Fall der "Gorch Fock"-Kadettin Jenny Böken: Neuer Zeuge vernommen

Ein Zeuge, ein Video und Todesdrohungen : Neue Ermittlungen um „Gorch-Fock“-Kadettin Jenny Böken?

Nach der Vernehmung eines neuen Zeugen durch die Kieler Staatsanwaltschaft werden die Ermittlungen zum Tod von Jenny Böken womöglich wieder aufgenommen. Die Seekadettin aus Geilenkirchen war 2008 auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ über Bord gegangen.

Ihr lebloser Körper war zwölf Tage später in der Nordsee gefunden worden. Der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler bestätigte auf Anfrage, dass der Zeuge, , der inzwischen eine Geschlechtsumwandlung zu einer Frau hinter sich habe, jetzt in Kiel vernommen worden sei. Es handele sich um jenen ehemaligen Bundeswehrsoldaten, der sich vor etwa einem Jahr bei der Familie gemeldet und eine eidesstattliche Versicherung abgegeben hatte. Über den Inhalt der Vernehmung gab Bieler keine Auskunft. Der zuständige Staatsanwalt „überprüfe“ die Angaben noch, dann werde entschieden, ob „die Ermittlungen in der Todessache Böken wieder aufgenommen“ werden.

Der ehemalige Bundeswehrsoldat hatte im vergangenen Jahr in Aachen erklärt, dass ihn kurz nach dem Auffinden der Leiche von Jenny Böken mehrere Männer – darunter Marineangehörige – in einer Kaserne besucht hätten. Sie sollen angedeutet haben, dass die junge Frau erdrosselt worden sei. Der Anwalt der Familie, Rainer Dietz, hatte damals betont, dass die Personen für die Behörden identifizierbar seien und angehört werden müssten. Der ehemalige Soldat war demnach während der Ausbildungsfahrt nicht selbst auf der „Gorch Fock“ gewesen.

Zeuge will massiv bedroht worden sein

Der Zeuge habe nach eigener Aussage mit Jenny Böken zuvor auf einer Party in Düsseldorf in alkoholisiertem Zustand Sex gehabt. Filmaufnahmen davon seien auf der „Gorch Fock“ kursiert, habe Böken ihm am Telefon noch erzählt, berichtete Dietz. Böken habe demnach damit gedroht, das Kursieren der Aufnahmen zu melden.

Der ehemalige Soldat versicherte an Eides statt, er sei selbst von Kameraden wegen seiner damaligen Nähe zu Jenny Böken und seines Wissens über die näheren Todesumstände massiv bedroht worden. Die Betreffenden hätten ihm angedeutet, ihm drohe dasselbe, was der Kadettin auf Deck geschehen sei, wenn er nicht weiterhin Stillschweigen bewahre.

Die Beisetzung von Jenny Böken im September 2008 auf dem Friedhof in Geilenkirchen-Teveren. 600 Menschen namen in einer bewegenden Trauerfeier Abschied von der über Bord gegangenen Soldatin. Foto: dpa/Georg Schmitz

Die Familie Böken hatte anlässlich zahlreicher ungeklärter Umstände des Todes der 18-jährigen Kadettin immer wieder mit Nachdruck auf weiteren Ermittlungen bestanden. Nach Ansicht der Eltern sei ein Mord nicht auszuschließen.

War ehemaliger Marinesprecher mit an Bord?

Zudem gibt es nach Angaben des Anwalts Hinweise auf Unstimmigkeiten über die Glaubhaftigkeit der von der Marine nach dem Tod von Jenny Böken veröffentlichten Besatzungsliste. In einem weiteren Schreiben an die Kieler Staatsanwaltschaft beantragt Dietz deswegen die Vernehmung des im Jahr 2008 aktuellen Sprechers der Bundesmarine, Fregattenkapitän Achim Winkler. Der Grund: Winkler habe sich nach damaligen Presseberichten in der Nacht des Todes von Jenny Böken an Bord des Dreimasters befunden.

Gegenüber dem Nachrichtenportal RP-Online der „Rheinischen Post“ habe der Presseoffizier sich nur wenige Tage vor der Todesnacht während dieser mehrtägigen Ausfahrt der „Gorch Fock“ allgemein zur Gefahrenlage auf dem Schiff geäußert. Dieser Zeuge sei von der ihm vorliegenden Besatzungsliste entfernt worden, sagte Dietz am Freitag. Er beantrage die umgehende Vernehmung des Mannes.

Oberstaatsanwalt Bieler wollte dazu keine Stellung nehmen: „Es sind bislang eine ganze Reihe von Anträgen des Anwalts der Familie eingegangen. Bei der Prüfung der möglichen Wiederaufnahme werden wir auch diese prüfen“, sagte er.

Anwalt Dietz hält das Verhalten der Kieler Staatsanwaltschaft für skandalös. Es sei von dem Bestreben gekennzeichnet, „die Ermittlungen zu torpedieren“ und in einem sogenannten juristisch geringer wertigen „Vorermittlungsverfahren“ anonym zu halten. Das sei gegenüber der Familie von Jenny Böken „einfach beschämend“.

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