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Entwarnung an der Steinbachtalsperre

Kreis Euskirchen : Aufatmen an der Talsperre, Abbruchkante in Erftstadt riskant

Mit bangen Blicken schauten viele Anwohner in den vergangenen Tagen auf die Steinbachtalsperre: Hält der Damm? Jetzt gibt es Entwarnung. In Erftstadt, wo das Unwetter einen riesigen Schlund in die Erde gefressen hat, droht hingegen noch Gefahr.

Aufatmen für die Anwohner rund um die seit Tagen vom Hochwasser bedrohte Steinbachtalsperre: „Ein Dammbruch ist jetzt nicht mehr zu befürchten“. Das hat die Bezirksregierung Köln am Montag mitgeteilt. Zuvor hatten Fachleute die Standsicherheit des Damms begutachtet.

In den vergangenen beiden Tagen sei so viel Wasser abgelassen und abgepumpt worden, dass die Experten nun von einer stabilisierten Lage ausgingen, heißt es in einer Mitteilung der Bezirksregierung bei Twitter. „Die Talsperre wird in den nächsten Tagen abgefischt und dann vollständig entleert.“

Am Vormittag machten sich Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) ein Bild von der Lage an der Steinbachtalsperre. Laschet würdigte dabei die Hilfe des Bundes. Es bestehe nun die Chance, „dass sich die Lage endgültig entspannt“. Eine enge Zusammenarbeit der örtlichen Feuerwehren, der beiden Kreise, des Technischen Hilfswerks (THW) und der Bundeswehr habe ermöglicht, dass ein Dammbruch an dieser Stelle verhindert werden konnte.

Der Rhein-Sieg-Kreis meldete, die Evakuierungsmaßnahmen für Swisttal und Rheinbach könnten nun aufgehoben werden. In Swisttal hatten Anwohner aus den Ortschaften Ludendorf, Odendorf, Essig und Miel aus Sicherheitsgründen ihre Wohnungen und Häuser verlassen müssen. In Rheinbach waren Bewohner aus den Stadtteilen Niederdrees und Oberdrees evakuiert worden. Für einige Orte im Kreis Euskirchens galt allerdings noch für einige Stunden ein Betretungsverbot.

Um den gefährlichen Druck auf die Staumauer zu verringern, habe der Wasserpegel um sechs bis sieben Meter gesenkt werden müssen, berichtete der Rhein-Sieg-Kreis. „Ziel war es, etwa zwei Drittel der sogenannten Betriebsstauhöhe zu erreichen.“

In dem vom Hochwasser besonders stark geschädigten Erftstadt bildet die Abbruchkante hingegen weiterhin ein Risiko. Zwar sei die Kiesgrube hinter dem Ortsteil Blessem weiträumig abgesperrt, sagte die Bürgermeisterin der nordrhein-westfälischen Gemeinde, Carolin Weitzel, am Montag. „Ein weiteres Nachrutschen von Erdmassen ist jedoch jederzeit möglich.“ Die betroffenen Stadtteile würden permanent mit Drohnen überwacht.

Gleichzeitig liefen geologische Untersuchungen. „Sobald der Ort als begehbar eingestuft wird, beginnen Prüfungen der Statik“, sagte Weitzel. Im Ortsteil Blessem besteht in der Nähe der Abbruchkante akute Lebensgefahr.

Unter Hochdruck und Einsatz sämtlicher verfügbarer Ressourcen laufe auch die Suche nach Vermissten, berichtete die Bürgermeisterin. Im Einsatz mit den Rettungskräften vor Ort seien Roboter, Sonargeräte, Drohnen und Suchhunde. Schwerpunktmäßig würden jetzt Liegenschaften in Blessem und die Bundesstraße 265 untersucht.

Dort waren nach Angaben der Stadt mit Hilfe der Bundeswehr bereits am Sonntag fast alle vom Hochwasser eingeschlossenen Fahrzeuge geborgen worden. Opfer sind demnach in den Autos und Lastwagen nicht entdeckt worden.

„Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend“, sagte Weitzel. Am meisten gebraucht würden nun Geldspenden und möblierte Unterkünfte. Wer helfen möchte, findet Kontakte auf der Homepage der Stadt. Die Bürgermeisterin äußerte ihr tiefes Mitgefühl mit allen Opfern und Betroffenen: „Ich fühle intensiv mit.“

Mit dem Hochwasser kommt auch der Dreck: Das Landesumweltamt in Nordrhein-Westfalen rechnet damit, dass durch die Fluten Öl, Diesel und andere Schadstoffe in die Gewässer eintreten werden. Anwohner aus den betroffenen Orten berichteten unter anderem von beißendem Benzingeruch, öligen Schleiern und angespültem Unrat. Oberste Priorität habe zunächst die Trinkwasserversorgung, sagte eine Sprecherin. Wasserversorger würden über einen sogenannten Warn- und Alarmplan über mögliche Befunde informiert und könnten dann Maßnahmen ergreifen. „Über andere Umweltfolgen haben wir noch gar keinen Überblick“. Dafür müssten die Pegelstände zunächst weiter sinken.

Baggerunternehmer steht für Mut

Mehrere Politiker heben seinen Baggereinsatz in der Flutkatastrophe als beispielhafte Zivilcourage hervor, doch der Eifeler Tiefbauer Hubert Schilles bleibt bescheiden. „Das war keine Heldentat. Das hätte jeder andere auch gemacht“, sagte der 67-jährige Schilles am Montag. Der Inhaber einer Tiefbaufirma aus der Region hatte sich am vergangenen Donnerstag ohne zu zögern bereit erklärt, den mit Boden und Geröll zugeschwemmten Abfluss der Steinbachtalsperre in Euskirchen freizubaggern. Dort war befürchtet worden, der Damm könne brechen, wenn es nicht gelänge, Druck von der übervollen Talsperre zu nehmen.

Er habe ja genau gewusst, was für die Ortschaften unterhalb des Dammes auf dem Spiel stand, sagte Schilles. „Mir war klar. Hier muss sofort Hilfe her. Da kann man nicht mehr lange überlegen“. Er habe einen 30-Tonnen-Tieflader angefordert und sei „da reingefahren“: „Ich bin ein gläubiger Menschen: Ich habe mich zweimal gesegnet, bevor ich da runter bin“, sagte Schilles. 18 Meter unter dem Wasserspiegel arbeitete er dann sechs Stunden lang auf der anderen Seite des akut gefährdeten Dammes und schaufelte den Ablauf frei.

Dass er sich selbst in Lebensgefahr begibt, sei klar gewesen. „Wenn die Wand fliegen gegangen wäre, wäre das hundertprozentig der sichere Tod gewesen. Das war schon eine brisante Situation“, sagte Schilles. „Aber ich hatte keine Angst, weil dahinter stand ja was Großes. Nämlich, dass kein Mensch zu Schaden kommt“, sagte Schilles. Er halte sein Handeln daher für selbstverständlich. „Man soll nicht die Brust rausdrücken. Ich bin eher der, der im Untergrund arbeitet“, sagte der 67-Jährige. Er und sein Team aus 57 Beschäftigten seien auch nun weiter mit Aufräumarbeiten nach der Katastrophe befasst. Zurzeit fahre er immer wieder Sondermüll zur Deponie.

(dpa)