Fall Nicky Verstappen: Mutmaßlicher Kindermörder ermittelt

Aachen/Maastricht : Mord an Nicky Verstappen: Verdächtiger flüchtig, trotzdem Hoffnung auf Gewissheit

Im Fall des 1998 ermordeten elfjährigen Jungen Nicky Verstappen ist den niederländischen Ermittlern offenbar ein spektakulärer Durchbruch gelungen: Nach dem größten Massen-DNA-Test der niederländischen Kriminalgeschichte gaben Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch in Maastricht bekannt, dass der mutmaßliche Täter ermittelt worden sei. Der 55-Jährige ist auf der Flucht.

Es war einer der spektakulärsten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte. Der „Maskenmann“ entführte Kinder aus Schullandheimen, Internaten und Zeltlagern, missbrauchte und ermordete sie. Die Missbrauchsserie begann 1992 in Norddeutschland. Fast 20 Jahre war der Pädagoge Martin N. nur ein Phantom, der maskiert die Jungen im Schlaf überraschte. Erst im April 2011 wurde der inzwischen 40-Jährige überführt. Er gab zu, drei Jungen ermordet und etwa 40 weitere Kinder missbraucht zu haben. Auch bei den Morden an Jonathan Coulom 2004 in Frankreich und Nicky Verstappen 1998 in der Brunssumer Heide bestand dringender Tatverdacht. Der zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder hatte das stets bestritten. Die Ermittlungen kamen nicht voran.

Jetzt zeichnet sich ab, dass der Fall Nicky Verstappen nach 20 Jahren wohl doch noch gelöst wird. Dringend tatverdächtig ist laut Staatsanwaltschaft der 55-jährige Jos B., nach dem europaweit gefahndet wird. Damit würde einer der spektakulärsten Fälle der niederländischen Kriminalgeschichte doch noch aufgeklärt.

Im August 1998 besucht Nicky Verstappen ein Sommercamp im Naturpark Brunssumer Heide. An einem warmen Sonntag, es ist der 9. August, enden die Aktivitäten für diesen Tag um 22 Uhr, die Kinder werden in den Militärzelten in ihre Betten geschickt. Der Elfjährige teilt sein Zelt mit fünf anderen Kindern aus seinem holländischen Heimatdorf Heibloem, das etwa 50 Kilometer entfernt liegt. In der Nacht muss einer der Jungen austreten, er ist der letzte, der den Freund Nicky gegen 5.30 Uhr noch sieht. Als morgens die Leiter die Kinder wecken, ist Nicky verschwunden.

Erste Suche erfoglos

Die erste Suche verläuft erfolglos, die Campleiter informieren die Polizei. Noch haben sie die Hoffnung, dass der Junge einfach nur weggelaufen ist. Es werden Plakate mit seinem Foto aufgehängt. Mehrere Leute aus Heibloem durchkämen die Gegend.

Am nächsten Tag suchen auch Militärpolizei und Soldaten die Brunssumer Heide mit Hunden und Flugzeugen ab. Am Abend wird seine Leiche an einem Maisfeld 1300 Meter vom Campingplatz entfernt gefunden. Der Tote trägt nur seine Pyjamahosen. Seine Fußsohlen sind sauber und makellos, die Polizei ist sich sicher, dass der Fund- nicht der Tatort ist. Die Gerichtsmediziner vermuten, das Nicky nach seinem Verschwinden noch mindestens acht Stunden gelebt hat. Bei der Autopsie wird keine eindeutige Todesursache festgestellt. Es gibt den Verdacht, dass Nicky unter Drogen gesetzt wurde, ein sexueller Missbrauch ist nicht ausgeschlossen. An seinem Körper wird eine winzige DNA-Probe gefunden, die ist später, als sich die Untersuchungsmethoden verfeinern, wohl der Schlüssel zum Erfolg.

Der Täter habe sich ausgekannt in der Heide, sagt ein Polizist. Er wird in einem Radius von etwa fünf Kilometern vermutet, könnte auch in Deutschland wohnen. Immer wieder werden Querverbindungen gesucht, wenn irgendwo in Europa ein Kindermörder verhaftet wurde. Aber eine Spur ergibt sich nicht.

Im Jahr 2003 greift der niederländische Kriminalreporter Peter R. de Vries den Fall auf. Er stellte fest, dass einige der Betreuer im Lager wegen Kindesmissbrauch verdächtigt oder sogar verurteilt worden sind. Der Leiter des Lagers wurde bereits in den 50er Jahren verurteilt — so recherchiert es der Journalist. Der 85-Jährige stirbt bald darauf. Jahre später wird sein Grab geöffnet, der DNA-Abgleich ist negativ.

Noch einmal macht der Fall Schlagzeilen, als im Jahr 2005 auf Nickys Grab immer wieder handgeschriebene Notizen gefunden werden, die auf Täterwissen hindeuten. „Nicky, du hast nur neun Stunden gelitten, ich leide immer noch.“ Anderthalb Jahre später wird der 36-jährige Autor verhaftet und verhört. Am Ende der Untersuchung steht fest: Es ist ein Psychiatrie-Patient, der nichts mit Nickys Tod zu tun hatte.

Vor acht Jahren bittet die Staatsanwaltschaft Maastricht 107 Männer, freiwillig eine DNA-Probe abzugeben. Sie alle stammen aus dem familiären und sozialen Umfeld des Opfers. In diesem Kreis vermuten die Ermittler den Täter. Auch die damaligen Campleiter werden aufgefordert, eine Speichelprobe abzugeben. 80 Männer folgen der behördlichen „Einladung“, der Durchbruch bleibt aus.

Später werden auch in niederländischen Gefängnissen Gefangene für sachdienliche Hinweise mit einer Belohnung geködert. Es bleibt ein „kalter Fall“. Als Anfang des Jahres 21 000 Männer zwischen 18 und 77 Jahren zu einer DNA-Massenuntersuchung gebeten werden, ist das nicht nur der größte Untersuchung aller Zeiten in den Niederlanden. „Es ist auch unsere letzte Chance“, stellt die Staatsanwaltschaft fest. Als die Reihenuntersuchung öffentlich vorgestellt wird, sagt Nickys Mutter Berthie: „Wir haben Angst zu hören, was passiert sein kann. Aber wir bekommen keine Ruhe, solange wir das nicht wissen.“

Jetzt endlich zeichnet sich Gewissheit ab.

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