Region: Erst Zwei-Mann-Trio, dann ganz allein

Region: Erst Zwei-Mann-Trio, dann ganz allein

Christian Macharski weiß alles über Hastenraths Will. In einem Kreuzverhör könnte Macharski alle Fragen zu dessen Familie, Freunden, Bauernhof und Werdegang beantworten. Kabarettist Macharski verkörpert den Landwirt und Schmalspurpolitiker seit 23 Jahren.

Zuerst im Rurtal Trio und später solo. „Wenn ich das Kostüm anziehe, dann bin ich Hastenraths Will, dann denke ich wie er“, sagt er. Und das ziemlich erfolgreich: Er tritt mit einem abendfüllenden Soloprogramm auf, geht mit dem Bus auf Selfkant-Safari, moderierte Public Viewings zur Fußball-WM, schreibt Bücher, macht Radio-Comedy und geht im Karneval in die Bütt. Macharski führt außerdem zwei Firmen und einen Verlag. Und immer dreht sich alles um einen: Hastenraths Will, das Alter Ego von Christian Macharski.

Kabarett vom Dorf

In seiner Rolle ist Macharski so etwas wie das Gesicht des Kreises Heinsberg geworden. Der Weg dahin war lang. Seine Karriere beginnt Anfang der 1990er Jahre. Um genau zu sein am 12. Juli 1991 im Katholischen Pfarrheim in Erkelenz. „Es war ein furchtbar heißer Tag. Wir haben alle Karten selber von Hand verkauft“, sagt Macharski. Scheinbar zündet die Idee, Kabarett vom Dorf zu machen, schon damals. Es kommen 400 Leute. Bis zum Nachmittag vor dem Auftritt besteht das Rurtal Trio auch noch aus drei Leuten, wie es sich für ein Trio gehört. Dann springt einer ab. Nervosität und Lampenfieber lassen es nicht zu, dass der dritte Komiker auf die Bühne ging. Es ist klar, dass Macharski und Marc Breuer alleine auf die Bühne müssen. Also ziehen sie den Auftritt zu zweit durch. Und wie. Der Auftritt sei völlig ausgeufert, sagt Macharski. Sie spielen mehr als drei Stunden. Aber die Leute bleiben bis zum Schluss und Macharski und Breuer haben Spaß an dem, was sie tun. Das Zwei-Mann-Trio macht weiter.

In Köln entsteht die Comedy-Szene Anfang der 1990er Jahre gerade. „Wir sind dort ziemlich schnell hineingerutscht. Das war noch nicht so ein Hauen und Stechen wie heute“, sagt Macharski. Macharski und Breuer setzen voll auf Dorfcomedy. Mit Erfolg. „Das passte damals ganz gut in die Landschaft“, sagt Macharski. Was das Rurtal Trio damals auf der Bühne macht, beschreibt Macharski als Comedy-Theater. Die beiden schlüpfen bei ihren Auftritten in zehn verschiedene Rollen. Am Ende steht eine Geschichte mit rotem Faden, keine schnelle Stand-up-Comedy.

Und dann ist plötzlich Schluss. Marc Breuer steigt 2008 aus privaten Gründen aus. Er will mehr Zeit mit der Familie verbringen und nicht mehr von einem Auftritt zum nächsten reisen. „Und sein ‚Feuer‘ für das Kabarett hat wahrscheinlich auch nachgelassen“, vermutet Macharski. Aber beide gehen im Guten auseinander. Trotzdem ist die Trennung eine Zäsur, sie kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Denn das Rurtal Trio ist im Kommen, die ersten TV-Auftritte machen Ortsvorsteher Hastenraths Will und Löschmeister Josef Jackels bekannt.

Macharski weiß nach der Trennung nicht, wie es weitergehen soll. „Vorher habe ich immer im Ensemble gespielt. Ich habe mir lange überlegt, ob ich den Sprung zum Solokünstler wagen soll“, sagt er. Er entscheidet sich dazu, alleine weiterzumachen.

Der ruhige, ein wenig zurückhaltende Christian Macharski entwickelt die Figur des cholerischen, etwas unterbelichteten Landwirts weiter. Macharski, der gar nicht wie eine Rampensau wirkt und von sich sagt, dass er im Privaten gerne für sich ist, macht aus der simplen Comedy-Figur einen vielschichtigen Charakter mit viel plumper Herzlichkeit und Bauernschläue. Im Rurtal Trio ist Hastenraths Will eher der Zuspieler, die Pointen setzt Josef Jackels. Nun ist Macharski auf der Bühne allein. Seine Figur braucht eine Biografie. Die entwickelt Macharski. Bis heute gibt es in Büchern, Bühnenprogrammen und Radio keine Widersprüche in deren Vita.

Bevor er sein erstes abendfüllendes Soloprogramm spielt, geht er in die Bütt. Das Festkomitee Kölner Karneval spricht Macharski an und er sagt zu. Drei Jahre lang macht er so etwas wie eine Ausbildung für die Sitzungsbühne. Und er schafft es in einen der beiden Stammtische, denen alle Größen des Kölner Karnevals angehören: Macharski ist Mitglied im Klub Kölner Karnevalisten. Mittlerweile ist er seit fünf Jahren im Kölner Karneval aktiv, „obwohl ich vorher nie etwas mit Karneval zu tun hatte“.

Hier lernt Macharski dazu. Er muss sich vom dramaturgisch aufgebauten Programm des Rurtal Trios verabschieden. „Im Karneval hat man 20 Minuten Zeit, da muss es knallen, ein Gag nach dem anderen“, sagt er. Seine Auftritte bei Kölner Sitzungen trainieren das schnelle Denken, er lernt dabei, sich im Handumdrehen auf eine Situation und ein Publikum einzustellen. „Das schult unheimlich. Ich habe nirgendwo so viel über die Bühne gelernt wie im Karneval“, sagt er.

Zwei Jahre Köln

Köln ist für zwei Jahre Macharskis Heimat. Den Rest seines Lebens verbringt er im Kreis Heinsberg. Er ist in Wegberg geboren und lebt mittlerweile in Erkelenz, „ein bisschen abgeschieden“, sagt er. Wo genau, das wüssten nur wenige Leute. Er ist eben gern für sich. Trotzdem mag er die Menschen im Kreis Heinsberg. „Ich mag die rheinische Herzlichkeit. Das Wesen der Menschen ist mir näher als das Nordisch-Reservierte oder die unfreundliche Berliner Art.“

Mit der Verbundenheit zur Region ist vielleicht auch zu erklären, warum Macharski sich eine Figur vom Land ausdachte. In seinen Geschichten mischt er Realsatire mit Comedy. Er beobachtet Menschen, er verarbeitet Erlebnisse oder er versetzt sich in Hastenraths Will hinein und betrachtet ein Thema aus dessen Blickwinkel. So entstehen seine Geschichten. Und fast alle Figuren, die auf der Bühne, in den Büchern und im Radio vorkommen, haben reale Vorbilder.

Der echte Ortsvorsteher von Saeffelen im Selfkant ist allerdings nicht das Vorbild für Hastenraths Will. Und dass Dorfkrimis in dem Ort spielen, ist totaler Zufall. „Der Ortsname Saeffelen passte lautmalerisch. Wir haben einfach das e heraus genommen, damit es ein fiktives Dorf ist. Wir haben uns gar keine Gedanken darüber gemacht, dass das im Selfkant liegt“, sagt Macharski. Als er den Namen mit seinem damaligen Partner Breuer wählte, kannte er ihn nur von der Landkarte. „Wir sind erst Jahre später mal nach Saeffelen gefahren.“

Zu diesem Zeitpunkt ist die Dorfcomedy im Selfkant schon längst bekannt. In den Anfangsjahren fühlen sich einige verspottet. Aber das ist nicht Macharskis Ziel. Er will ironisch darstellen, nicht veräppeln. Mit Auftritten in Saeffelen wächst auch das Verständnis für seine Kunst. „Heute sind die Leute dort stolz auf das, was ich mache“, sagt er. Kein Wunder er verhilft dem Ort zu etwas mehr Bekanntheit. Selbst der echte Ortsvorsteher lässt Marcharski beim Begrüßen seiner Bürger den Vortritt. Die nächste Episode aus dem Leben im fiktiven Saffelen hat Macharski gerade geschrieben. Der sechste Band in der Dorfkrimi-Reihe trägt den Titel „Die Höhle des Löwen“. Trotz all der Bühnenauftritte bezeichnet Macharski das Schreiben noch immer als seine „Hauptneigung“. Seine erste Schreibmaschine steht in seinem Büro in Erkelenz, darin steckt ein etwas mitgenommener Zettel mit der ersten Geschichte, die Macharski im Alter von zehn Jahren geschrieben hat. Wenn er auf die alte Maschine schaut, erzählt er, dass er „schon immer schreiben wollte“: „Würde man mich mit der Pistole dazu zwingen, mich zwischen dem Schreiben und dem Darstellen zu entscheiden, würde ich das Schreiben wählen.“

Seine Texte werden sich auch in Zukunft um sein Alter Ego drehen. Denn Hastenraths Will bestimmt einen gewaltigen Teil seines Lebens. „Gedanklich nimmt er wahrscheinlich mehr als 50 Prozent ein“, sagt Macharski. Er überlege sich im Urlaub zweimal, ob er eine gefährliche Skipiste herunterfahre. Denn trotz seiner Angestellten bleibt Hastenraths Will ein Ein-Mann-Unternehmen: „Wenn ich ausfalle, fällt alles aus.“