Niederländisch-belgischer „Fall Relotius“: Fake-News-Vorwürfe gegen Limburger Journalisten

Niederländisch-belgischer „Fall Relotius“ : Fake-News-Vorwürfe gegen Limburger Journalisten

Vor einem Monat erschütterte der Fall des Journalisten Claas Relotius und seiner zum Teil erfundenen Reportagen die deutsche Medienlandschaft. Nun wurden in den Niederlanden ähnliche Vorwürfe gegen einen Journalisten laut.

Unter dem Titel „Te mooi om waar te zijn” (Zu schön um wahr zu sein) veröffentlichte das Wochenmagazin De groene Amsterdammer am Dienstagabend umfangreiche Rechercheergebnisse über den Journalisten B., der mittlerweile bei der Stadt Roermond arbeitet.

Die Liste der betroffenen Magazine und Zeitschriften in den Niederlanden und dem flämischen Belgien ist lang und teils renommiert: De Tijd, Nieuwe Revu, Elsevier, Knack, VICE und OneWorld sind nur einige davon. Der Journalist publizierte vor allem Stücke über die Drogenszene in den Niederlanden und Belgien sowie über Dschihadisten, die in Syrien und im Irak für das Terror-Kalifat Islamischer Staat (IS) kämpften und noch immer kämpfen, ferner über die italienische Mafia.

B., der die meisten Artikel als Freiberufler unter seinem Pseudonym M. in den Niederlanden und Belgien veröffentlichte, wird vorgeworfen, dass zahlreiche seiner Quellen erfunden sind. Alleine beim Magazin Nieuwe Revu sollen zwischen Mai 2016 und Dezember 2018 insgesamt 27 solcher Artikel erschienen sein.

Dort reagierte die Chefredaktion am Dienstagabend mit einer Stellungnahme: Zwar seien nicht zwingend alle Quellen erfunden, jedoch gab es genug Anhaltspunkte, seine Texte zurückzuziehen und die Zusammenarbeit mit ihm zu beenden.

Die belgische Zeitschrift Knack legte ebenfalls sechs Artikel offen, an denen erhebliche Zweifel bestehen. So verfasste B. eine Reportage über ein Hotel in Sarajevo, in dem Gäste die Bedingungen des Bürgerkriegs am Balkan erleben können. Der zitierte Hotelbesitzer habe jedoch auf Rückfrage angegeben, niemals mit dem Autoren gesprochen zu haben. Für einen Artikel über Panama soll der Verfasser mit einem niederländischen Auswanderer gesprochen haben, der ebenfalls angab, einen B. – beziehungsweise M. – nicht zu kennen.

Geschichte aus „Foreign Policy“ abgeschrieben

„Aufgeflogen ist B. durch eine Story über die Ukraine, die er fast Wort für Wort aus der Zeitschrift ,Foreign Policy’ übernommen hat. Einem unserer Leser ist das aufgefallen. Er hat uns informiert“, berichtet die Chefredaktion von Knack. Nach ihren Angaben sei den Kollegen aus der Redaktion der belgischen Website Apache‘ bereits 2014 aufgefallen „dass B. Plagiat betreibt“. Er habe damals Artikel von dänischen Zeitungen übernommen und die fast wörtlich nach einer Übersetzung dann in Niederländisch Apache angeboten. Danach habe die Webseite die Zusammenarbeit beendet.

Diese Masche zieht sich den Berichten nach durch zahlreiche Veröffentlichungen des Autors: Experten, mit denen er wohl nie gesprochen hat, zwei Psychologen aus Amsterdam und Groningen, die nie existierten, ein Zollbeamter, dessen Nachname in den Niederlanden gar nicht zu finden ist oder Geschichten, die er fast eins zu eins aus Artikeln anderer übernommen hat.

Auf Nachfrage des Rechercheteams habe M. die Vorwürfe bestritten: Er habe per Mail mit seinen Kontakten kommuniziert. Beweise habe er jedoch nicht geliefert.

Von seiten der Stadt Roermond habe es gegenüber dem Magazin De groene Amsterdammer zunächst geheißen, dass die Arbeit des Beamten B. von seiner Laufbahn als Journalist getrennt gesehen werde. Die Angelegenheit werde als Privatsache eingestuft.

Die niederländische Tageszeitung „De Limburger“ berichtete am Mittwoch jedoch, die Stadtverwaltung untersuche den Fall. Zwar falle die journalistische Arbeit ihres Mitarbeiters nicht in die Verantwortung der Stadt, solche freiberuflichen Nebenbeschäftigungen dürften jedoch den Interessen des Arbeitgebers nicht schaden. Derzeit sei B. nicht am Arbeitsplatz. Ob er sich krank gemeldet hat oder freigestellt wurde, gab die Stadtverwaltung nicht bekannt.

Frits van Exter, Vorsitzender des niederländisches Rates für Journalistik, vergleicht den Fall B. mit dem von Claas Relotius in Deutschland beim Spiegel und anderen deutschen Medien. „Je anonymer die Quellen, desto mehr Alarmglocken müssten in den Redaktionen läuten“, meint van Exter. Denn die Fake-News-Geschichten der journalistischen Fälscher wie B. oder Relotius seien oft einfach „too good to be true“. Zu schön, um wahr zu sein.

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