Aachen/Düren: Eskalierter „Knöllchen-Streit“: Vier Jahre Haft für den Haupttäter

Aachen/Düren : Eskalierter „Knöllchen-Streit“: Vier Jahre Haft für den Haupttäter

Die vier Jahre Haft für den Haupttäter Gabriel S. (29) im sogenannten Dürener Knöllchenstreit blieben am Donnerstag ganze zwei Jahre unter der von Staatsanwalt Joel Güntert beantragten Strafe. Er hatte in seinem Plädoyer vergangene Woche sechs Jahre Haft gefordert, auch wegen der möglicherweise notwendigen „Generalprävention“.

Gerade hier jedoch machte die 5. Große Strafkammer am Aachener Landgericht mit der Vorsitzenden Richterin Regina Böhme eindeutig Abstriche, die sich letztlich auf das Strafmaß des Haupttäters Gabriel S. niederschlugen. Eine höhere Strafe im Sinne einer Generalprävention habe man ausdrücklich nicht gewollt, erklärte die Richterin und bewertete das Einschalten der Politik als etwas, das „nicht sehr geholfen“ habe.

Emotional wurde die Kammervorsitzende, als sie das Umfeld der Tat beschrieb, an der sich nicht nur die drei Angeklagten, sondern beinahe die gesamte Familie S. beteiligt hatte. Im Prozess hatten sowohl der Familie nahestehende Zeugen als auch weitere Brüder den Eindruck zu erwecken versucht, die Eskalation der Geschehnisse an jenem 12. November 2016 in der Dürener Scharnhorststraße sei alleine von den anscheinend übermotivierten Polizeikräften ausgegangen, eine Sichtweise, die die Richterin in den Bereich der „Legende“ verwies.

„Die Eskalation ging eindeutig nicht von der Polizei aus“, bekräftigte sie in dem Urteil, bei dem die Mitangeklagten Michael S. (28) und dessen Vater Faysal S. (47) mit Bewährungsstrafen davonkamen. In Zusammenhang mit den wissentlichen Falschdarstellungen fragte die Richterin wiederholt empört in Richtung der Anklagebank: „Für wir dumm halten Sie uns eigentlich?“

Nachdem man immer und immer wieder die von Nachbarn getätigten Handyaufnahmen des Geschehens angeschaut habe, zeige sich mehr als deutlich, wer hier der Aggressor gewesen sei, stellte Böhme fest.

Neben den brutalen Schlägen verschiedener Söhne der Familie S. auf Polizistinnen und Polizisten — besonders schwer am Kopf verletzt wurde der Beamte Alexander Z., der zuerst am Tatort war — sei ihr die Geisteshaltung der Familie mitsamt der Mutter und ihren neun Kindern „aufgestoßen“.

In klarem Deutsch habe diese einer Beamtin, die schlichten wollte, wutentbrannt entgegengeschleudert: „Du kriegst auch noch dein Ding!“ Die Beamtin habe nur noch sagen können: „Wie reden Sie denn überhaupt mit mir?“ Dabei hatte die Familie tatsächlich behauptet, die Mutter verstehe kaum Deutsch, geschweige denn, dass sie es sprechen könne. „Für wie dumm halten Sie uns denn?“, rief Böhme erneut aus.

Vier verletzte Beamte

Auch ein erst 15- oder 16-jähriger Sohn habe es sich nicht nehmen lassen, an einer Polizistin vorbeizulaufen und ihr in der Bewegung von hinten zwei Faustschläge ins Gesicht zu versetzen. Mindestens vier Beamte waren am Ende verletzt.

Die Präsentation eines möglichen neuen Täters in der vergangenen Woche ordnete die Richterin als „durchsichtiges Manöver“ ein. Ein 22-jähriger Bruder des Haupttäters, David S., hatte sich am letzten Verhandlungstag bekannt, er sei der Haupttäter und nicht sein Bruder. Er, David, könne nicht hinnehmen, dass jemand aus der Familie anstelle seiner für die Taten bestraft werde.

„Warum erst jetzt und nicht bereits vor einem Jahr “, fragte die Richterin und bewertete seine Aussage als widersprüchlich und falsch. Die Schläge auf den Kopf des Polizisten — darunter auch der Schlag mit dem ominösen Radmutterschlüssel, der nicht aufgefunden wurde — seien im Übrigen nicht nur von Gabriel S. sondern von weiteren Tätern ausgeführt worden, sagt Regina Böhme.

Der Radmutterschlüssel gehörte zu dem Werkzeug, mit dem Vater Faysal S. am Tattag auf der Straße die Reifen an seinem Wagen gewechselt hatte, weil er eine längere Reise unternehmen wollte. Als er den Mitarbeiter des Ordnungsamtes bemerkte, der in der Straße Knöllchen für Falschparker verteilte, führte Faysal S. sich wie der „Besitzer“ der Straße auf und sagte, der Mitarbeiter solle gehen, er, Faysal, habe schließlich erhebliche Summen für die Straße an die Stadt gezahlt.

Faysal S. überschüttete den Mitarbeiter der Stadt dermaßen mit Unflätigkeiten und Drohungen gegen dessen Leben, dass dieser die Polizei rief. Das war der Startschuss für die Eskalation in der Dürener Scharnhorststraße.

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