Aachen/Stolberg: Fall vor dem Schwurgericht: War die Mutter pflegebedürftig?

Aachen/Stolberg : Fall vor dem Schwurgericht: War die Mutter pflegebedürftig?

Der zweite Verhandlungstag im Strafverfahren gegen die 53-jährige Stolbergerin Hubertine W. vor dem Aachener Schwurgericht ist mit drei Beweisanträgen von Verteidiger Björn Hühne zu Ende gegangen, die alle auf eine Frage abzielen: War die Mutter der Angeklagten, die seit vielen Jahren im Haushalt der Familie von Hubertine W. gewohnt hatte, im eigentlichen Sinne pflegebedürftig — oder eben nicht.

Das sollen weitere Zeugen belegen. Denn wenn die 73-Jährige, die im August 2010 angeblich wegen mangelnder häuslicher Pflege starb, eigenständig dort lebte und in allen privaten und persönlichen Angelegenheiten für sich selbst sorgen konnte, wird die Staatsanwaltschaft es schwer haben.

Die Staatsanwaltschaft wirft Hubertine W., Mutter dreier Kinder, Misshandlung von Schutzbefohlenen mit Todesfolge vor. Mit den Beweisanträgen will Anwalt Hühne eine Verteidigungslinie absichern, die sich bereits am ersten Verhandlungstag abzeichnete. An dem nämlich hatte eine Zeugin Licht in den Fall gebracht, als sie „die Oma“, die im Haus von Hubertine W.s Familie als eine Art guter Geist fungierte, als durchaus bewegungsfähig und lebendig. Auf alle Fälle sei sie auch kurz vor ihrer Krankenhauseinlieferung nicht bettlägerig gewesen, hatte die Zeugin vor Gericht erklärt.

Als die 73-Jährige am 28. Juni 2010 ins Krankenhaus eingeliefert worden war, hatten die dortigen Ärzte aufgrund des hygienisch desolaten Zustandes der Frau das zuständige Amtsgericht verständigt. Die offenen Geschwüre am Rücken der 73-Jährigen konnten die Ärzte nicht mehr heilen — sie verstarb wenig später.

Ganz zu Beginn des Verfahrens, als es um die persönlichen Verhältnisse der Angeklagten ging, hatte sie sich nach einem kurzen Statement in Schweigen gehüllt. Am Dienstag nun rang Anwalt Hühne seiner Mandantin eine Erklärung zu den Vorwürfen ab, die er verlas.

Dieser Darstellung zufolge habe die ältere Frau, die, so Hühne, von den Kindern geliebt und umhegt worden sei, seit dem Tod ihres Mannes und einer schweren Krebserkrankung 2003 eine Arzthasserin gewesen. Sie habe überhaupt kein Vertrauen in die Mediziner gehabt und keinen Arzt an sich herangelassen. Denn bei der Krebsbehandlung sei ihrem Eindruck nach einiges schief gegangen.

Hühne verlas weiter, dass die 73-Jährige ihre Diabetes jahrelang unbehandelt gelassen habe. Ja, sie habe offene Wunden auf dem Rücken gehabt, die sie aber selbst mit Salbe behandelt habe. Tatsache sei, dass die ältere Frau, wie Zeugen bestätigten, bis zu ihrer Einweisung viel am Esstisch gesessen hatte und wie üblich Kaffee getrunken und gerauchte habe. Am Tag, als der Notarzt gerufen wurde, habe sie allerdings einen Schwindelanfall gehabt.

Der Prozess wird am 4. März fortgesetzt.

Mehr von Aachener Zeitung