Ende Gelände 2018: Der Protest am Hambacher Forst

„Ende Gelände“-Proteste am Wochenende : Auf den Gleisen, auf dem Bagger, auf der A4

Mehrere Tausend Braunkohle-Gegner besetzen die Hambach-Bahn

Aus der Sicht von mehr als 5000 Demonstranten ist „Ende Gelände“ am Wochenende ein großer Erfolg gewesen. Doch die Zahl genervter Bürger im Revier steigt.

Der Umzug durch sein Dorf bringt das Fass dann endgültig zum Überlaufen. Es ist der letzte Tropfen. Wochenlang hat sich die Wut angestaut, aber jetzt will sich Manfred Laws einmal Luft verschaffen. So kann und darf es nicht weitergehen in Morschenich. „Ich halte das nicht mehr aus“, sagt er und blickt auf den Demonstrationszug.

Laws will keine Aktivisten mehr erleben, die Barrikaden rings um das Dorf aufbauen, er will keine Frauen mehr erleben, die ihre Notdurft unter einem Nussbaum im Ort verrichten, er will keine aggressiven Menschen an seinem Wohnort mehr erleben, sagt er. Klar, er arbeite für den Bergbaubetreiber RWE, aber darum gehe es hier nicht. Laws fordert Anstand ein. „So kann es hier nicht weitergehen, ich traue mich nicht mehr, im Drei-Schicht-System zu arbeiten, weil ich Angst um meine Familie habe.“

Laws hat einen schweren Stand an diesem Tag, das erfährt er nach seiner lautstarken Klage sehr schnell. „Es geht um Wichtigeres, es geht um unser Klima“, teilt ihm ein Demonstrant umgehend mit. Aufgerufen zu diesem Massenprotest gegen die Kohleverstromung durch RWE und zur Blockade der dazu notwendigen Infrastruktur hat das Aktionsbündnis „Ende Gelände“. „Wir nehmen den Kohleausstieg selbst in die Hand, weil wir sehen, dass die Landesregierung schamlos die Profite der Konzerne statt das Klima schützt“, sagt Sprecherin Karolina Drzewo. Der Zusammenschluss mehrerer Verbände ruft die Menschen zum vierten Mal zu einem Protestzug im Rheinischen Braunkohlerevier, so viele wie 2018 haben sich noch nie angeschlossen.

Ein erfahrener Aktivist

Martin Bauhof ist einer von ihnen, er war schon häufiger mit Ende Gelände unterwegs. Der kaufmännische Geschäftsführer beim Umweltinstitut in München ist durchaus ein erfahrener Aktivist. 2016 zum Beispiel, in der Lausitz, habe man die Leistung eines Kraftwerks vorübergehend auf 20 Prozent drosseln können. „Was wurde da eine Menge CO2 eingespart“, freut sich der 35-Jährige heute noch.

Als er vor drei Jahren das Klimacamp bewohnte, war die öffentliche Wahrnehmung gering, sagt er. „Heute hat das Thema Klimapolitik eine neue Dynamik erhalten. Es gibt viel Zulauf aus der bürgerlichen Mitte.“ Bauhof hat zwei kleine Kinder, drei und fünf Jahre alt. „Ich kann nicht warten, bis sie alt genug sind, sich selbst für eine bessere Umwelt einzusetzen. Dann ist es vielleicht schon zu spät.“

Bagger von 18 Menschen besetzt

Die erste Meldung an diesem Samstag kommt vom Bagger 290 auf der vierten Sohle bei Merzenich-Morschenich, der früh am Morgen von 18 Menschen besetzt wird. Baggerbesetzungen bieten spektakuläre Bilder, die weltweit Aufmerksamkeit generieren. Das ist die Währung. Schon am Freitag hatte es eine Art Showtraining gegeben. „Die Journalist*innen können sich dann besser vorstellen, was wir machen und haben gleich die ersten schönen Bilder und fetzigen Statements im Kasten, mit denen sie bereits am Freitag grandios über uns berichten können“, hatte das Bündnis verbreitet.

Einen Tag später wird die Baggerbesetzung im Laufe der nächsten Stunden beendet. Es bleibt die einzige. Das Aktionsbündnis hat Einsatzgruppen gebildet, Finger genannt. Der „orangene Finger“ versucht, in den Tagebau Inden einzudringen. Polizisten setzen Pfefferspray und Schlagstöcke ein, die Eindringlinge werden eingekesselt. Die angestrebte Besetzung des Baggers klappt nicht, später werden etwa 400 Menschen zur Feststellung ihrer Personalien in die Polizeireviere nach Aachen und Brühl gebracht. Die Staatsanwaltschaft Aachen leitet Ermittlungen wegen Landfriedensbruch ein.

RWE will Strafanzeigen stellen

RWE kündigt an, Strafanzeigen zu stellen. „Wir respektieren das Recht auf freie Meinungsäußerung. Das Recht darf aber nicht missbraucht werden, um unter den Deckmantel des Klimaschutzes Straftaten zu verüben“, sagt RWE-Vorstand Lars Kulik.

„Ende Gelände“-Sprecherin Drzewo hält den ,zivilen Ungehorsam’ dagegen für nahezu zwingend. „Historisch relevante gesellschaftliche Änderungen wie zum Beispiel die schwarze Bürgerbewegung in den USA hätte es ohne diesen Ungehorsam nicht gegeben“, erinnert sie. „Deswegen setzen wir massenhaft unsere Körper ein, um das Unrecht zu überwinden.“ Klar seien das Straftaten, aber aus Sicht, der Täter moralisch legitimierte. Bislang seien alle Verfahren wegen Hausfriedensbruch eingestellt worden.

„Ende Gelände“-Sprecherin Karolina Drzewo war zufrieden. Foto: ZVA/Christoph Pauli

„Es gab immer schon viele Menschen, die für den Ausstieg aus der Braunkohle waren. Jetzt gibt es aber noch mehr Menschen, denen es wichtig ist zu handeln.“ Die Klimakrise sei eine internationale Krise, dementsprechend kämen Teilnehmer aus ganz Europa, sagt Drzewo. Nur wenige leben im Revier, mit Sonderzügen und -bussen sind sie angereist.

Dieser propagierte „zivile Ungehorsam“ ist die Trennlinie auch zu anderen Naturschutzverbänden.

BUND: „Es ist nicht unser Weg“

 Auf der Homepage des Aktionsbündnisses steht zwar eine ältere Solidaritätsadresse des BUND, des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Doch der BUND fehlt an diesem Tag – aus gutem Grund. Man teilt das Ziel des Klimaschutzes, aber die Wege dorthin trennen sich. „Wir können den Aufruf zum ,zivilen Ungehorsam’ nachvollziehen“, sagt Dirk Jansen, „aber es ist nicht unser Weg.“

Der Geschäftsleiter des Bund in NRW hat neben politischen Aktionen den Gang durch die Instanzen angetreten, der vorläufige Rodungsstopp des Hambacher Forstes durch das Oberverwaltungsgericht Münster ist ein juristischer Erfolg des BUND. Der Marsch durch die Instanzen mag mühsam und langwierig sein, aber Gewalt gegen Sachen oder auch Maschinen lehnt Jansen ab. „Irgendwann hört es auf“, sagt er.

Dieser „zivile Ungehorsam“ macht die Situation fast während des ganzen Samstages unübersichtlich. Polizeisprecher Paul Kemen sagt am Wochenende oft: „Die Lage ist ungemein dynamisch.“ Die große genehmigte Demonstration ab der Mahnwache am Hambacher Restwald ist ein bunter Zug, Lieder werden angestimmt, Fahnen geschwenkt, Parolen gerufen. Aus diesem Protestzug scheren immer wieder Gruppen aus, um in den Tagebau oder an andere Orte zu gelangen – Teil des angekündigten „zivilen Ungehorsams“.

A4 stundenlang gesperrt

Die Blockade der RWE-Infrastruktur war durchaus angekündigt, aber die Auswirkungen der Aktion bekommen Tausende Unbeteiligte eher zufällig zu spüren. Die L257 zwischen Kerpen-Buir und Morschenich ist durch Sitzblockaden stundenlang gesperrt. Gravierender sind die Auswirkungen auf der A4. Zunächst hatte die Autobahnpolizei den Abschnitt zwischen Kerpen und Düren nur vorsorglich in beide Richtungen gesperrt. Später durchbrechen tatsächlich etliche Demonstranten den Polizeiriegel und rennen auf die verwaiste Autobahn, wo sie mit Wasserwerfern empfangen wurden. Die Strecke ist etwa vier Stunden komplett gesperrt. Parallel wird auch der Bahnverkehr vorübergehend eingestellt. „,Ende Gelände’ sucht immer wieder Unterschlupf bei friedlich Demonstrieranten. Mit ihren Aktionen treffen sie dann die Bevölkerung ins Mark und schaden auch ihren Interessen“, sagt Polizeisprecher Kemen.

Im Revier nähern sich den ganzen Samstag über Gruppen immer wieder der Abbruchkante. Häufig tragen sie einen weißen Maleranzug, ziehen einen Mundschutz an – sie wollen lieber nicht erkannt werden. Im Vorfeld hatten Polizei und Tagebaubetreiber RWE mit vielen Worten und kurzen Filmen immer wieder darauf hingewiesen, dass an den Abbruchkanten nach dem kraftvollen Sommer eine „unberechenbare Einsturzgefahr“ bestehe.

Als dann die Aktivisten in den Tagebau eindringen wollen, achtet die Polizei darauf, „ein Gerangel an der Kante“ zu vermeiden. Vielmehr warten die Beamten nun unten in der Sohle, um die Hausfriedensbrecher wieder aus dem Betriebsgelände herauszuführen.

Die meisten Gruppen versammeln sich parallel auf den Gleisen der Hambachbahn. Der Kohlenachschub für die Kraftwerke ist regulär im 15-Minuten-Takt unterwegs. Tausende Menschen blockieren den Transport, lassen sich nieder. Eine Straftat ist das Sitzen auf den Gleisen nicht, weil RWE den Bahnbetrieb wegen der absehbaren Störung vorsorglich eingestellt hatte. Die Polizei macht Durchsagen, um die Blockierer zum Abzug zu bewegen. Sie spricht einen Platzverweis aus, bietet gleichzeitig an, dass die Menschen auf Staatskosten zum nächsten Bahnhof gefahren werden. Die wenigsten nehmen das Angebot an, lieber wird im Licht der Scheinwerfer auf den Gleisen getanzt.

Die Nacht zum Samstag ist länger als gewohnt, sie ist kühl, aber es passiert nichts, die Polizisten stehen am Rand nur als stille Beobachter. Die Spontanversammlung wird im Laufe des gestrigen Vormittags beendet. Freiwillig verlassen die meisten Campierer nach 24 Stunden die Gleise, viele machen sich gemeinsam auf den Weg zurück ins Protestcamp nach Düren. 100 Aktivisten bleiben, ketten sich teilweise an. Gegen 16 Uhr sind die letzten von ihnen von den Gleisen getragen. Für den Transport der nach der Gleisbesetzung in Gewahrsam genommenen Personen hatte die Polizei nach eigenen Aussagen Schienenbusse von RWE in Anspruch genommen. Sowohl für die Einsatzkräfte als auch für die Versammlungsteilnehmer sei die Nutzung dieser Schienenfahrzeuge die schnellste und sicherste Transportweise, vermeldete die Polizei am Sonntagabend in einer Pressemitteilung. Auf Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verglichen mehrere Braunkohlegegner diese Schienenfahrzeuge mit Deportationszügen im Zweiten Weltkrieg. Die Polizei verurteilte diese Vergleiche auf Twitter scharf.

Schwerer Unfall am Sonntagnachmittag verhindert

Am späten Sonntagnachmittag kam es zu einem Zwischenfall, bei dem ein schwerer Unfall nur knapp verhindert werden konnte. Ein Triebwagen hätte nahe dem Hambacher Forst beinahe zwei Demonstranten überrollt, die sich an Gleisen festgekettet hatten. Das berichtete eine Sprecherin der Polizei am Montagmorgen. Der Lokführer habe eine Notbremsung eingeleitet. Der Triebwagen sei 10 Meter vor den Angeketteten zum Stehen gekommen, die sich gegen Einbruch der Dunkelheit dort postiert hatten.

Der Lokführer erlitt einen Schock. Die Polizei transportierte in dem vom Tagebaubetreiber RWE gemieteten Fahrzeug rund 40 Menschen, die nach der Gleisbesetzung der Hambach-Bahn in Gewahrsam genommen worden waren. Sie blieben unverletzt. Wie viele Menschen bei den Protesten festgenommen oder in Gewahrsam genommen wurden, konnte die Polizei am Montagmorgen noch nicht sagen.

Am Ende der Proteste spricht Karolina Drzewo von der „größten Aktion ,zivilen Ungehorsams’ gegen Kohle aller Zeiten“. Sie berichtet von 5500 Teilnehmern, weitere 1500 seien bei einer Solidaritäts-Demo am Samstag unterwegs gewesen. Doch Drzewos Begeisterung teilen nicht alle.

Viele Anlieger wie Manfred Laws sind genervt, sie beschweren sich vor Ort oder über das Bürgertelefon bei der Polizei.

In den Sozialen Medien – auch unserer Zeitung – bricht teilweise der blanke Hass durch. Es gibt tatsächlich konkrete Aufrufe zu Gewalt und Mord, die gelöscht werden müssen.

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