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Maastricht: Entfaltung von Geist und Intellekt statt Produktivität

Maastricht : Entfaltung von Geist und Intellekt statt Produktivität

Zahlreiche Studenten und Universitätsangestellte drängen sich durch die zwei großen braunen Holztüren in den kleinen Vorlesungssaal. Sie alle wollen an diesem Tag im März an der Diskussion über die Zukunft der Universität Maastricht (UM) teilnehmen. Doch es sind zu viele. Viel zu viele.

Der Raum in der Fakultät der freien Künste ist bereits überfüllt.

Draußen vor der Tür greifen die Sicherheitskräfte ein, drinnen wird gerufen: „Lasst sie rein!“ Student Ruben Verkoelen hat es in den Saal geschafft. Der 20-Jährige hat die erste Versammlung der „Neuen Universität Maastricht“ mitorganisiert.

„Neue Universität“, das steht für eine demokratischere Universität. Denn die Bewegung, die seit Februar an mehreren niederländischen Unis aktiv ist, fordert einen Umbruch im Hochschulsystem: mehr Demokratie innerhalb der universitären Entscheidungsprozesse, mehr finanzielle Transparenz, eine gerechtere Bezahlung und weniger Arbeitsbelastung für die Angestellten, höhere Qualität der Bildung, weniger Studiengebühren.

„Das sind nur einige Punkte“, sagt Verkoelen und lacht ein wenig. Der Philosophiestudent will nicht alles radikal umwerfen, spricht nicht mit aggressivem Diskurs, Verkoelen ist entspannt. Langsam will er das System verändern. Denn der junge Mann aus Eindhoven ist überzeugt, die Universitäten, auch die UM, sind auf dem falschen Weg. Und mit dieser Überzeugung ist er nicht allein.

„Viele Studenten der Sozial- und Geisteswissenschaften haben sich angeschlossen“, sagt er. Sie stören sich daran, dass die Hochschulen immer mehr auf die Wirtschaft ausgerichtet würden, Bildung nur noch dazu diene, Arbeitskräfte zu produzieren, die in der Marktwirtschaft funktionieren. Effektivität und Produktivität stünden nun an erster Stelle, die Entfaltung des Geistes und des Intellekts im Hintergrund. Eine Studentin fragt in einem Artikel in einer Studentenzeitschrift: „Gehen wir zur Uni um zu lernen, oder nur, um einen Abschluss in der Tasche zu haben?“

In Amsterdam begann die „Neue Universität“ mit der Besetzung eines Verwaltungsgebäudes Ende Februar. Zuvor hatte die Uni bekanntgegeben, wegen finanzieller Probleme etliche geisteswissenschaftliche Studiengänge abschaffen zu wollen. Landesweit sind Diskussionen entfacht. Studierende in Nijmegen, Leiden, Delft und Groningen fordern jetzt Veränderungen. Auch in London und Warschau sowie an Universitäten in Dänemark und Kanada protestieren junge Menschen gegen Sparvorgaben und Ökonomisierung der Hochschulen.

Ruben Verkoelen findet am schlimmsten, dass an der UM ein Großteil der Angestellten befristete Verträge hat und schlecht bezahlt, ja in seinen Augen sogar ausgebeutet wird. Oftmals würden Ehemalige und Doktoranden unterrichten. „So wird Bildung billig vermittelt.“ Früher, so sagt er, hätten Professoren ihre wissenschaftlichen Ergebnisse den Studenten präsentiert. Nun hätten die Universitätsangestellten vor Zeitdruck und Arbeitsbelastung gar keine Zeit mehr zu forschen und zu publizieren.

Die Initiatoren der Maastrichter Bewegung glauben, dass vieles am System liegt und nicht direkt von der Universität Maastricht selbst verändert werden kann. Dennoch wollen sie, dass die UM-Führung Druck auf Politik und die Vereinigung der niederländischen Universitäten ausübt. „Sie sind sehr kooperativ, das schätzen wir“, sagt Verkoelen. Deswegen ist es in Maastricht auch noch nicht zu Besetzungen gekommen. UM-Präsident Martin Paul, Rektor Luc Soete und Vize-Präsident Nick Boes haben nach einiger Zeit auf die Forderungen reagiert.

In einem Brief schreiben sie, dass die Qualität der Bildung weiterhin an erster Stelle stehe, es ein Ad-hoc-Komitee zum Thema geben soll. Sie versichern, dass es an der Universität Maastricht kein demokratisches Defizit gebe, sie dennoch offen für Verbesserungsvorschläge sind. Auch sie glauben, dass die Arbeitsbelastung zu hoch ist. Vieles soll sich in der Zukunft mit einer neuen Strategie ändern, versprechen sie.

Wie es jetzt weitergeht? Der UM-Spitze werde man genau auf die Finger schauen, sagt Ruben Verkoelen. Er weiß, dass es schwierig ist, Bewegungen wie die „Neue Universität“ am Leben zu erhalten. Studenten machen ihren Abschluss, verschwinden ins Auslandssemester und müssen auf ihre Noten aufpassen, die zählen später ja bei der Jobbewerbung. „Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder die Bewegung festigt sich und schafft es, Dinge zu verändern, oder sie verschwindet ganz“, sagt Verkoelen.