Experten: Schulen entdecken Kindesmissbrauch viel zu selten

Unabhängige Beschwerdestellen gefordert : Experten: Schulen entdecken Kindesmissbrauch viel zu selten

Laut Sachverständigen wird Kindesmissbrauch an Schulen kaum erkannt. Schulen handelten bei Vorfällen nicht konsequent genug, so die Leiterin der der Kölner Kontaktstelle „Zartbitter“. Sie fordert unabhängige Beschwerdestellen.

Sexueller Kindesmissbrauch wird an Schulen nach Ansicht von Experten viel zu selten erkannt. Es werde derzeit viel diskutiert über das Versagen von Polizei und Jugendämtern, aber nicht über das Versagen von Schulen, kritisierte die Leiterin der Kölner Kontaktstelle „Zartbitter“ gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen im Düsseldorfer Landtag. Dort setzte sich der Untersuchungsausschuss zum Thema Kindesmissbrauch am Freitag mit der Opferperspektive auseinander.

Alle betroffenen Kindern gäben Signale, sagte Ursula Enders. Oft würden sie aber nicht verstanden, Verdachtsfälle würden bagatellisiert und nicht konsequent gehandelt, so dass missbrauchte Kinder erneut verstummten. In den Schulen blieben solche Vorfälle meist in einem geschlossenen System, Fachleute würden nur selten zu Hilfe geholt. Die derzeit vielfach propagierten Schutzkonzepte seien „mehr oder weniger Mogelpackungen“.

Wenn Lehrer sexualisierte Gewalt ausübten, gebe es an den Schulen „eine Rollenkonfusion“, denn derjenige, der dort die Beschwerde bearbeite, sei gleichzeitig Vorgesetzter des betroffenen Lehrers, stellte Enders fest. Die Sozialpädagogin forderte eine unabhängige Beschwerdestelle gegen sexuellen Kindesmissbrauch.

Ähnlich äußerte sich der Sozialpsychologe Heiner Keupp von der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ in Deutschland. Ein Viertel der rund 2000 Fälle, die seine Kommission angehört habe, hätten sich in Schulen abgespielt. Die Aufarbeitung sei aber schwierig.

So seien etwa beim großen Missbrauchsskandal an der hessischen Odenwaldschule seit den 70er Jahren 27 Gelegenheiten verpasst worden, früher hinzuschauen. Von den schulischen Schutzkonzepten gegen Missbrauch komme wenig im Alltag an. „Es wird gern mit Schutzkomplexen Symbolpolitik gemacht.“

(dpa)