Aachen/Düsseldorf: Ermittelte NRW den Bedarf an Lehrern falsch?

Aachen/Düsseldorf : Ermittelte NRW den Bedarf an Lehrern falsch?

Von Schicksal könne man nun nicht sprechen, wenn es um den Mangel an Grundschullehrern geht. Das sagt Dirk Zorn, Autor einer Bertelsmann-Studie, die am Mittwoch vorgestellt wurde. Es sei in der Vergangenheit viel falsch gemacht worden und noch ist keine Besserung der Situation abzusehen — auch wenn es nicht neu ist, dass Pädagogen im Primarbereich fehlen.

Im Gegenteil. Bundesweit müssen laut der Studie bis 2030/31 mehr als 80.000 Vollzeitstellen allein wegen ausscheidender Lehrer neu besetzt werden. Vor allem in den Schuljahren 2012/22 und 2025/26 werde es einen erheblichen Bedarf an neuen Lehrern geben, rechnen Zorn und Bildungsforscher Klaus Klemm. Schon jetzt fehlen die Pädagogen. Und so schnell lassen sich auch keine neuen ausbilden. Das ist das Hauptproblem — und zwar bundesweit. Erst ab 2026 wird sich laut Studie die Situation entspannen.

Verlässliche Zahlen fehlen bislang

In NRW waren im November 813 Stellen nicht besetzt. „Das Problem hat sich nicht in einem Jahr erledigt, das ist erst der Anfang“, sagt Zorn im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Situation sei sehr besorgniserregend. Dass es so weit gekommen ist, führt Zorn unter anderem auf eine mangelnde Berechnung von Bedarfen zurück. Während Bayern jährlich Zahlen berechnet, ist das bislang in NRW nicht so gewesen.

Die Zahlen, die es gibt, sind zudem veraltet oder falsch. Weil das Statistische Bundesamt seine Methodik verändert hat und dabei Probleme entstanden sind, gibt es derzeit keine verlässlichen Daten über die Geburtenentwicklung in NRW. Die rot-grüne Landesregierung hatte zudem länger keine Bedarfsrechnung aufgestellt. Bei der letzten Prognose nutzte man laut Zorn Zahlen, die längst veraltet waren und etwa die seit 2012 steigende Geburtenrate und den Flüchtlingszuzug nicht miteinbezogen haben. Für die Geburtenjahrgänge 2014 und 2015 habe NRW mit jeweils rund 15000 Kindern zu wenig gerechnet.

„Es ist schon verwunderlich, dass ich einen Bedarf am Schreibtisch ausrechnen kann, aber die Experten im Ministerium nicht“, sagt Co-Autor Klaus Klemm unserer Zeitung. Die letzte Analyse der Kultusministerkonferenz bescheinigt sogar noch einen Überhang an Grundschullehrern, weil sie die Realität ausblende. Das sei fast schon zynisch, sagt Klemm. „Wir wollen bundesweit einen Weckruf absetzen mit dieser Studie.“ Nur wenn die Zahlen stimmen, können genug Lehrer ausgebildet werden.

Die Bundesländer gehen mit der Situation unterschiedlich um. In NRW sind in den vergangenen Jahren bereits mehr Studienplätze geschaffen worden. „Rot-Grün hat da einiges erreicht, aber die Nachfrage nach Studienplätzen ist noch größer“, sagt Berthold Paschert, Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW. Es müssten dringend noch mehr Plätze geschaffen werden.

Doch selbst wenn das passiert: neue Lehrer sind nicht schnell fertig. „Das System ist träge. Wenn der Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften heute akut ist, helfen mehr Studienplätze nicht“, sagt Zorn. Da die Studien- und Referendarzeit verlängert wurde, fehle zudem ein kompletter Lehrerjahrgang.

„Um die Versorgung mit Lehrkräften sicherzustellen, sind kurzfristige Maßnahmen erforderlich“, heißt es in der Studie. Man müsse alle Möglichkeiten durchdenken. Die Autoren setzen auf Seiteneinsteiger, Ruheständler und einen Anreiz zur Erhöhung des Unterrichtsumfangs. Auf mehr Studienplätze legen die Studienautoren zunächst nicht ihren Fokus. Vielmehr müsse es darum gehen, die Abbrecherquote zu senken. Seit der Umstellung vom Staatsexamen zum Bachelor und Master würden mehr Studenten aussteigen.

Die Betreuung an den Hochschulen müsse besser werden, fordern Zorn, Klemm und die GEW. „Es gibt zu wenig Dozenten“, sagt Paschert. Der GEW-Sprecher beklagt zudem, dass die Studienanforderungen bisweilen zu hoch seien. „Grundschullehrer müssen drei Fächer studieren. Mathematik ist Pflicht und gerade dort entspreche die Anforderung im Studium nicht denen an der tatsächlichen Tätigkeit der Lehrer. Zorn sagt es drastischer: „Auf dem Weg durch die lange Lehramtsausbildung gehen viele Studierende verloren: in Prüfungen, zwischen Bachelor und Master oder beim Übergang ins Referendariat.“

Anforderungen steigen

Die Anforderungen steigen aber nicht nur um Studium, sondern auch im Alltag, wie die Studienautoren und die GEW betonen. 40 Prozent der Lehrkräfte arbeiten in Teilzeit. Es werde leicht vergessen, dass Grundschullehrer das höchste Unterrichtsdeputat haben, nämlich 28 Stunden reine Unterrichtszeit. Gymnasiallehrer arbeiten vier Stunden weniger. „Lehrkräfte sollen Kinder individueller begleiten, Förderprognosen schreiben und Elternarbeit machen“, sagt Zorn als Beispiel für neue Aufgaben der Grundschullehrer.

Weil es schwer wird, genügend Lehrer zu bekommen, könne es helfen, noch stärker auf multiprofessionelle Teams zu setzen und mehr Sonderpädagogen einzusetzen, die die Lehrer entlasten. Es sei außerdem wichtig, Lehrer wieder an die Schule zu holen, die ausfallen, weil sie etwa in Elternzeit sind. „Viele haben selbst Kinder und benötigen Krippen- oder Kitaplätze“, sagt Zorn. Deshalb lautet eine Forderung, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden müsse. Lehrer sollten etwa bei der Bereitstellung von Kitaplätzen bevorzugt werden.

Natürlich müssen die Länder Seiteneinsteiger einsetzen. Für den Einsatz müsse es aber verbindliche Standards geben, fordert Zorn. Dass NRW Gymnasiallehrer an Grundschulen schickt, sei eine geeignete Maßnahme, um den Mangel zu beheben. „Wir würden aber dazu raten, die Lehrer nicht in den Eingangsstufen, sondern in den Klassen 3 und 4 einzusetzen.“ Grundschullehrer hätten eine besondere pädagogische Ausbildung, die andere Lehrer nicht haben.

Die GEW nimmt die Studie zum Anlass, ihre Forderung nach einer gleichen Bezahlung von Grundschullehrern und Gymnasiallehrern zu erneuern. Paschert: „Die Attraktivität des Lehrerberufs muss verbessert werden.“