Emotionale Geburtsbegleiterin: Mit der Doula in den Kreißsaal

Mit der Doula in den Kreißsaal : Immer mehr Frauen engagieren eine emotionale Geburtsbegleiterin

Wenn Stefanie H. (34) an die Geburt ihres ersten Kindes denkt, dann erinnert sie sich vor allem an das Gefühl, alleine gewesen zu sein. Das lag nicht an ihrem Ehemann, der die ganze Zeit dabei war, sondern am Krankenhauspersonal. Ärzte und Hebammen ließen sich zwar ab und zu blicken, kontrollierten aber immer nur den Gesundheitszustand des Babys, für ein freundliches Wort an die werdende Mutter war keine Zeit.

Dann musste plötzlich alles ganz schnell gehen. Das Kind müsse jetzt sofort auf die Welt kommen, hieß es. Zur Not würde man eine Saugglocke einsetzen. Zwei Ärztinnen drückten mit ihrem Körpergewicht von außen auf den Bauch, dann war ihr Sohn endlich da.

„Dieses Bild von der Ärztin, die mit der Saugglocke droht, kriege ich nicht aus meinem Kopf“, sagt Stefanie H. auch noch zwei Jahre danach. Jetzt ist sie wieder schwanger und wünscht sich für die zweite Geburt einen anderen Ablauf. Dafür hat sie eine Doula engagiert – eine nicht medizinische Geburtsbegleiterin. Wenn die Geburt losgeht, wird sie Stefanie H. ins Krankenhaus begleiten und während der gesamten Geburt an ihrer Seite sein.

Jennifer Dittrich ist die einzige ausgebildete Doula im Raum Aachen, Düren und Heinsberg. Die 42-Jährige aus Stolberg steht seit fünf Jahren an der Seite von Gebärenden. „Ich bin als emotionale Stütze mit im Raum und halte den Adrenalinspiegel unten“, erklärt sie ihre Rolle. „Ich nehme die Ängste, die einfach da sind. Wie eine mütterliche Freundin, die Ruhe und Sicherheit in die Situation bringt.“ Der Begriff „Doula“ kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Dienerin der Frau“.

Dittrich hat selbst drei Kinder, 18, 14 und 6 Jahre alt. Sie ist gelernte Krankenschwester. Deswegen hätten Freundinnen sie bei Fragen zur Schwangerschaft oder dem Stillen des Kindes immer schon um Rat gefragt. Nach der Geburt ihres dritten Kindes wurde sie dann auf die Rolle als Doula aufmerksam. „Das hat mich dann nicht mehr losgelassen.“ Sie selbst war gut versorgt bei ihren Geburten. „Aber ich hatte immer das Gefühl: Da fehlt noch was“, sagt sie. Schließlich hat Dittrich eine neunmonatige Ausbildung beim Verein Doulas in Deutschland absolviert.

Inhalte sind etwa Entspannungstechniken, Massage, Geburtspositionen, Gesprächstechniken. Ein bis zwei Geburten pro Monat kann Dittrich annehmen. Für jede Schwangere reserviert sie mindestens die zwei Wochen vor dem errechneten Termin als Rufbereitschaft. Die Bereitschaft kann am Ende länger dauern – wenn das Kind zu spät kommt. Sie spürt am Einsatzradius, dass Bedarf für mehr Doulas in der Region da wäre; sie hat schon werdende Mütter in Eupen und Mönchengladbach betreut. „Es kommen immer mehr Anfragen“, sagt Dittrich. Entlastung ist in Sicht: Aktuell lässt sich eine weitere Frau in der Städteregion Aachen zur Doula ausbilden.

In den USA ist der Einsatz von Doulas sehr viel verbreiteter als in Europa. Doch auch hier nimmt ihre Bekanntheit zu. Gerüchten zufolge soll auch Meghan Markle, Ehefrau von Prinz Harry, bei der Geburt ihres ersten Kindes eine Doula gehabt haben.Wichtig ist, dass eine Doula immer als Ergänzung zur Hebamme gesehen wird. Eine Hebamme muss bei jeder Geburt in Deutschland anwesend sein. Allerdings können viele Krankenhäuser ihre offenen Stellen nicht besetzen, viele Geburtskliniken schließen – in der Region zuletzt im Rhein-Maas-Klinikum in Würselen. Nur durch einen Kraftakt konnte die Schließung der Entbindungsstation im Krankenhaus in Simmerath im vorigen Jahr verhindert werden.

Dennoch müssen in NRW immer weniger Hebammen immer mehr Frauen gleichzeitig betreuen. „Viele Klinik-Hebammen arbeiten am Limit. Darunter leiden die werdenden Mütter natürlich“, sagt Barbara Blomeier vom Hebammenverband NRW. „Insofern können wir Hebammen gut verstehen, dass die Frauen sich eine Begleitung mitbringen.“ Allerdings müssen die Kompetenzen im Kreißsaal klar verteilt sein. Eine Doula dürfe unter keinen Umständen medizinische Ratschläge geben oder anderweitig in den Verlauf der Geburt eingreifen. Gut zureden, Getränke reichen oder Rückenmassagen geben sei hingegen völlig in Ordnung. „Solange eine Doula sich dieser Grenzen bewusst ist, kann eine Zusammenarbeit im Kreißsaal funktionieren“, sagt Blomeier. Die Stolberger Doula betont, dass ihre Vorbildung im medizinischen Bereich reiner Zufall sei. Als Doula brauche sie dieses Wissen nicht, sagt sie. „Ich stehe an der Seite der Hebammen. Ich kann sie nicht ersetzen.“

In den Krankenhäusern der Region hat sich Dittrich immer freundlich aufgenommen gefühlt. Manche Hebammen, die sie in Krankenhäusern kennengelernt hat, seien dankbar für die zusätzliche Hilfe gewesen. Einige bedauern es, dass sie selbst diese enge Begleitung der Mutter nicht übernehmen können, weil der Zeitdruck es nicht zulässt. „Die Schwangeren suchen sich die Unterstützung, die sie brauchen“, sagt Dittrich. „Die Zeit für die Doula ist reif.“

Eine selbstbestimmte Geburt, bei der jemand nur für sie da ist, den sie nicht mit anderen teilen muss, der ihr Zuversicht und Kraft gibt – darauf hofft auch Stefanie H. Wenn die Wehen rund um den errechneten Geburtstermin im Juni losgehen, wird sie ihre Doula anrufen. Sie wird kommen, entspannt lächeln und ihr nicht mehr von der Seite weichen, bis das Kind geboren ist und an ihrer Brust liegt. „Der Gedanke daran, befreit mich total. Jetzt kann ich mich auf die Geburt freuen“, sagt H.