Geplante Rückkehr am Samstag: Evakuierungsflugzeug am Vormittag nach China gestartet

Geplante Rückkehr am Samstag : Evakuierungsflugzeug am Vormittag nach China gestartet

Ein Flugzeug der Bundeswehr soll Deutsche aus Wuhan in die Heimat bringen. Auch hierzulande ist die neue Lungenkrankheit angekommen: Mittlerweile sind sechs Infektionen in Deutschland bestätigt.

Nach den USA, Frankreich und Japan holt auch Deutschland seine Bürger aus der von der neuen Lungenkrankheit schwer betroffenen Stadt Wuhan. Am Freitagmittag startete eine Maschine der Luftwaffe vom Flughafen Köln-Wahn Richtung China. Die Rückkehrer sollten am Samstagmittag in Frankfurt landen und dann für etwa 14 Tage in die Südpfalz-Kaserne am Rande von Germersheim in Quarantäne gebracht werden. Derweil hat sich in Bayern das Kind eines infizierten Mannes aus dem Landkreis Traunstein mit dem Coronavirus angesteckt, wie das bayerische Gesundheitsministerium am Freitag in München mitteilte. Insgesamt sind damit in Deutschland sechs Infektionen bestätigt.

Mit dem Rückholflug sollten nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur etwa 130 Menschen - rund 90 deutsche Staatsbürger und etwa 40 Angehörige mit anderer Staatsangehörigkeit - ausgeflogen werden. Die Teilnahme an dem Flug ist freiwillig. Es gebe unter den Passagieren niemanden, der infiziert sei, und auch keine Verdachtsfälle, betonte Außenminister Heiko Maas (SPD) am Freitag in Berlin. Beim Hinflug sollten auf Bitten Chinas 10.000 Schutzanzüge mitgenommen werden, die vor Ort gebraucht würden, sagte Maas.

Die Menschen in Germersheim reagierten weitgehend gelassen auf die Nachricht, dass die Heimkehrer in ihrer Stadt isoliert werden sollen. „Wir haben die Franzosen überlebt, wir haben die Hippies überstanden - da wird uns doch ein Virus aus China nicht gleich umbringen“, sagte der 72 Jahre alte Heinrich Gentner und spielt mit den Hippies auf die bis zu 100.000 Besucher eines legendären Rockfestivals 1972 in der südpfälzischen Kommune an.

Die Kaserne sei für eine Quarantäne gut geeignet, sagte Landrat Fritz Brechtel. „Es ist ein abgegrenztes Gelände. Für die Menschen stehen in einem großen Gebäude Einzelzimmer mit Nasszellen bereit.“ Er habe den Eindruck, dass bestmögliche Vorbereitungen getroffen worden seien, sagt der Landrat.

Angespannter ist die Situation am Webasto-Standort in Stockdorf, wo am Dienstag der erste Fall der Lungenkrankheit bei einem Mitarbeiter festgestellt wurde. „Uns erreichen vermehrt Meldungen von Mitarbeitern, die nicht zur Risikogruppe gehören, dass sie und ihre Familien von Institutionen, Firmen oder Geschäften abgewiesen werden, wenn bekannt wird, dass sie bei Webasto arbeiten“, sagte der Vorstandsvorsitzende Holger Engelmann am Freitag. „Wir verstehen, dass die aktuelle Situation Menschen verunsichert und auch ängstigt, aber das ist eine enorme Belastung für die Familien unserer Mitarbeiter.“ In einem Fall habe es einer Sprecherin zufolge eine Autowerkstatt mit Verweis auf das Virus abgelehnt, das Auto eines Mitarbeiters zu reparieren.

Bei den ersten fünf in Bayern bestätigten Fälle handelte es sich um Mitarbeiter von Webasto. Dort war vergangene Woche eine infizierte Kollegin aus China zu Gast, die ihre Erkrankung erst auf dem Rückflug bemerkt hatte.

Die Zahl der in China bestätigten Fälle war am Freitag auf 9692 geklettert, wie die Gesundheitskommission in Peking berichtete. Die Zahl der Toten stieg um 42 auf 213. Das Virus wurde bisher in mehr als 20 Ländern nachgewiesen, Russland und Großbritannien meldeten am Freitag je zwei Fälle. In Afrika gab es hingegen bisher keinen einzigen bestätigten Fall.

Italien hat nach zwei bestätigten Fällen im eigenen Land den Notstand ausgerufen, um eine besondere Koordinierung der Einsatzkräfte zu gewährleisten und Bürokratie zu vermeiden. Zudem stoppte das Land nach eigenen Angaben als erster EU-Staat alle Flüge von und nach China. Die italienische Luftfahrtbehörde Enac erklärte, dass das Flugverbot auch Taiwan, Hongkong und Macao betreffe und nach derzeitigen Anweisungen bis zum 28. April gelten solle. Passagiere aus China können allerdings weiter über Umsteigeflughäfen ankommen.

Aufgrund der rasanten Ausbreitung hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Donnerstagabend eine „gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite“ ausgerufen.

Angesichts der Ausbreitung der Lungenkrankheit hat Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) zur Besonnenheit aufgerufen. Es sei verständlich, dass das Virus viele Menschen in Deutschland mit Sorge erfülle, wenn man sich die schnell steigenden Zahlen ansehe. Trotzdem könne sie nur immer wieder sagen: „Wir müssen besonnen bleiben, und wir werden uns ganz gezielt auf die wissenschaftlichen Fakten konzentrieren.“ International werde an verschiedenen Stellen an der Entwicklung eines Impfstoffs gearbeitet.

Die Tübinger Biotechfirma CureVac bekam am Freitag von der internationalen Impfstoffinitiative CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) eine Zusage über eine Förderung in Höhe von 8,3 Millionen US-Dollar (rund 7,5 Millionen Euro). Die Impfstoff-Allianz, an der auch Deutschland beteiligt, unterstützt weltweit mehrere ähnliche Initiativen.

Auch am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) arbeiten Forscher an einem Impfstoff. Es dauere mindestens ein Jahr bis klar ist, ob ein Mittel wirkt und sicher ist, schätzte Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Philipps Universität Marburg und Koordinator des Forschungsbereichs Neu auftretende Infektionskrankheiten am DZIF. Die EU-Kommission stellte am Freitag zehn Millionen Euro für die Erforschung des neuen Coronavirus bereit.

(dpa)