Aachen: Fakultätsrat stimmt gegen Aus für RWTH-Romanistik

Aachen : Fakultätsrat stimmt gegen Aus für RWTH-Romanistik

Der Protest hat zunächst einmal gewirkt. Bei der gestrigen Fakultätsratssitzung, der 328. in der Geschichte der RWTH Aachen, wurde nach langer Diskussion mit knapper Mehrheit gegen die Einstellung der Lehramtsstudienfächer Französisch und Spanisch gestimmt.

Genauer gesagt: Es gab eine Mehrheit, die sich gegen einen Antrag des Dekanats stellte, beim Rektorat die Schließung des Fachs zu beantragen.

Das bedeutet Folgendes: Das Aus für die Romanistik an der RWTH wurde am Mittwoch nicht besiegelt. Die Entscheidung bedeutet aber auch nicht deren Fortbestand. Denn das Prozedere in einem solchen Fall sieht vor, dass nun ein Ältestenrat tagt, um das Einvernehmen zwischen Dekanat und Fakultätsrat wiederherzustellen. Es gilt, einen neuen Antrag zu erarbeiten, der dann wiederum im Fakultätsrat neu abgestimmt wird. Dafür hat der Dekan bereits eine neue Sitzung des Fakultätsrats einberufen — und zwar am 6. August, mitten in der vorlesungsfreien Zeit.

Die ursprüngliche Planung des Dekanats hätte Folgendes vorgesehen: Zum neuen Wintersemester wären noch einmal neue Studenten aufgenommen worden, und alle Eingeschriebenen hätten ihr Studium auch (bis 2023) beenden dürfen.

Die Begründung für das angedachte Aus der Romanistik lieferte dabei die Beschlussvorlage für den Fakultätsrat — es geht darum, Kapazitäten für neuartige interdisziplinäre Einrichtungen an der Fakultät zu schaffen. „Das Dekanat sieht darin die Chance, ein Alleinstellungsmerkmal zu schaffen, das den Fortbestand der Philosophischen Fakultät langfristig sichert“, heißt es.

Dabei war zuletzt der Druck auf Rektorat wie Fakultätsspitze gestiegen — vor allem der öffentliche: weit mehr als 3000 Unterzeichner einer Online-Petition gibt es, die örtliche Politik wurde für das Thema sensibilisiert. Ein Dialog wird gewünscht. Es ist auch die Symbolwirkung, die gefürchtet wird: Ausgerechnet die selbst ernannte Europastadt Aachen will die Romanistik aufgeben.

Die Frage ist: Was spricht eigentlich gegen die Romanistik an der RWTH Aachen? 306 Studenten im ersten Studienfach (Hauptfach) zählte die Disziplin im letzten Wintersemester. Das waren zwei mehr als ein Jahr zuvor. Und sogar 37 mehr als im Wintersemester 2010/2011. Die Zahl der sogenannten Studienfälle, also aller Studenten in Haupt- und Nebenfach, liegt sogar bei 709. Zum Vergleich: Die Soziologen zählten im Wintersemester 2013/2014 278 solcher Studienfälle, die Katholische Theologie 498 und die Literatur- und Sprachwissenschaft 220.

Auch die Zahl der Absolventen in der Romanistik ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: Laut RWTH-Zahlenspiegel, der jährlichen Statistik der Hochschule, von 14 im Jahr 2008 auf 23 im vergangenen Jahr. Eine fachinterne Liste spricht für das laufende Jahr 2014 bereits von 53 Prüfungen, für das Jahr 2013 von 59 — und das nur bei einer Professorin. Auch hier ein Vergleich: 2005 wurden bei dieser Professorin nur sieben Prüfungen abgelegt. Es gibt also reihenweise Zahlen, die durchaus für die Romanistik sprechen.

Und auch den Anspruch, interdisziplinär zu arbeiten und vor allem zu forschen, den die RWTH verfolgt, sehen die Betroffenen gegeben. Belegt werden kann dies ebenfalls: Die Philosophische Fakultät hat gerade erst eine Broschüre publiziert, in der sie beispielhaft laufende Forschungsprojekte — betont interdisziplinäre — vorstellt. Zwei der 26 Projekte werden von der Romanistik verfolgt: „Frankophone Manuskripte“ und „Interkultureller Normen- und Wertewandel“. Und mit dem Kulturbetrieb der Stadt Aachen läuft seit 2007 das Projekt „La cuisine du poète“.

Wäre als letztes Argument noch der mangelnde Bedarf an Spanisch- und Französischlehrern. Doch auch in anderen Lehrfächern gibt es längst mehr Lehrer als Stellen.

Die freiwerdenden Ressourcen — also Professuren — werden, egal wie nun am 6. August entschieden wird, an der Philosophischen Fakultät bleiben. Zwei sind es an der Romanistik, das Aus der Lehramtsfächer Französisch und Spanisch fällt ganz gut mit der Pension der Professorinnen zusammen. Eine dritte Professur ist schon länger unbesetzt. Die Romanistik aufzugeben, ist also eine unkomplizierte, wohl auch billige Lösung. Das sagen zumindest betroffene Mitarbeiter. Sie fühlen sich jetzt schon „kaputtgespart“. Dabei würden sie gerne an einem Konzept für die Zukunft arbeiten.

Es ist erklärter Wunsch der Hochschulleitung und des Strategierats der RWTH, in interdisziplinären Einrichtungen wie dem Projekthaus Hum-Tec, in dem Geistes- und Sozialwissenschaften und Ingenieur- und Naturwissenschaften zusammenwirken, mehr Professuren einzurichten. Die fünf Hum-Tec-Professuren zum Beispiel, die sollen bleiben. Und gerne mehr werden.

(tka)
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