Köln: Extremsport: Wenn der Körper vor Schmerzen schreit

Köln: Extremsport: Wenn der Körper vor Schmerzen schreit

470 Kilometer und 6350 Höhenmeter in zwei Tagen. Da fragt man normalerweise: „Auto oder Flugzeug?“ Auf die Idee, solch eine Distanz mit Muskelkraft zurückzulegen, muss man erst einmal kommen. „Gigathlon“ nennt sich der Wettbewerb, zu dem sich am dritten Wochenende im August im südlimburgischen Landgraaf die Elite der Ausdauersportler trifft.

Das Programm: Sieben Kilometer Schwimmen, 125 Kilometer auf dem Mountainbike durchs Gelände, 240 Kilometer mit dem Rennrad auf der Straße, 45 Kilometer Laufen und 53 Kilometer Inline-Skaten. Erfunden hat’s 1998 ein Schweizer: Peter Wirz, Besitzer einer Werbeagentur in Zürich. 400 Anmeldungen für die Veranstaltung im August in der Euregio lagen Anfang des Jahres bereits vor.

Ingo Froböse: „Gigath­lon? Nie im Leben.“ Foto: Monika Sandel

Doch wie sehen Experten solche Veranstaltungen? Ingo Froböse (57) ist Professor für Rehabilitation und Sport an der Deutschen Sporthochschule in Köln und einer der bekanntesten deutschen Sport- und Ernährungswissenschaftler. Mit ihm sprach Ulrich Simons.

Anfang der 80er Jahre waren Sie Mitte 20 und leistungsmäßig auf dem Gipfel. Hätte Sie ein Gigathlon gereizt, wenn es so etwas damals schon gegeben hätte?

Froböse: Eindeutig nein. Das hätte mich damals nicht gereizt und reizt mich heute auch nicht.

Warum nicht?

Froböse: Das ist mir zu grenzgängerisch. Meines Erachtens ist der Organismus für bestimmte Dinge einfach nicht gebaut. Ich habe viele Menschen hier bei uns gesehen, die schlecht vorbereitet einen Marathon gelaufen waren, der ja nur vier bis sechs Stunden dauert. Die hatten anschließend Symptome, als ob sie einen Herzinfarkt gehabt hätten. Der Herzmuskel war völlig zerstört. Das Muskelgewebe war regelrecht kaputt. Ich bin ein großer Sportfan, aber so etwas würde ich nie im Leben machen.

Der Arzt Paracelsus (1493—1541) hat gesagt: „Die Dosis macht das Gift“. Kann man das auf den Sport übertragen? Gibt es eine Linie, hinter der auch der Sport anfängt, Gift zu werden?

Froböse: Ich glaube, dass ein Marathonlauf diese Grenze schon fast darstellt. Wir sind nicht für Marathon geboren. Die Menschen der Urzeit waren Hetzjäger, die sind bis zu 30 Kilometer gelaufen. Genetisch und durch die Evolution bedingt konnten sie das. Aber die haben zwischendurch immer Pausen gemacht. Heute wissen wir, dass das normale, gesunde Maß bei etwa zwei bis drei Stunden Aktivität liegt. Bei allem, was darüber hinausgeht, muss man in Kauf nehmen dass das kurz- oder langfristige Schädigungen nach sich zieht.

Mit welchen speziellen Schäden müssen Gigathleten rechnen?

Froböse: Zum einen mit kurzfristigen Entzündungsreaktionen. Wenn ich zu lange Belastungen habe, dann wird immer Gewebe zerstört, und das hat zur Folge, dass sich eine Unzahl von Entzündungsherden im Körper entwickelt. Was mir aber viel größere Sorgen macht: Es gibt neue wissenschaftliche Meta-Analysen, also Studien auf Basis verschiedener anderer Studien, die besagen, dass extreme Ausdauersport-Leistungen dermaßen stark in die Eiweiß-Synthese des Körpers eingreifen, dass sie sogar zu Alzheimer oder ähnlichen Erkrankungen führen können. Das ist echt ein großes Problem. Da denken viele Sportler gar nicht drüber nach. Der Eiweiß-Haushalt wird gestört.

Und hinter der Ziellinie ist die Welt wieder in Ordnung?

Froböse: Ganz wichtig ist für die Sportler, dass sie nach solch einer Belastung absolut anfällig sind für Erkrankungen. Die Infektanfälligkeit steigt ins Unermessliche. Das Immunsystem wird ja völlig heruntergefahren. Man sollte sich hüten, danach mit Menschen in Kontakt zu treten, die irgendwelche entzündlichen Erkrankungen oder Infektionen haben. Ganz häufig sind Phänomene wie rheumatisches Fieber, weil entzündliche Reaktionen an Gelenken auftreten. Das Immmunsystem ist ja den ganzen Tag mit Reparaturen beschäftigt, und irgendwann wird es dann kirre.

Sind sämtliche Gigathlon-Disziplinen für den Körper gleichermaßen problematisch?

Froböse: Die Frage ist: Wo hat der Körper die größte Belastung auszuhalten, und das ist natürlich beim Laufen. Wenn wir im Stehen 100 Prozent des Körpergewichtes haben, erhöht sich diese Belastung beim Laufen stellenweise auf bis zu 200 Prozent. Das ist erst mal nicht schlimm, aber die Dauer macht es schlimm und die ständigen Wiederholungen, wenn immer wieder diese 200 Prozent auf dem Hüft- oder auf dem Kniegelenk landen. Und wenn die Muskulatur ermüdet, kann sie ihre Federungs- und Puffer-Funktion nicht mehr ausüben, und dann landet das ganze Gewicht fast ungedämpft auf den Knochen.

Wie lange braucht ein Untrainierter, um auf das Leistungsniveau für einen Gigathlon zu kommen?

Froböse: Wenn es nur ums Durchhalten geht, gehe ich davon aus, dass er sich mindestens ein Jahr lang vorbereiten muss.

Wie sieht eine seriöse Vorbereitung auf solch einen Wettkampf aus?

Froböse: Er muss ein halbes Jahr lang mindestens sechs bis sieben Stunden am Tag trainieren, um eine Grundlage zu schaffen. Unsere Profi-Triathleten trainieren fünf bis sieben Stunden am Tag. Die fangen mit Schwimmen an, dann gehen sie aufs Rad und dann zum Laufen.

Wie erklärt sich denn die hohe Ausfallrate von bis zu 70 Prozent?

Froböse: Ich gehe davon aus, dass mindestens 30 Prozent der Teilnehmer nicht ausreichend vorbereitet sind. Das zweite ist, dass es durch die Wettkampf-Situation zu einer zusätzlichen Aktivierung des Hormonhaushaltes kommt, dadurch wird viel mehr Energie in kurzer Zeit verbrannt. Wenn Sie da keine vernünftige Zufuhr an Nahrung und Flüssigkeit haben, kollabieren sie viel früher. Und: Ich habe eine psychische Beanspruchung auch dadurch, dass meine Selbstregulation durch die Fremdregulation der Anderen abgelöst wird. Die laufen an mir vorbei, das Wetter ist schön, und dann überziehe ich. Die Hauptursache der Ausfälle ist, dass die Sportler sich auf dem ersten Teilabschnitt über­fordern, und dann kommt es zum Abbruch.

Der Kopf sagt „halt durch“, die Muskulatur signalisiert „ich kann nicht mehr“. Wer gewinnt das Duell?

Froböse: Der Kopf ist immer der Chef. Wenn wir muskulär ermüdet sind, entscheidet immer der Kopf ob wir aufhören, nie die Muskulatur. Die sendet nur Hilferufe nach oben.

Wie hoch ist der Kalorienverbrauch bei solch einem Wettkampf?

Froböse: Wenn Sie von einem durchschnittlichen Energiebedarf von 600 Kilokalorien (kcal) pro Stunde ausgehen und das mit zehn Stunden multiplizieren, sind Sie bei 6000 kcal pro Tag. Zum Vergleich: Bei sitzender (Büro-)Tätigkeit brauchen Sie am Tag etwa 2500 kcal, bei schwerer Arbeit (Bauarbeiter) rund 3600.

Kann man die während des Wettkampfes kompensieren?

Froböse: Die kann man zuführen, aber der Körper kann sie nicht verwerten. Unter Belastung ist der Körper nicht auf Verdauung eingestellt, sondern auf die Bereitstellung von Energie. Das bedeutet, dass dieser gesamte Prozess der Energiebereitstellung darunter leiden würde, wenn ich ihm zu große Mengen an Kalorien zuführe. Sportler haben in ihren Muskeln für etwa zwei Stunden Kohlehy­drate dabei, haben allerdings für Tausende von Stunden Fett. Um da heranzukommen, brauchen sie allerdings Kohlehydrate, denn Fette verbrennen nur im Fegefeuer der Kohlehydrate. Was die zuführen müssen, sind also immer Kohlehydrate, damit sie an ihre Fette kommen. Diese Verbrennung der Kohlehydrate kostet den Körper allerdings Energie und damit wieder Leistung. Daher muss man Kohlehydrate zuführen, die ganz schnell zur Verfügung stehen. Das kann auch mal eine Cola sein. Oder Traubenzucker. Die sind aber keine Nährstoffe im klassischen Sinne, sondern stellen nur Verbrennungshilfen dar, um an die Fette heranzukommen.

Aber Sportler haben diese Fettreserven in der Regel doch gar nicht.

Froböse: Ein Kilogramm Fett hat 7000 Kilokalorien. Das heißt: Sie könnten diese Tagesdistanz mit zwei Kilogramm Fett bewältigen. Sportler haben in der Regel um die zehn Prozent ihrer Körpermasse als Fett. Ein 70-Kilo-Athlet hat also sieben Kilo Fett bzw. rund 50.000 Kilokalorien dabei. Damit kommt der gut aus.

Ein Muskel braucht nach starker Beanspruchung min­destens 48 Stunden zur Regeneration. Diese Erholungsphase hat er beim Gigathlon nicht. Mit welchen Folgen?

Froböse: Wenn man dem Körper diese Zeit zur Erholung nicht gibt, geht die Leistung in den Keller. Das heißt: Wenn ich nicht normal erholt in den Wettkampf gehe, kann ich davon ausgehen, dass meine Leistung am zweiten Tag auf jeden Fall geringer ist. Man muss dem Körper schon am ersten Wettkampftag genügend Eiweiße zur Regeneration zur Verfügung stellen, unter Umständen unmittelbar nach dem Wettkampf sogar als Infusion.

Geht das alles ohne Doping?

Froböse: Ich glaube, was in dieser Szene sehr verbreitet ist, ist die Einnahme von Schmerzpillen. Denn die Schmerzen, die sich während des Rennens einstellen, sind viel gravierender als das Energieproblem. Ich glaube, dass sich viele Sportler durch das kontinuierliche Einwerfen von Schmerzpillen wettkampffähig halten. Normalerweise will der Körper solch eine Tortur nicht. Der schreit vor Schmerzen. Da bin ich sicher.

Wie oft kann man sich solch einen Wettbewerb zumuten?

Froböse: Am besten überhaupt nicht. Aber wenn, dann höchstens einmal im Jahr. Schon ein normaler Marathon zieht zwei bis drei Monate Regenerationszeit nach sich.

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