führen können. Die Athleten müssen im Training auf der Schanze und im Windkanal die Grenzen ausreizen und ihr persönliches Optimum finden.“

Seine Schlussfolgerung klingt allgemein. Doch wie so ein möglicher perfekter Sprung dann wirklich aussehen kann, das weiß Jung im Detail. Und um das zu erklären, klappt er gerne seinen Laptop auf, öffnet ein paar Power-Point-Folien und taucht bei der Erläuterung tief ein in die Materie.

Dann spricht er vom Zusammenspiel aus Anlauf-, Absprung- und Flugphase und all den Kräften, denen der Skispringer dabei ausgesetzt ist. „Der Absprung ist entscheidend“, sagt er. „Wenn der misslingt, kann in der Flugphase nicht mehr viel herausgeholt werden. Gelingt der Absprung aber, entscheidet die Flugtechnik über Sieg und Niederlage.“

Austausch mit den Profis

Zwei Jahre ist die Fertigstellung seiner Bachelorarbeit nun her. Bereits kurz darauf wurde der 25-Jährige vom Internationalen Skiverband zum Skisprungweltcup nach Willingen eingeladen. Neben dem Austausch mit den Skisprung-Verantwortlichen konnte er dort auch einen Blick hinter die Kulissen werfen. „Das war sehr lehrreich“, sagt er. „Ich konnte mir die Sprünge aus allen möglichen Perspektiven ansehen und fand bei den Spitzenathleten Flugstile, die wir zuvor errechnet hatten.“

Welche Herausforderungen die Athleten immer wieder meistern müssen, hat Jung sogar in der Praxis einmal zu spüren bekommen. Und zwar zu dem Zeitpunkt, als er vor einigen Jahren selbst einmal auf einer Schanze stand. „Ich bin von einer Nachwuchs-Schanze gesprungen“, sagt er. „Ich habe es vielleicht auf zehn Meter geschafft. Das sieht immer so leicht aus, das ist es aber nicht.“

Inzwischen hat der 25-Jährige seinen Master erfolgreich abgelegt, nach Forschungsaufenthalten in Graz und Oxford promoviert er derzeit an der FH Aachen. Zwar geht es bei seiner Promotion um die mathematische Modellierung des menschlichen Herzens, doch die Wissenschaft des Skispringens hat Jung dafür nicht aus dem Auge verloren. Im Gegenteil: Seit seiner Bachelorarbeit steht Jung immer noch in regelmäßigem Kontakt mit Professor Müller aus Graz.

Beide arbeiten weiter gemeinsam an der wissenschaftlichen Untersuchung des Skisprungs. Ihre Ergebnisse präsentieren sie in Fachzeitschriften und auf internationalen Konferenzen. „Die wissenschaftliche Untersuchung des Skisprungs ist für mich inzwischen ein leidenschaftliches Projekt geworden“, sagt Jung. Und er geht noch einen Schritt weiter: „Ich könnte mir gut vorstellen, später auch einmal als Wissenschaftler für ein Skisprungteam zu arbeiten“, sagt er.

Bis dahin wird Alexander Jung weiterhin sämtliche Skisprung-Wettbewerbe aufmerksam vor dem Fernsehgerät verfolgen. Schon in der nächsten Woche beim Auftakt der Vierschanzentournee am 29. Dezember. Mit Sicherheit.

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