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Düsseldorf: Erkundungen auf der Landkarte des Geistes

Düsseldorf : Erkundungen auf der Landkarte des Geistes

Die Erkundung des menschlichen Gehirns ist derzeit eines der populärsten Themen aus der Wissenschaft überhaupt.

Das hat einiges damit zu tun, dass sich scheinbar die Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Science Fiction („Künstliches Bewusstsein”) verschieben. Aber auch damit, dass die Hirnforschung die Erwartung nährt, sie könne uns künftig von neurologischen Leiden wie Alzheimer oder Parkinson befreien.

Kein Wunder also, dass der Jahreskongress des Wissenschaftszentrums NRW in Düsseldorf zum Thema „Neurovisionen: Hirnforschung im 21. Jahrhundert” mit rund 1200 Zuhörern ungewöhnlich gut besucht war.

Aufbruchphase

Dank technischer Hilfsmittel wie der computerisierten Bildgebung auf der einen, und den immer präziseren Erkenntnissen der Molekularbiologie sowie der Neuropsychologie auf der anderen Seite, weiß man über das Gehirn seit gut zehn Jahren naturwissenschaftlich mehr als jemals zuvor.

Man habe nun die Mittel, eine „Landkarte des Geistes” zu erstellen, wie Professor Karl Zilles vom Forschungszentrum Jülich in seiner Eröffnungsrede bekundete. Doch sei man immer noch in der „Aufbruchphase”. Der Laie darf dennoch staunen. 100 Milliarden Nervenzellen hat das Gehirn und jede einzelne kann sich gleichzeitig mit 10000 anderen verknüpfen.

Und obwohl es ungleich langsamer als ein Computer arbeitet, ist seine Organisationsweise jedem vorstellbaren Rechner auf unabsehbare Zeit überlegen. Dennoch halten Forscher, wie etwa Ulf Eysel, Neurophysiologe der Uni Bochum oder Dietrich Dörner, Theoretischer Psychologe der Uni Bamberg, ein künstliches Bewusstsein für „im Prinzip möglich”. Kein programmierbares Bewusstsein aber ist in Sicht, das über eine wesentliche Fähigkeit des menschlichen verfügt, sich selbst zum Objekt der Betrachtung zu machen, sich also selbst zu begreifen und danach zu handeln.

Grundsätzlich näher liegen die Möglichkeiten, dem erkrankten Gehirn zu helfen So wird in Jülich ein Hirnschrittmacher entwickelt, der bei Parkinson-Patienten die Koordination von Bewegungen weitgehend wiederherstellt. Zum Beleg zeigte Zilles das Video eines Parkinson-Patienten, das ihn vor und nach dem Eingriff sowie bei abgeschaltetem Schrittmacher vorführte.

Vorher konnte der von stärksten Schüttellähmungen Geplagte kaum gehen und war völlig unfähig, ein Glas Wasser in ein anderes umzuschütten. Mit dem Stimulator gelang beides nahezu unauffällig. Doch unverzüglich nach der Abschaltung war der Patient zu keiner Koordination seiner Bewegungen mehr fähig.

Noch staunender machte das Publikum ein Film des amerikanischen Neurobiologen Miguel Nicolelis. Der führte einen Affen vor, dem man zunächst beigebracht hatte, ein einfaches Videospiel zu beherrschen. Dabei musste das Versuchstier über einen Joystick einen Punkt auf einen anderen zubewegen. Dann fixierte man den Arm, ließ das Tier aber weiter auf den Bildschirm starren, bis er den Punkt gleichsam in Gedanken bewegen wollte.

Die diesem Vorgang entsprechenden elektrischen Gehirnströme leitete Nicolelis per EEG ab und trieb damit einen Roboterarm an, der nun das Videospiel praktisch ausführte. Nicolelis hofft, eines Tages sogar Querschnittgelähmten auf diese Weise helfen zu können. Statt des Rückenmarks würde dann das Gehirn unmittelbar die Gliedmaßen steuern.

Die Hoffnung auf eine wirksamere Therapie der Alzheimer-Krankheit hat sich zunächst einmal zerschlagen. Der erste Test einer Impfung führte zwar zu einer deutlichen Verbesserung der meisten von 300 Patienten, bei rund zwei Prozent aber zu einer Hirnhautentzündung, wie Roger Nitsch von der Uni Zürich berichtete. Die Forschung sucht nun nach einem Ansatz für einen anderen Impfstoff.