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Trauer um Martin Ratajczak: Er war ein außergewöhnlicher Mensch und Kollege

Trauer um Martin Ratajczak : Er war ein außergewöhnlicher Mensch und Kollege

Die Nachricht macht tief betroffen und traurig, denn kaum jemand in der Stadt Aachen war so bekannt und beliebt wie Martin Ratajczak. Wie jetzt bekannt wurde, ist der Fotograf des Medienhauses Aachen am ersten Weihnachtstag in seiner Wohnung gestorben. Er wurde 92 Jahre alt.

Es ist mehr Legende als gesicherte Überlieferung: Bei einem Schützenfest in Aachen-Burtscheid sollen sich die Armbrustträger im Halbkreis aufgestellt haben, als sie den knatternden Sound eines VW-Käfer-Motors hörten… Der Käfer war das akustische Erkennungszeichen, dass Martin Ratajczak herannahte, das Klicken des Kameraauslösers der Beweis, dass er wirklich angekommen war. Und das ungezählte Male. Eher legere Anfangssätze eines Nachrufes auf einen bemerkenswerten Mann, der am ersten Weihnachtstag gegangen ist. Aber sie hätten Martin Ratajczak vermutlich gefallen. Diesem Mann, Fotograf unseres Hauses, dessen unveränderliches Erkennungszeichen ein unvergleichlicher Mutterwitz war. Martin Ratajczak wurde 92 Jahre alt.

Wenn auf jemanden die Attribute humorvoll, witzig, selbstironisch, dabei liebenswürdig und liebenswert zutrafen, dann auf ihn. Man darf behaupten, dass es in der Region niemanden gab, der ihn nicht mochte. Bis zuletzt war der gebürtige Burtscheider mit seiner Kamera unterwegs, die Wahl seiner Motive veränderte sich naturgemäß.

Der gelernte Maler und Lackierer entdeckte früh seine Leidenschaft für die kleinformatigeren Farbwerke, er wurde zum omnipräsenten Fotografen, der seine Vaterstadt nicht nur abbildete, sondern deren Seele er zeigte.

Seine Liebe zu Aachen hatte ihn 1944 hier bleiben lassen, den Evakuierungsbefehl ignorierte er – zwar mit Bauchgrummeln, aber mit dem sicheren Instinkt, das Richtige zu tun. Dieser Instinkt hat Martin Ratajczak nie verlassen. Privat genauso wenig wie beruflich. Er gründete eine Familie, bekam mit Ehefrau Sybille einen Sohn und fasste beruflich schnell Fuß. Und er schaffte es, das aufblühende Aachen fotografisch zu dokumentieren. Martin Ratajczak war kein Kunstfotograf, er perfektionierte die Kunst, das Leben abzubilden.

Dieses Leben war bestimmt zu einem ganz großen Teil durch die Vereine unterschiedlicher Couleur. Sein Herz gehörte dem Fußball, vor allem der Alemannia. Seine Erzählungen über Auswärtsfahrten mit den Kartoffelkäfern sind legendär, vor allem über die Rückfahrten auf Pritschenwagen, wo auch schon mal mit den Spielern das eine oder andere Siegesschnäpschen getrunken wurde. Die professionelle Distanz wahrte er trotzdem bei aller Verbindlichkeit.

Sein offenes Naturell öffnete Herzen und Türen. Bei vielen Karnevalssitzungen erklang ein Tusch, wenn Martin Ratajczak den Saal betrat. Und der Applaus folgte eine Zehntelsekunde später, wenn der jeweilige Präsident „unseren lieben Martin“ begrüßte. Komplettunterbrechung des Programms fürs Foto? Kein Problem! Der Fotograf war mitunter integraler Bestandteil des jecken Reigens, weil jeder fühlte, dass „der Martin“ die Gesellschaft genoss. Die der Karnevalisten, die der Kleingärtner, die der Schützen, der Sportler, der sozial Engagierten und so weiter und so weiter. Weil sie alle spürten, dass da einer von ihnen gekommen war. Wenn es sein musste, dann wurde auch schon mal eine Taufe wiederholt – wenn die Kamera mal streikte.

Selten wurde in der Redaktion nach „Herrn Ratajczak“ – die kreativen Aussprachen seines Nachnamens seien hier mal außen vor gelassen – gefragt. Es hieß: „Hat der Martin denn auch Zeit?“ Und eigentlich hatte er immer Zeit. Zu früh oder zu spät gab es bei ihm nicht.

Die große Beliebtheit und Sympathie, die ihm allerorten entgegenströmte, waren der schönste Lohn. Dass er zudem die Presse-Ente des Deutschen Journalisten-Verbandes und den Mullefluppet-Preis der Aachener Zeitung erhielt, quittierte er mit dankbarer Gelassenheit. Falsch liegt, wer glaubt, dass er eine Dankeserwiderung auf eine Laudatio ausgearbeitet hätte. Die Schule eines Fotografenlebens lehrte ihn derart viel Gelassenheit und Souveränität, versorgte ihn mit so vielen Anekdötchen und Erinnerungen, dass er auch vor größerem Publikum zum charmanten Spontan-Comedian wurde. Ohne Zoten und ohne dümmliche Gags. Stattdessen kramte er kurz in seinen Erinnerungen und kredenzte die nächste Erinnerung.

Als beispielsweise in Laurensberg ein Haus explodiert war, gab sich der Fotograf als Mann von der Stawag aus und konnte selbst Polizeisperren passieren. Wirklich Angst vor sensationsheischenden Bildern brauchte niemand zu haben, und wirklich beschwert hat sich auch kaum jemand. Flunkern wurde zum legalen Arbeitsinstrument.

Aber wenn es sein musste, hatte er auch bei der Suche nach dem richtigen Auslösemoment keine Angst vor den Bodyguards eines George Bush senior.

Diese Gelassenheit war vermutlich der Generator, aus dem er die Energie für sein ereignisreiches Leben gewann. Bis zuletzt besuchte er Ehejubilare. Und Hundertjährige, denen er versprach: „In zehn Jahren komme ich wieder.“ Diese Energie machte ihn auch zum Kämpfer. Als es beispielsweise seiner Ehefrau immer schlechter ging, kümmerte er sich aufopferungsvoll um sie. Ihren Tod bewältigte er mit Kampfgeist, er machte immer weiter und ließ sich nicht unterkriegen. Man wird ihn vermissen, bei der Aachener Puppenbühne, den Tellschützen, dem Burtscheider Bürgerverein und so vielen Vereinigungen, die das regionale Geschehen mit Leben füllen. Gerade in der vergangenen Wochen zeigte er seinen scharfen Verstand und sein sicheres Erinnerungsvermögen, als er als Zeitzeuge die letzten Tage der Kämpfe 1944 in Aachen beschrieb. Der Fotograf konnte so auch extrem spannende Bilder in den Köpfen seiner Zuhörer erzeugen.

Zum 80. Geburtstag leimte ihn der damalige Aachener Oberbürgermeister Jürgen Linden ordentlich: Es sei ein Empfang zu fotografieren. Was auch stimmte – aber der Empfang im Aachener Rathaus galt dem Fotografen selbst. Etliche Vereinsvertreter waren gekommen, um sich vor Martin Ratajczak zu verneigen.

Aufrechter Mensch

Vor ein paar Jahren bekam er in bereits gesetztem Alter zwei Knieprothesen. Seinen Weg ins Krankenhaus kommentierte er mit den Worten: „Wenn es im Krankenhaus brennt, dann kann ich Euch die Fotos ganz schnell schicken…“ Schnell erfolgte seine Heilung, den krummen Beinen mit Gehstützen folgte der gestreckte, sichere Gang. Ein Bild mit großem Symbolgehalt, das in ganz vielen Köpfen und Herzen Bestand haben wird. Bis zuletzt brachte ihm ein Bauer Eier in die oberste Etage des Mietshauses, eine liebe Nachbarin hängte regelmäßig die Brötchen an seine Tür. Sie haben dies gern gemacht. Als ein kleines Dankeschön an die Adresse eines Mannes, den man ohne Übertreibung als das Öl im Getriebe einer Stadtgesellschaft bezeichnen kann. Eines Mannes, der im Stillen und auf seine unverwechselbare Art wirklich viele Verdienste um die Menschlichkeit in der Region hat. So viel Innensicht sei erlaubt: Vor allem wird man ihn in der Redaktion vermissen.

(hpl)