Von Caught in the Act zum deutschen Schlager: Eloy de Jong startet mit Hüftschwung an die Chart-Spitze

Von Caught in the Act zum deutschen Schlager : Eloy de Jong startet mit Hüftschwung an die Chart-Spitze

Vom Boyband-Star zur Schlager-Nummer-eins: Der niederländische Popsänger Eloy de Jong (46, ehemals Caught in the Act) hat sich 2018 mit deutschem Liedgut neu erfunden – und das mit Erfolg. Demnächst singt er in Düren.

Sein Debüt „Kopf aus, Herz an“ schaffte es auf die Spitzenposition der deutschen Albumcharts. Seine Songs „Regenbogen“, „Schritt für Schritt“ und „An deiner Seite“ sind nicht nur Ohrwürmer, sondern auch ein Statement für die gleichgeschlechtliche Liebe. Im Interview mit Katja Schwemmers spricht de Jong offen über seinen Neuanfang.

Herr de Jong, im Herbst gehen Sie erstmals auf Solotour. Sind Sie aufgeregt?

Eloy de Jong: Klar! Da muss noch ganz viel vorbereitet werden! Wir werden mit den 19 Shows den Erfolg meines Albums „Kopf aus, Herz an“ feiern. Aber ohne die großen Hits von Caught in the Act geht es auch nicht. Bisher steht die Show allerdings nur in meinem Kopf und meinem Herzen.

Die Hallen, in denen Sie auftreten, sind bestuhlt. Es wird nicht lange gutgehen, die Leute auf den Sitzen zu halten, oder?

De Jong: Vermutlich nicht. Aber mein Publikum hat sich verändert. In den 90ern waren es vornehmlich die 15-jährigen Mädchen, die lautstark kreischten. Seit ich im März 2018 mit „Egal was andere sagen“ einen Soloauftritt im deutschen Fernsehen hatte, ist von Fünfjährigen, die mein Lied „Regenbogen“ mitsingen, bis zu 85-jährigen Damen, die von meiner Musik berührt sind, alles dabei. Das ist so schön!

Ihre Zielgruppe hat sich also erweitert.

De Jong: Total! Heute Morgen erst wieder bat mich ein Mann um ein Selfie. Das hätte es früher so nicht gegeben. Bei dem, was ich jetzt mache, sagen auch Männer: „cool“ oder „Meine Oma ist begeistert von der Musik“. Ich merke wirklich, dass da Schranken in den Köpfen weggefallen sind.

Take That sind ein gutes Beispiel dafür, dass auch Boyband-Stars würdevoll altern können. Wie nehmen sie das wahr?

De Jong: Stimmt, weil sie auch nicht in der Vergangenheit hängengeblieben sind. Sie haben ganz tolle neue Sachen gemacht, und darum bemühe ich mich auch.

Ohne Caught in the Act . . .

De Jong: Ja. Der Grund, warum ich im März (2019, Anm. d. Red.) bei Caught in the Act ausgestiegen bin, hat aber nicht ausschließlich mit Selbstverwirklichung zu tun: Es geht einfach zeitmäßig nicht! „Egal was andere sagen“ ist letztes Jahr so abgegangen; das Album platzierte sich auf Platz eins. Ich warte und hoffe jeden Tag, dass es mit Platin ausgezeichnet wird. Außerdem bin ich seit elf Jahren in einer Partnerschaft, und wir haben eine achtjährige Tochter.

Ihr Bild hing in unzähligen Kinderzimmern: Die Band Caught in the Act mit Eloy de Jong (v. l.), Bastiaan Ragas, Benjamin Boyce und Lee Baxter zählte zu den erfolgreichsten Boygroups der 90er Jahre. Hier sind die vier 1998 zu sehen, kurz bevor die Band sich erstmals auflöste. Foto: dpa/Peter Förster

Wie nahmen Bastiaan Ragas und Lee Baxter, die verbliebenen Original-Mitglieder von Caught in the Act, Ihren Ausstieg auf? So etwas kann ja auch der Todesstoß für eine Band sein.

De Jong: Am Anfang war es schwierig. Aber sie hätten in meiner Lage dasselbe getan. Denn wenn man das Glück hat, nach so vielen Jahren etwas zu machen, das auch Zukunft hat, muss man die Chance ergreifen. Caught in the Act sind toll, aber alle Shows waren wie 90er-Partys. Ich liebe die Vergangenheit, und ich bin stolz auf das, was wir damals zu viert erreicht haben. Aber was ich jetzt allein mache, hat einen anderen Zauber: Ich nehme neue Musik auf, lerne neue Menschen kennen. Ich schließe aber nicht aus, dass wir in ein paar Jahren auch mal wieder etwas zusammenmachen.

Sie gehen da hin, wo der Erfolg auf Sie wartet.

De Jong: Ja, aber auch da hin, wo mein Herz zu 100 Prozent ist! Hätte ich weitergemacht mit Caught in the Act, hätte ich all dem nicht gerecht werden können. Auch meiner Familie nicht.

Holen Sie sich doch Tipps von Ihrer Kollegin, der dreifachen Mutter Maite Kelly!

De Jong: Die macht das gut, ja. Meine Tochter hat zum Glück zwei Papas; mein Partner Ibo ist öfter zu Hause als ich. Indy lebt die Hälfte der Zeit auch bei ihrer Mama. Und es läuft auch deshalb so gut, weil wir in die Öffentlichkeit gegangen sind und kein Geheimnis daraus gemacht haben, dass wir leben, wie wir leben. Wenn die Tour losgeht, ist es auch möglich, Ibo und Indy dabei zu haben. Ich bringe also meine Familiengefühle mit „on the road“.

Ihre Tochter taucht auch in dem Video zu „An deiner Seite“ auf. Hatten Sie je Bedenken dabei, so öffentlich zu leben?

De Jong: Ich musste so lange Verstecken spielen in den 90ern, dass ich weiß, wo meine Grenzen liegen und was ich teilen will. Und ich merke, dass alles, was ich mache und was ich erzähle, vielen Menschen Mut oder Kraft gibt. Insofern hoffe ich, als gutes Beispiel zu dienen. Hätte ich Indy versteckt, so wie man es manchmal bei anderen Prominenten sieht, die bei Instagram Sticker über das Gesicht ihres Kindes legen, hätte es die Geschichte noch viel größer gemacht. Dann würden uns, wenn ich mit Indy auf Tour gehe, Paparazzi auflauern, um Bilder zu machen. Indy gehört zu uns, und wir sind stolz darauf – so einfach ist das. Wir besprechen unsere Grenzen aber auch immer untereinander, auch mit der Mama.

Finden Sie es erstaunlich, wie sich speziell die Schlagerwelt in dieser Hinsicht geöffnet hat? Auch Ihre offen lesbisch lebende Kollegin Kerstin Ott feierte in den vergangenen Jahren große Erfolge.

De Jong: Na ja, wir reden natürlich viel da­rüber – das zeigt, dass es noch immer Thema ist. Aber ich glaube, Kerstin zeigt ebenfalls, dass sie mit ihrer Frau und ihren Kindern einfach ein glückliches Leben lebt. Und das mache ich auch. Ich denke, dass wir beide dafür stehen, dass der Unterschied nicht so groß ist – weil die Liebe gleich ist, egal, ob man einen Mann oder eine Frau liebt. Und das Gefühl für die Kinder ist ebenfalls gleich.

Hat es Sie dennoch überrascht, dass Sie in der vermeintlich konservativen Schlagerszene mit offenen Armen empfangen wurden?

De Jong: Dass das Ganze so groß wurde, war natürlich eine Riesenüberraschung. Wie gesagt, ich war am 17. März 2018 in der Sendung von Florian Silbereisen („Heimlich! Die große Schlager-Überraschung“, Anm. d. Red.), und am nächsten Tag war der Song überall Nummer eins – das hatte ich selbst mit Caught in the Act noch nie! Überrascht hat mich auch, dass viele ältere Menschen total cool damit umgehen und es kein Problem für sie darstellt, dass man einen gleichgeschlechtlichen Lebenspartner hat.

Wie erklären Sie sich den Erfolg?

De Jong: Da kam einiges zusammen. Dass ich nach Caught in the Act fast 20 Jahre lang nicht mehr im Rampenlicht war und dass ich als Mensch gewachsen bin, zum Beispiel. Ich habe gelernt, auch ohne Erfolg stolz auf mich selber zu sein. Das brauchte eine lange Zeit, war aber unglaublich wichtig für mich.

Was stimmte denn vorher nicht?

De Jong: In einem Alter, in dem Menschen ihre Persönlichkeit aufbauen, war ich in einer Boyband – umgeben von kreischenden Mädchen und Hysterie. Da lernt man nicht, was man als Mensch braucht, um eine stabile, erwachsene Person zu werden. Der Erfolg hat aber auch damit zu tun, dass ich jetzt Dinge erzähle, die von hier kommen (klopft sich aufs Herz). Die Menschen spüren, dass das, was ich sage, was ich singe und was ich mache, auch wirklich ich bin.

Hat man Ihnen den Imagewechsel, vom Boyband-Star hin zu einem gereiften Sänger, sofort abgenommen?

De Jong: Na ja, hätte ich den Auftritt mit „Egal was andere sagen“ schauspielern können, dann wäre mein nächster Schritt wohl der Oscargewinn! Diese Widmung an meinen verstorbenen Partner Stephen Gately (ehemaliges Mitglied von Boyzone, Anm. d. Red.) war hundertprozentig echt. Schön war, dass seine Schwester Michelle mich nach dem Auftritt anrief und mir auch einen Brief schrieb. Sie sagte mir, dass Stephen stolz darauf gewesen wäre, dass ich seinen Song „No Matter What“ covere und die Leute zehn Jahre nach seinem Tod immer noch über ihn reden. Das war für mich Bestätigung genug, dass das, was ich mit dem Boyzone-Lied gemacht habe, gut und richtig war.

Als Holländer ist man mit der deutschen Schlagerwelt nicht unbedingt vertraut. Mussten Sie erst einmal lernen, was Schlager für die Deutschen bedeutet?

De Jong: Ach, nein. Ich sehe den Schlagerbegriff viel breiter. Denn was ist Schlager? Helene Fischer ist Schlager, und Tiroler Musiker, die in Lederhosen in den Bergen wohnen, sind Schlager. Und wenn man die größten Hits von Boybands wie Take That übersetzen würde, wären die auch Schlager. In Holland singen viele Künstler Songs, die aus dem Deutschen ins Holländische übersetzt werden – sind es dann keine Schlager mehr? In meinen Augen ist Schlager einfach nur auf Deutsch gesungene Popmusik. Ich stehe generell im Leben nicht so sehr auf Schubladen und Labels – auch in der Musik nicht. Wenn man Spaß mit der Musik hat, reicht das doch völlig.

Sie haben Ihr Solodebüt vor kurzem als tanzbare Version mit Samba- und lateinamerikanischen Rhythmen veröffentlicht: „Kopf aus, Herz an . . . und tanz“ heißt die Platte. Sie tanzen ja auch selbst sehr gut, oder?

De Jong: Ich war als 17-Jähriger holländischer Jugendmeister im Standardtanzen. Schon als ich das Album machte, hatte ich die Idee, die Songs als Cha-Cha-Cha, Rumba oder Tango zu interpretieren. Ich fand das cool. Aus dem Lied „Liebe kann so wehtun“ mit Marianne Rosenberg ist jetzt ein Quickstep geworden. „Egal was andere sagen“ ist eine Rumba. Außerdem haben wir noch vier neue Songs dafür aufgenommen. Im Booklet sieht man Bilder von mir als kleinem Jungen, wie ich mit dem Tanzen anfing. Wir arbeiten auch mit vielen Tanzschulen zusammen, die meine Musik spielen. Wenn man viele Platten verkauft, kann man manchmal auch solche Projekte verwirklichen. Es war wirklich eine Herzensangelegenheit für mich.

Also werden wir Sie auf Tour tanzen sehen?

De Jong: Aber natürlich! Meinen Hüftschwung habe ich immer dabei. Ohne den geht es nicht.

(tsch)