Düsseldorf: Erfolgreich: Juristin, Professorin, Rektorin

Düsseldorf: Erfolgreich: Juristin, Professorin, Rektorin

Mit einiger Überraschung wurde Anja Steinbeck am 1. November 2014 Rektorin der Heinrich-Heine-Universität zu Düsseldorf. Der alte Rektor wollte noch einmal antreten, doch Hochschulrat und Senat setzten andere Maßstäbe, beauftragten ein Institut mit der Suche nach einem neuen Rektor und entschieden sich in der Findungskommission einstimmig für Anja Steinbeck, deren Forschungsschwerpunkt auf dem Wirtschaftsrecht, insbesondere dem Lauterkeitsrecht, liegt.

Franz-Josef Antwerpes traf die Frau, die eine steile Karriere gemacht hat, zum Interview.

Moderner Fakultätsbau: Das neue Oeconomicum, die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, ist einer der Schwerpunkte der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Foto: stock /Felix Jason

Wie wird man Rektorin einer großen Universität?

Steinbeck: Eine Rektorin oder ein Rektor wird von einer beauftragten Findungskommission ausgesucht, vom Hochschulrat gewählt und vom Senat bestätigt. Der Hochschulrat hat eine vergleichbare Funktion wie ein Aufsichtsrat bei einem Unternehmen.

Hat es da einen Headhunter gegeben?

Steinbeck: Das Wort Headhunter finde ich nicht so passend. Eine Findungskommission aus Mitgliedern des Hochschulrats und Senat haben die Ausschreibung erarbeitet und anschließend eine Personalberatung hinzugezogen. Diese Personalberatung sollte geeignete Kandidaten suchen und ansprechen, die sich sonst vielleicht nicht beworben hätten.

Hatten sich auch andere beworben?

Steinbeck: Davon gehe ich aus, ja.

Hat der Hochschulrat mit seinen weiblichen Mitgliedern mit zu Ihrer Berufung beigetragen?

Steinbeck: In der Findungskommission gab es nur ein weibliches Mitglied aus dem Hochschulrat — die Vorsitzende Frau Paulsen.

Gibt es viele Rektorinnen an deutschen Universitäten?

Steinbeck: Auf Bundesebene kenn ich die genaue Zahl nicht, schätzungsweise zehn Prozent. In Nordrhein-Westfalen sind es drei: Duisburg, Münster und Düsseldorf.

Sie sind eine Vertreterin der Frauenquote, und Sie haben mal gesagt, die Quote sei ein Türöffner, so lange es mittelmäßige Männer gibt, die kompetente Frauen rechts überholen. Sagen Sie das auch noch heute?

Steinbeck: Ja. Aber ich habe damals auch gesagt, dass eine Quote der letzte Hebel sein sollte. Nur wenn andere Maßnahmen nicht greifen, dann muss man eine verbindliche Quotenregelung einführen. Diese Androhung kann manchmal schon ausreichen.

Neue Besen kehren gut, sagt man. Was kehren Sie an der Heinrich Heine Universität?

Steinbeck: Mit meinem Team, den vier Prorektoren und dem Kanzler analysiere ich aktuell die Situation der Hochschule. Anschließend werden wir gemeinsam mit den Fakultäten strategische Maßnahmen für eine konsequente Weiterentwicklung der HHU in der Forschung, im Studienangebot und in den Beziehungen zur Landeshauptstadt Düsseldorf und der Region entwickeln. Zielsetzung ist es, einen neuen Hochschulentwicklungsplan zu schreiben, der dann ab 2016 gelten soll.

Gibt es denn schon einen?

Steinbeck: Ja, aber der ist bereits weitgehend umgesetzt und läuft Ende 2015 aus. Es ist also ein ausgezeichneter Zeitpunkt, sich Gedanken zu machen, welche Bereiche gestärkt und welche Forschungsschwerpunkte gesetzt werden sollen.

Wo liegen die Stärken dieser Uni?

Steinbeck: Schon aus der Historie heraus ist die Medizin natürlich ein starker Bereich unserer Universität. Besonders hervorheben sollte man aber auch die Pflanzenwissenschaften in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät mit unserem Exzellenz-Cluster Ceplas. Und zum Beispiel auch die sehr gute Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, die sich unter anderem schwerpunktmäßig mit wettbewerbsökonomischen Fragestellungen beschäftigt.

Halten Sie noch Vorlesungen auf Ihrem Fachgebiet?

Steinbeck: Leider ist das nicht mehr zu schaffen. Als Vizerektorin in Köln ist mir das zeitlich noch gelungen — wenn auch in einem deutlich reduzierten Umfang.

Wo liegen die Schwächen der Uni?

Steinbeck: Eine generelle Schwäche liegt in dem unterfinanzierten Hochschuletat des Landes Nordrhein-Westfalen. Dieser ist in Bayern und Baden-Württemberg wesentlich höher. Das macht sich zum Beispiel daran bemerkbar, dass das Grundgehalt eines Professors dort um 400 bis 500 Euro höher ist als in NRW. Wenn wir konkurrieren wollen, müssen wir 500 Euro drauflegen, um gleich zu ziehen. Das ist ein Wettbewerbsnachteil.

Das kommt durch die dumme Entscheidung, dass neuerdings die Länder für die Beamtenbesoldung zuständig sind. So eine Regionalisierung gibt es nirgends in Europa.

Steinbeck: Ich will nicht sagen, dass wir Schlusslicht sind. Es gibt Länder, in denen das Grundgehalt noch niedriger ist.

Wie viele Studenten hat die Universität?

Steinbeck: 30.130.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Uni zum einen durch die demografische Entwicklung, zum anderen durch die Sorgen der Wirtschaft, dass die Akademisierung Arbeitsplätze in der Industrie und im Handwerk unbesetzt lässt?

Steinbeck: Natürlich sehen wir die demografische Entwicklung und müssen uns ihr stellen. Was die Akademisierung anbelangt, ist es uns zunächst einmal wichtig, dass unsere Studierenden gute Studienbedingungen vorfinden und ihr Studium mit Erfolg abschließen. Für den Fall, dass man ein Studium jedoch nicht beendet, sollte man auch den Abbrechern ein attraktives Angebot für den Berufseinstieg machen — gemeinsam mit den Handwerkskammern und der IHK. Zum Beispiel: Ein Student, der drei Semester Chemie studiert hat, würde sich bestimmt für einen Ausbildungs-Quereinstieg in einem Chemielabor empfehlen. Andere Hochschulen sind da schon weiter und bieten entsprechende Programme an.

Bei der RWTH…

Steinbeck: Richtig, dort gibt es das Abbrecherprogramm„Switch“. Ein guter Name und ein gutes Programm…

Welche Fächer haben bei Ihnen den Numerus clausus?

Steinbeck: Die überwiegende Anzahl der Studienfächer an der HHU hat einen NC, nur wenige Fächer wie etwa Mathematik oder Physik kommen ohne aus. Einen hohen NC haben Psychologie und Medizin. Bei vielen Studiengängen klingt der Numerus clausus zunächst einmal sehr hoch, aber durch Nachrückverfahren kommen auch Bewerber mit etwas niedrigeren Noten zu einem Studienplatz.

Wo steht die Uni Düsseldorf im Vergleich zu anderen deutschen Universitäten? Steht sie oben, im Mittelfeld oder wo?

Steinbeck: Im oberen Drittel, aber nicht unter den Top Ten wie zum Beispiel die Ludwig-Maximilian Universität in München.

Mir ist aufgefallen, dass Sie übergreifende Studiengänge anbieten. Was heißt das?

Steinbeck: Das sind Studiengänge, die bewusst fakultätsübergreifend angelegt sind. Zum Beispiel das Fach Wirtschaftschemie. Die Studierenden kennen sich nicht nur bestens in der Chemie aus, sondern haben auch Know-how im Bereich Management und kennen sich gut mit betriebswirtschaftlichen Fragestellungen aus. Die Arbeitswelt ist auch nicht mehr eindimensional. Deshalb glaube ich, dass fachübergreifendes Denken und Handeln zunehmend wichtiger werden. Spätestens ab dem Masterstudiengang.

Gibt es Kooperation mit den Nachbar-Unis, etwa mit Köln, Duisburg/Essen, Bonn und Aachen?

Steinbeck: Ja, mit Köln gibt es das gemeinsame Exzellenz-Cluster Ceplas. Mit der Universität Duisburg-Essen gibt es eine sehr gute Zusammenarbeit im Bereich der Medizin. Mit anderen Universitäten der Region bin ich im Gespräch.

Welche Aufgaben hat eine Rektorin oder einfacher gesagt, wie sieht die Arbeitsteilung zwischen Rektorin und Kanzler aus?

Steinbeck: Als Rektorin bin ich zusammen mit dem Rektorat für die strategische Ausrichtung der Hochschule verantwortlich: Wie wird die Lehre und die Forschung an der HHU zukünftig ausgerichtet? Mit welchen Einrichtungen will man zukünftig Allianzen schließen? Darüber hinaus repräsentiere ich die Universität nach Außen — zum Beispiel gegenüber der Presse und bei offiziellen Terminen in der Stadt. Der Kanzler ist Chef der Verwaltung und für den Haushalt verantwortlich.

Können Sie dem Unkundigen erklären, was Lauterkeitsrecht ist?

Steinbeck: Es ist das Recht gegen den unlauteren Wettbewerb und es regelt, wie ein Unternehmen werben darf. Darf man Sie zu Hause anrufen, um Ihnen Wein zu verkaufen? Darf man kleine Kinder direkt ansprechen, um sie bzw. mittelbar die Eltern zum Kauf von Produkten zu bewegen?

Ist das eines Ihrer Spezialgebiete?

Steinbeck: Ja, neben dem Markenrecht und dem Urheberrecht.

Wie ist das zu erklären, dass Sie mit 36 Jahren einen Lehrstuhl bekommen haben?

Steinbeck: Mit 34. Ich wurde mit fünf eingeschult, habe mit 18 Abitur, mit 23 mein erstes, mit 26 mein zweites Staatsexamen abgelegt, promoviert, sechs Jahre habilitiert und bekam dann nach kurzer Zeit den Lehrstuhl. Bei allem Ehrgeiz, den ich bestimmt habe: Arbeit hat mir immer sehr viel Freude bereitet.

Es hat öffentliche Diskussionen gegeben über die Bezüge der Rektoren und Kanzler. Sind die Spitzen der Universitäten Ihrer Meinung nach über- oder unterbezahlt?

Steinbeck: Die Spitzen der Universitäten sind auf keinen Fall überbezahlt.

Es gibt Leute, die sagen, in der Wirtschaft wird für Spitzenkräfte gut bezahlt, und da müssen auch die Spitzen der Hochschulen vergleichbare Einkommen haben.

Steinbeck: Nein, das würde ich nicht zwingend so sehen. Die Spitzen in den Unternehmen müssen das wirtschaftliche Risiko tragen — anders als die Universitäten, die durch den Landeszuschuss zumindest einen großen Teil ihrer Finanzierung sichergestellt bekommen. Wer erfolgreich Jura studiert und in eine große Wirtschaftskanzlei geht, erhält in der Regel ein Anfangsgehalt, das höher ist, als das Gehalt eines Professors kurz vor der Emeritierung. Wenn die Wissenschaft dann versucht, die besten Juristen als Jura-Professoren und Professorinnen zu gewinnen, ist das schon eine Herausforderung.

Haben Sie überhaupt noch Freizeit und wie gestalten Sie die?

Steinbeck: Ja, ich habe noch Freizeit. Ich mache Sport.

Welchen Sport?

Steinbeck: Wandern, Radfahren, Joggen.

Wie viel Kilometer?

Steinbeck: Nicht viele, acht. Ich fahre auch noch Ski, wenn ich Zeit habe.

Haben Sie Vorbilder?

Steinbeck: Mich hat Juliane Kokott, Generalanwältin beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg mit ihren sechs Kindern schon sehr beeindruckt.

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