Region: Eschweiler Genealoge löst das Rätsel um vermisste Herkunft

Region : Eschweiler Genealoge löst das Rätsel um vermisste Herkunft

Der Klecks ist der natürliche Feind des Familienforschers. Irgendwann im 18. oder 19. Jahrhundert von einer gänzlich vorsatzlosen Tintenfeder auf ein offizielles Dokument getropft, kann er den Genealogen heute zur Verzweiflung treiben. Weil die Tinte damals genau dort landete, wo die heute so dringend benötigte Information steht. So wie bei Reiner Sauer aus Eschweiler-Hücheln.

Im ersten Leben Weltenbummler in Diensten einer großen deutschen Bank. Im zweiten Leben Genealoge. Wobei man sich sofort von allerhand Familienforscherklischees verabschieden sollte. Das, was in manchen Köpfen als Laienhistoriker herumspukt, ist zwar im Fall von Reiner Sauer offiziell auch „nur“ ein Hobby, allerdings eines, das von ihm mit einer kaum vorstellbaren Akribie und Hartnäckigkeit betrieben wird.

Ganz analog: Auch viele Veröffentlichungen der Städte und Gemeinden erzählen regionale Geschichten der Menschen, die hier leben. Foto: Harald Krömer

Fulltimehobby nennt Sauer, der seit 2010 im Ruhestand ist, etwas verniedlichend seine Freizeitbeschäftigung, die zu Mitgliedschaften in 15 Geschichtsvereinen, der Anhäufung von zwei Terabyte Daten und zur Leitung der Bezirksgruppe Aachen der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde (WGfF) geführt hat. Die Genealogie habe halt ein gewisses Suchtpotenzial, räumt Sauer fast entschuldigend ein.

Für ihn hat die Genealogie „Suchtpotenzial“: Reiner Sauer aus Eschweiler kann sich akribisch über Jahre in die Suche nach Lebensdaten verbeißen. Foto: Harald Krömer

Der eben erwähnte Klecks spielt auch im Meisterstück Sauers eine zentrale Rolle. Dabei geht es um das Projekt „Miriam Isaacs“, an dem man exemplarisch Lust und Leid der Familienforschung durchspielen kann: der oft mühsame Kontakt zu Archiven; die genealogische Hartnäckigkeit und das detektivische Gespür; die Frustration, wenn man nicht weiterkommt; die Notwendigkeit, auf Hilfe anderer zurückzugreifen; die Erkenntnis, dass Genealogie eigentlich nie endet; das Wissen, dass jede noch so kleine Information helfen kann und die unvorstellbare Genugtuung, wenn man ein jahrzehntealtes Identitätsrätsel löst.

Dokumentationen über Kriege können ebenfalls helfen, wenn man auf der Suchen nach Biografien von Verwandten ist. Foto: Harald Krömer

Vermutlich liegt es an einer Kombination all dieser Faktoren, dass die Genealogie sich hierzulande wachsender Beliebtheit erfreut. Zwar ist die Ahnenforschung noch nicht wie in Großbritannien oder den USA ein regelrechter Breitensport, aber die Anfragen an Stadtarchive und die Zugriffe auf Genealogie-Webseiten haben deutlich zugenommen.

Noch nie zuvor war die Suche nach den eigenen Vorfahren so einfach. Viele Anfragen lassen sich bequem vom Sessel aus über verschiedene Webseiten starten. Stadtarchive sind dazu übergangen, ihre Bestände online zu stellen und selbst DNA-Tests zur Feststellung familiärer Verbindungen sind heute zu erschwinglichen Preisen möglich.

Einstiegsdroge Briefe

Kein Vergleich zu den Anfängen Sauers, der erstmals in den 80er Jahren mit der Ahnenforschung in Kontakt kam. Auslöser waren mutmaßlich verloren gegangene Familiendokumente, die nach dem Tod eines Onkels plötzlich wieder auftauchten. Korrespondenzen, Kaufverträge und Briefe waren gewissermaßen Sauers Einstiegsdroge. Der damalige Bankmanager lebte mit seiner Familie in den USA, Thailand, Singapur und Indonesien — also weit weg von seiner ursprünglichen Heimat. Vielleicht war das der Grund, dass er mit großer Hilfe seiner Frau Agnes begann, sich für seine niederländisch-deutsche Familie zu interessieren. Dies und der technische Fortschritt.

Sauer, schon immer sehr technikaffin, hatte bereits 1984 seinen ersten Computer erworben, später kaufte er einen Macintosh von Apple. „Der Mac war gottgesandt“, sagt Sauer. Ohne ihn und das passende Genealogie-Programm wäre er wohl kaum Familienforscher geworden. „Genealogie ohne Computer ist wie Briefmarkensammeln ohne Album“, sagt Sauer, während er die Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Forschung an die Wohnzimmer-Wand projiziert.

130.000 Personen, zu denen er 25.000 Quellen erfasst hat. Geburtsurkunden, Trauscheine, Zeugnisse, Führerscheine, Krankenhausrechnungen, Mietverträge. Was immer er an Quellen bekommen kann, fließt in seine Datenbank ein, die inzwischen auf die Größe von zwei Terabyte Daten angewachsen ist. Alles doppelt und dreifach gegen Datenverlust abgesichert, weil sonst 30 bis 40 Jahre Arbeit auf einen Schlag futsch wären.

Einen nicht unerheblichen Teil dieser Zeit hat Sauer in die Suche nach der Identität von Miriam Isaacs investiert. Die Großmutter seiner Schwiegertochter wurde in den 20er Jahren geboren, landete dann in einem Londoner Waisenhaus, bevor sie noch als Kind von neuseeländischen Juden adoptiert wurde.

Eltern unbekannt, der Nachname variierte und auf dem Waisenhaus-Dokument verhinderte der bereits erwähnte Klecks die Identifikation des Geburtsjahres. 70 Jahre hatte Miriam Isaacs nach ihrer Herkunft gefahndet — ohne Erfolg. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für einen Genealogen. Oder denkbar gute, wenn man den Ehrgeiz eines Familienforschers wecken will.

Sauer machte sich an die Arbeit. Er durchsuchte britische Geburtsregister und Einwandererlisten, biss beim Rechtsnachfolger des Waisenhauses auf Granit, sichtete Archive der britischen Eisenbahn, weil Miriam als Kind stets erzählt wurde, ihr leiblicher Vater sei bei einem Arbeitsunfall der British Rail ums Leben gekommen. Jahrelang untersuchte er verschiedene Herkunftstheorien und investierte viel ehrenamtliche Energie, um Licht in das Herkunftsrätsel der inzwischen betagten alten Dame zu bringen. Alles sehr akribisch, alles ohne Erfolg. Zumindest vorerst nicht.

Die Genealogie wird eher von mittelalten oder älteren Menschen betrieben. „Das Interesse an den eigenen Wurzeln entsteht oft erst, wenn man selber Kinder hat“, erklärt Sauer. Vielleicht, weil man dem Nachwuchs etwas von den Ursprüngen mitgeben wolle. Als ganz junger Mensch könne man sich den Zeitaufwand überhaupt nicht leisten. Denn eines ist für Sauer klar: Wer sich mit Genealogie beschäftigt, darf keine halben Sachen machen.

„Viele finden das mal für eine gewisse Zeit spannend, verlieren aber dann das Interesse oder pflegen die Quellen nicht richtig, weil ihnen das zu mühselig ist“, sagt Sauer und lässt durchblicken, dass ihm das ein Graus ist. „Genealogie ohne Quellen ist Mythologie“, sagt er. Wer Genealogie betreibe, „belästige“ andere Leute, etwa Familienmitglieder, Freunde, Archivare, Kirchenmitarbeiter.

„Denen schuldet man eine anständige Dokumentation und im besten Fall eine Veröffentlichung der Daten“, so Sauer, der mit einem Klick seitenlange PDF-Dokumente zu den von ihm erfassten Personen auswerfen kann. Mitunter hat man das Gefühl, dass es dem Zahlenmenschen Sauer darum geht, Ordnung und Struktur in dieses Chaos zu bringen, das man Leben nennt.

Und ihm geht es darum, Verbindungen zu schaffen. Nicht nur in die Vergangenheit zu seinen Vorfahren, sondern auch in der Gegenwart zu entfernten Verwandten, die er ohne seine Forschung nicht entdeckt hätte. Als er in Thailand war, gab es Kontakt zu einer Verwandten x-ten Grades, die ebenfalls dort arbeitete.

Man traf sich, trank einen Kaffee, quatschte und spürte eine Verbindung, die vielleicht aus den gemeinsamen Vorfahren erwuchs, vielleicht auch nur aus dem Gefühl, gemeinsame Vorfahren zu haben. Aber auch der Blick auf die Welt ändert sich für Genealogen. Alles ist irgendwie verbunden. Je weiter man in der Ahnenreihe zurückgeht, desto breiter wird der heutige Verwandtenkreis und man erkennt, dass einiges nur vom Zufall abhängt. Abstammung und Lebenswege werden ein Stück weit relativ.

Vollständige Herausgabe der Akten

So wie bei Miriam Isaacs, deren Herkunft weiter im Dunkeln lag. Im Februar 2014 lernte Sauer auf einer Fachkonferenz in London einen britischen Genealogen und Juristen kennen, der sich der Sache annahm. Er erhöhte den Druck auf das London Metropolitan Archive, das die Akten des Waisenhauses verwaltet, und erreichte innerhalb von drei Wochen, was Sauer in drei Jahren nicht gelungen war. Eine vollständige Herausgabe der Akten: der Durchbruch.

Der Rest war genealogische Routine, an dessen Ende der offizielle Geburtseintrag von Miriam Isaacs stand. Die war unter dem völlig anderen Namen Martha Devorkin in London geboren worden. Auch den Namen der Mutter fand Sauer heraus und informierte die in Australien lebende Tochter von Miriam/Martha. Früh am Morgen des 30. April 2014 berichtete Maxene ihrer 91-jährigen Mutter von Sauers Erfolg. Das Rätsel ihrer Herkunft war nach vielen Jahrzehnten gelöst. Allerdings ist die Geschichte damit nicht beendet, weil die Genealogie potenziell endlos ist. Eine Lösung ist meist nur der Beginn eines neuen Rätsels.

Nicht mehr am Katzentisch

Trotz ihrer professionellen Vorgehensweise werden Genealogen von studierten Historikern und Archivaren mitunter herablassend behandelt. Die Familienforschung gilt als sogenannte historische Hilfswissenschaft, der in der Geschichtsforschung eher der Katzentisch zugewiesen wird. Das ändert sich aber, wie die Archivarin Thekla Kluttig in einem Gastbeitrag für das WGfF-Magazin schreibt: Familienforscher seien „Teil einer Geschichtskultur von unten, die mittlerweile die Archive vor sich her treibt“.

Auch Sauer beobachtet eine Veränderung. Wurden die Genealogen lange Zeit als lästiges Archivpublikum betrachtet, gestalte sich die Zusammenarbeit inzwischen weitaus unproblematischer. „Besonders seit der Reform des Personenstandsgesetzes von 2009 ist der Zugriff auf Archive viel klarer und genealogiefreundlicher geregelt“, sagt Sauer. Selbst Aachen, das lange Zeit genealogisch ein weißer Fleck war, öffne jetzt die Archive und stelle Unterlagen online.

Es gebe in der etablierten Forschung die Erkenntnis, dass Genealogie etwas zum Geschichtsverständnis beitragen könne. „Geschichte ist immer personengetrieben. Wenn ich wissen will, was die Menschen bewegt hat, kann Familienforschung helfen“, sagt Sauer. Auch in der Erforschung von Erbkrankheiten kann Familienforschung helfen, wie unsere Geschichte auf der ersten Seite zeigt.

Bliebe noch das zumindest vorläufige Ende des Projekts „Miriam Isaacs”. Für Sauer war des Rätsels Lösung lediglich der Beginn weiterer Nachforschungen. Nachdem der Name der Mutter bekannt war, fand er heraus, dass Miriam noch mindestens sechs Geschwister hatte. Sauer stellte gemeinsam mit seinem Kollegen aus London Kontakte her, vermittelte Treffen und ließ Miriams DNA mit der anderer Probanden vergleichen. So wuchs Miriams Familie, die sie gerade erst kennengelernt hatte, in kürzester Zeit rasant.

Eine besonders engagierte Verwandte organisierte ein großes Familientreffen in New York, an dem aus gesundheitlichen Gründen zwar nicht mehr die 93-jährige Miriam Isaacs/Martha Devorkin teilnehmen konnte, dafür aber etwa 90 Menschen aus Australien, Frankreich, England, Israel, Deutschland, Kanada und den USA. Ein Treffen, das ohne die Hartnäckigkeit des Genealogen aus Eschweiler nicht stattgefunden hätte.

Ein Happy-End, also? Nicht ganz. Denn wer seine Identität findet, entdeckt mitunter auch schmerzhafte Dinge. So wie Miriam Isaacs, die lebenslang in dem Glauben gelassen wurde, ihre Mutter sei bereits kurz nach ihrer Geburt gestorben. Sauer fand heraus, dass Mutter Millie Devorkin erst 1971 in einem Heim für Demenzkranke starb. Die Erkenntnis, dass sie noch Zeit gehabt hätte, ihre Mutter kennenzulernen und ihr vor allem die Frage „Warum?“ zu stellen, war ein Schlag für die alte Frau. Die Alternative allerdings wäre Unwissenheit gewesen.

Sauer, der nicht zum Pathos neigt, sagt: „Für mich war es wichtig, dass sie sterben konnte, im Wissen, wer ihre Mutter war.“

Miriam Isaacs starb im Frühjahr 2018.