Landgericht verhängt Haftstrafe: Ex-Laienprediger verging sich an seinen Enkelinnen

Landgericht verhängt Haftstrafe : Ex-Laienprediger verging sich an seinen Enkelinnen

Heinz-Günter K. muss ins Gefängnis. Die 5. Große Strafkammer des Landgerichts verurteilte den ehemaligen Laienprediger der Neuapostolischen Gemeinde (NAK) am Freitagmorgen wegen sexuellen Missbrauchs in vier Fällen zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren.

So hatte es auch Oberstaatsanwältin Carolin Kraft beantragt. Seine beiden Opfer waren damals im Kindergartenalter – es sind seine Enkelinnen. „Das Verfahren hat wieder gezeigt, dass solche Taten die Psyche von Kindern, aber auch ganze Familien zerstören können“, fasste Richterin Regina Böhme zusammen. Der Anwalt des Angeklagten, Markus Jentgens, hatte eine „angemessene Bewährungsstrafe“ für seinen nicht vorbestraften Mandanten gefordert. Er deutete nach dem Urteil an, Revision einlegen zu wollen.

Dass es den sexuellen Missbrauch gegeben hat, war in dem Verfahren vor der 5. Strafkammer unstrittig. Der Täter hat sich über seinen Anwalt entschuldigt. „Ich schäme mich über alle Massen, ich habe große Schuld auf mich genommen“, hat Heinz-Günter K. ausrichten lassen. Der 75-Jährige hat nur vier Verbrechen eingeräumt, während die Staatsanwaltschaft ihn zunächst in 73 Fällen anklagt hatte. Weil das schriftliche Geständnis sehr allgemein gehalten war, blieb seinen Enkelinnen eine intensive Befragung - unter Ausschluss der Öffentlichkeit - nicht erspart. Die Opfer hatten ihr Märtyrium geschildert, das sich zwischen September 2001 und Februar 2003 in der Wohnung der Großeltern in Aachen-Eilendorf regelmäßig ereignet haben soll. Es war erst Karneval 2003 beendet, nachdem eines der Kinder heulend der Mutter mitgeteilt habe, warum es nicht mehr zum Opa wolle…

Bei den Besuchen der Enkelinnen lag der auf dem Sofa, trug einen Trainingsanzug, der Fernseher lief, und Oma zog die Tür zum Wohnzimmer zu, um in der Küche Milchreis zu kochen. „Als Belohnung“ - so steht es auch in der Anklage. „Die Oma kam immer erst herein, wenn alles vorbei war.“

Irmtraud K., 68 Jahre alt, war ebenfalls angeklagt. Sie wurde vom Vorwurf der „Förderung sexueller Handlung an Minderjährigen“ oder auch „Beihilfe“ freigesprochen – wie es letztlich auch die Staatsanwaltschaft beantragt hatte. Die Frau selbst hatte im Prozess geschwiegen, der Verhandlung manchmal nur kopfschüttelnd verfolgt. Der Freispruch fiel nicht blütenweiß aus. „Der Kammer fällt es schwer zu glauben, dass sie in der kleinen Wohnung nicht mitbekommen hat, was passiert ist“, sagte die Richterin. Die Angeklagte habe sich auch später immer hinter ihrem Mann gestellt, dessen Vergehen „auf eine beschämende Art bagatellisiert“.

In dem Verfahren hat Regina Böhme einen Brief vorgetragen, den die Enkelin geschrieben, aber niemals an ihren Peiniger abgeschickt hat. Es ist eine weitere Anklageschrift, die dramatisch veranschaulicht, welche Folgen der sexuelle Missbrauch Jahrzehnte danach noch hat.

Der Brief beginnt ohne Anrede. „Das hast Du nicht verdient“, schreibt die Enkelin. „Wie konntest Du uns so etwas antun? Ich war ein unschuldiges kleine Kind…Die Wunde ist im Laufe der Jahre immer größer geworden. Ich bin nicht schuldig, werde aber seit vielen Jahren gestraft.“ Es sind Zeilen voller Wut und Verzweiflung einer Frau, die noch heute von Alpträumen geplagt wird: „Wer wäre ich, wenn Du mich hättest Kind sein lassen, wie schön könnte mein Leben sein? Ich bin gefangen, warum bist Du nicht gefangen?“ Ziemlich am Ende fragt sie ihren Großvater noch: „Wie willst Du die Taten vor Gott verantworten?“ Die Frauen selbst traten in dem Verfahren als Nebenklägerinnen auf.

15 Jahre nach den Taten war die Wahrheitsfindung naturgemäß sehr schwierig. Deswegen war letztlich auch die Zahl der Verbrechen nicht mehr eindeutig zu ermitteln. Dass so viel Zeit vergangen ist, hängt mit der Entscheidung der Opferfamilie zusammen, damals keine Anzeige zu erstatten. Dieser Entschluss wiederum hängt auch mit der neu-apostolischen Kirche (NAK) zusammen, der sowohl die Opferfamilie als auch die Angeklagten angehören.

Der verurteilte Heinz-Günther K. war damals als Prediger ehrenamtlich tätig. Die Eltern der missbrauchten Töchter hatten sich an einen Seelsorger der Gemeinde gewandt. Die NAK habe der Familie sehr nahegelegt, keine Anzeige zu erstatten, sagte die Mutter aus. Die oberste Kirchenleitung habe im Gegenzug spirituelle Dankbarkeit in Aussicht gestellt. Das war 2003. „Frühzeitig waren die Eltern und die Kirche über den Missbrauch informiert, aber ihnen ging es damals nicht um den Schutz der Kinder, sondern das Ansehen der Neuapostolischen Kirche“, sagt Böhme. Anzeige wurde nicht erstattet. „Stattdessen wurde gebetet.“

Die Opferfamilie musste noch einmal bei der damaligen Kirchenleitung nachhaken. Erst 2005 gab Heinz Günter K. seine Tätigkeit in der Aachener Gemeinde 2005 auf. Verharmlosende Begründung für die Gemeinde: „Aus gesundheitlichen Gründen“. In dem Verfahren hat der Opferanwalt von „Vertuschung“ gesprochen.

Warum niemand Anzeige erstattet hat? „Das kann man nur verstehen, wenn man in der neuapostolischen Kirche großgeworden ist“, sagt Franz-Christian Schlangen. „Die Mitglieder werden von klein an manipuliert. Der Laienprediger ist ein kleiner Herrgott, gegen den man sich nicht stellen darf,“ sagt Schlangen. Er selbst war jahrelang NAK-Mitglied, er hat sich abgewendet.

Mit den Geschehnissen in Aachen hat er nichts zu tun, aber er hat das Verfahren erst ausgelöst. Der Mann aus Karlsbad betreibt im Internet eine kirchenkritische Plattform. Ende 2017 hatte die Mutter der Opfer die Erlebnisse auf seiner Webseite geschildert. Schlangen reagierte mit Strafanzeigen gegen das nun angeklagte Ehepaar – nach Rücksprache mit den Betroffenen, sagt er. Er hatte auch den damaligen Bischof und einen Apostel der NAK angezeigt. Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen die Kirchenmänner im März dieses Jahres eingestellt, die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Strafvereitelung wurden nicht festgestellt. Eine Pflicht, Strafanzeige zu erstatten, sei nicht gegeben.

Der Sprecher der NAK, Frank Schuldt, verfolgte das Verfahren zeitweise als Zuhörer im Landgericht. Er weist die Schuld von der Kirche von sich. Die Betroffenen hätten damals entschieden, nicht juristisch zu reagieren, den Wunsch habe die Kirchenleitung respektiert und sei nur „seelsorgerisch“ tätig geworden.

Auch andere Ausführungen stehen im krassen Widerspruch zu den Schilderungen im Laufe des Verfahrens. Schuldt berichtet, dass der Priester damals „umgehend“ vorzeitig in den Ruhestand versetzt wurde, „um eine Wiederholung gleichartiger Taten im kirchlichen Umfeld zu verhindern“. Er sagt auch: „Bis heute gibt es hier keine Erkenntnisse, dass der Tatverdächtige seine Position in der Kirche ausgenutzt oder gar weitere Kinder, über die eigenen Enkelinnen hinaus, missbraucht haben könnte.“

Die neuapostolische Kirche reagierte schließlich auch formal, als sie von der Anklage der Staatsanwaltschaft in Aachen erfuhr. Der Landesvorstand Westdeutschland enthob den Priester Heinz-Günter K. am 2. April 2019 seines Amtes. 16 Jahre, nachdem die Vorwürfe bekannt waren, ist er ganz offiziell nicht mehr: Religionslehrer für Kinder.

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