Monschau: Entführt, geflüchtet, zurückgekehrt: Die Geschichte eines Flüchtlings aus Kalterherberg

Monschau : Entführt, geflüchtet, zurückgekehrt: Die Geschichte eines Flüchtlings aus Kalterherberg

Als er die Nummer in der alten Heimat anwählt, heißt der junge Mann noch Osama Laod. Im Laufe des mehrstündigen Telefonats ändert sich sein ganzes Leben, er erhält eine neue Identität, er erfährt, dass er drei jüngere Brüder und eine jüngere Schwester hat. Als er das Gespräch beenden muss, weil sein Akku aufgegeben hat, ist aus Osama Laod Noureddine Eddoumi geworden.

Wenn man das Leben des Marokkaners aufschreiben und zum Beispiel einem TV-Produzenten anbieten würde, bekäme man das Drehbuch vermutlich schnell wieder mit dem Vermerk „völlig unglaubwürdig“ zurück. Sie ist aber wahr. Die Geschichte des 26-jährigen, der in Kalterherberg lebt, ist eine Geschichte vieler unglücklicher Momente, aber auch unfassbar glücklicher Fügungen.

Marokko. Foto: Christoph Pauli

Wenn Nourreddine sie in ziemlich gutem Deutsch erzählt, spricht er stockend. Sein Leben ist seit ein paar Monaten ziemlich aus den Fugen geraten, aber es bietet eine neue, ungeahnte Perspektive.

Marokko.

Als „Bastard“ gehänselt

Osama Laod wächst in der Nähe von Casablanca auf, sagt er. Er darf im Gegensatz zu seinen Geschwistern die Schule nicht besuchen, wird oft geschlagen. Auf der Straße wird er als „Bastard“ gehänselt, er gehöre gar nicht in die Familie. Eine Nachbarin, die ihn oft tröstet, rät ihm zur Flucht. „Das sind nicht deine Eltern.“ Der Junge ist 13, als er sich eines Nachts davon macht. Osama kommt nach Casablanca, mittellos. Er lebt zwei Jahre auf der Straße, kommt mit Drogen in Kontakt. Der Obdachlose lernt einen Fischer kennen. Er arbeitet für ihn, bekommt im Gegenzug einen Schlafplatz auf dessen kleinem Kutter. Der Mann organisiert und bezahlt einen Schleuser für Osama. „Ich wollte nur weg.“ Weg von der Straße, von den Drogen, den Misshandlungen, der Heimat.

Im siebten Anlauf klappt 2007 die Flucht, der Junge versteckt sich in einem Hohlraum unter einem Lkw, kommt über die Fähre nach Almeria in Spanien. Papiere hat er nicht bei sich, „ich habe noch nie welche besessen“.

Illegal in Spanien

Er bleibt illegal in Spanien, arbeitet jahrelang bei einem Gemüsebauern, lebt in einem Slum. Lohn bekommt er nur selten, die Situation mit seinem Arbeitgeber eskaliert, Osama flieht. In Barcelona lebt er wieder auf der Straße, ernährt sich von Müll. „Es war nur furchtbar“, sagt er. Ohne Ticket setzt er sich in einen Zug nach Paris, die Kontrolleure drücken beide Augen zu, als sie ihn erwischen. Die Fahrt im Winter 2011 geht weiter, er kennt kein Ziel, hat keine Anlaufstelle. Über Brüssel reist er nach Frankfurt. Er wird aufgegriffen von der Polizei, ist wochenlang unter Arrest, bis er endlich im zentralen Aufnahmelager in Dortmund landet.

Ein Ersatzausweis wird ausgestellt für Osama Laod, am 24. Januar 2012 kommt er schließlich nach Monschau in ein ehemaliges Hotel, in dem alleinstehende Flüchtlinge von der Kommune untergebracht wurden.

Der Marokkaner lernt Hermann Mertens kennen, und das ist sein großes Glück. Mertens ist nicht nur Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Eifel hilft“, er ist damals Dezernent bei der Stadt Monschau, zuständig für das Ausländer- und das Sozialamt. Mertens sagt, er sei kein „Sozialromantiker“. Er betreut von Amtswegen seit 1979 Flüchtlingsprojekte im Eifelstädtchen. Ein paar tausend Flüchtlinge hat er in der Zeit kennengelernt. „Das ist der verrückteste Fall von allen“, sagt er.

„Ohne Hermann wäre mein Leben anders verlaufen“

Geschichten wie die von Osama hat Mertens immer wieder gehört, wenn er Menschen ohne gültige Papiere kennenlernt. Er wird oft mit Ausreden konfrontiert. Den detaillierten Angaben Osamas glaubt er. Er kennt sich aus in Andalusien, ist sicher, dass er nicht angelogen wird. „Ohne Hermann wäre mein Leben anders verlaufen“, sagt Osama.

Er ist nur geduldet in Deutschland, bekommt eine Frist von zwölf Tagen, um Deutschland zu verlassen. Es gibt ein Abschiebehemmnis, in Marokko gibt es keine Geburtsurkunde, die auf den Namen Osama Laod ausgestellt ist, das Königreich weigert sich, den Unbekannten aufzunehmen.

Mertens organisiert einen Vertrauensanwalt in Casablanca, und Mohamed Imzil nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Er findet die Familie, in der Osama aufwuchs, er setzt sie unter Druck — und bekommt ein Geständnis: „Sie haben Osama entführt, als er knapp drei Jahre alt war“, sagt Mertens. Die Frau konnte nach einer Fehlgeburt keine Kinder mehr bekommen, und entführte stattdessen ein Fremdes. Injil forscht weiter, der Zufall ist ein zuverlässiger Begleiter, er gleicht Vermisstenanzeigen ab — und findet die wahren Eltern, die 150 Kilometer entfernt wohnen.

Sie haben jahrelang nach ihrem Sohn gefahndet, haben dafür nahezu ihre kompletten Ersparnisse aufgebraucht. Vergeblich, Ende 2017 wollten sie ihn für tot erklären lassen. Landesweit fahnden sie seit vielen Jahren nach dem verlorenen Sohn. Immer wieder melden sich Leute, die gegen entsprechendes Info-Honorar entscheidende Tipps geben wollen. Es sind Betrüger, eine Spur von Osama gibt es nicht. Wie auch. Ein paar Tage, bevor die Eltern aufgeben wollen, erfahren sie nach fast 13 Jahren, dass er lebt. Der Anwalt will später kein Geld für sein Engagement: „Sie werden nicht ernsthaft glauben, dass ich hierfür ein Honorar annehme. Ich danke Gott, dass ich an diesem Wunder mitwirken durfte.“

Am 5. Dezember 2017, es ist ein Sonntag, telefoniert Osama erstmals mit seinen Eltern. Mit seiner Mutter Haddouna, mit seinem Vater Mohammed. Bei diesem Telefonat werden stundenlang komplette Biografien ausgetauscht. Es gibt so viel zu erzählen nach so vielen Jahren, Fremde kommen sich mit jeder Einheit näher. Später verlangt die Telekom 1135 Euro an Gebühren für das Gespräch. Als Mertens dem Konzern die Hintergründe mitteilt, zieht die Telekom die Rechnung zurück.

Neue Perspektive

Noureddine Eddoumi sagt, nach diesem ersten Telefonat habe er tagelang nicht mehr schlafen können. Ohnehin ist er damals in einer schwierigen, depressiven Verfassung. Die Perspektive fehlt, er bekommt immer nur befristete Jobs, er hat keine Orientierung.

Nach diesem Telefonat mit der Heimat will er nun zurück in ein Land, das er verlassen hat, als er noch Osama war. Sein halbes Leben war er unterwegs auf einem anderen Kontinent, jetzt wird er vermutlich zeitnah nach Nordafrika zurückkehren. Im August will „Eifel hilft“ seine Eltern und einen Bruder einfliegen lassen. Mit Hilfe eines DNA-Tests soll ein Beleg für seine Identität gefunden werden — Voraussetzung für seine Heimkehr. Es wird eine Heimkehr ins ungewisse, ein Schulabschluss fehlt, Lesen und Schreiben hat er sich unterwegs selbst beigebracht. Er ist zuversichtlich: „Osama ist ein Junge, der immer Probleme hatte. Noureddine aber hat plötzlich eine Familie.“

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