Region: „EL-DE“-Haus in Kölner soll erinnern und Geschichte vermitteln

Region : „EL-DE“-Haus in Kölner soll erinnern und Geschichte vermitteln

Wenn es draußen drückend heiß ist, ist es das in den Kellerräumen des „EL-DE“-Hauses in der Kölner Innenstadt am Appellhofplatz ebenfalls: Es wäre auch vermessen, in den Zellen des ehemaligen Gestapohauptquartiers so etwas wie eine Klimaanlage zu erwarten.

So ahnen die zahlreichen Besucherinnen und Besucher ein wenig davon, was die Häftlinge in den engen Zellen damals ertragen mussten, von der Ungewissheit über ihr künftiges Schicksal einmal abgesehen.

Insgesamt gab es zwölf Zellen, in denen auf kleinem Raum oft mehrere Häftlinge untergebracht wurden. Foto: Martin Thull.

Drei Geschichten zu erzählen

Das EL-DE-Haus: Der Eingang zur Gedenkstätte in Köln. Foto: Martin Thull.

Zum „NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln“ gibt es drei Geschichten zu erzählen, um zu verstehen, wie sie untrennbar miteinander verknüpft sind: das Gebäude und seine Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, die Gedenkstätte in den Kellerräumen sowie die Dauerausstellung. Das heutige Profil der Einrichtung ist ambitioniert und umfassend: Sie versteht sich als eine Forschungsstätte mit Bibliothek, Dokumentation und Forschungsprojekten. Ungefähr 180 Veranstaltungen im Jahr runden das Engagement ab.

Die Abkürzung „EL-DE“ leitet sich ab aus den Initialen des ursprünglichen Bauherrn Leopold Dahmen. Der hatte das Haus bereits im Rohbau an die Geheime Staatspolizei (Gestapo) vermietet, die es für ihre Zwecke umbaute. In den vorgesehenen Wohnräumen wurden Büros eingerichtet und in dem oberen von zwei Kellergeschossen das „Hausgefängnis“ mit zehn Zellen geschaffen.

Am 1. Dezember 1935 nahm hier die „Stapostelle Köln“ ihren Betrieb auf und beendete ihn erst am 2. März 1945 wenige Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in der Stadt am 6. März 1945. Es mutet wie eine besondere Ironie der Geschichte an, dass ausgerechnet dieses Haus den Krieg überdauert hat, während die meisten Gebäude in der Umgebung zerstört wurden.

Hier wurden überwiegend ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter festgehalten und — mehr als 400 Menschen — oft nach Folter hingerichtet. Ihr Schicksal ist in dem Kellergeschoss umfangreich dokumentiert. Das Haus selbst wurde nach dem Krieg umgebaut und bot zunächst vielen Dienststellen der Stadt Köln eine Heimstatt. Erst nach zähen Verhandlungen beschloss der Stadtrat 1979 die „Herrichtung der Kellerräume des „EL-DE“-Hauses als Informationsstätte über die Opfer des Nationalsozialismus“ und die Anbringung einer Gedenktafel an der Außenwand des Gebäudes; Teil des Beschlusses war auch die „Einrichtung eines Dokumentationszentrums über die Zeit des Nationalsozialismus in Köln“.

Doch es dauerte bis zum September 1988, bis Büros im Erdgeschoss, eine kleine Bibliothek und ein Raum für Gruppenarbeit bezogen wurden. Die neue Dauerausstellung ließ jedoch noch weitere neun Jahre — bis zum Juni 1997 — auf sich warten, weil die Hausbesitzer lange Zeit den dazu notwendigen Umbau verweigerten. So viel zum Umgang mit der jüngsten Geschichte in einer der größten deutschen Städte.

Als hätten die Verantwortlichen frühere Versäumnisse aufholen wollen, bietet nun die Gedenkstätte im ersten Kellergeschoss nicht nur eine umfangreiche und eindrucksvolle Dokumentation der dort gefangenen Männer und Frauen. Es wird oft gesagt, „wenn die Wände sprechen könnten …“. Hier haben die Wände gesprochen und tun es noch heute.

Denn ungezählte Einritzungen, Gedichte und Liebeserklärungen, Zeichnungen und Abschiedsworte zeugen vom „Leben“ in den engen Zellen. In einer waren zeitweise 33 Menschen zusammengepfercht, wie aus einer Inschrift einer Nachbarzelle deutlich wird.„Nur Mut, zeigen wir ihnen, dass wir Franzosen keine Angst haben“, ist dort übersetzt zu lesen. „Alles rächt sich auf Erden“, schreibt ein deutscher Gefangener. Oder auf Russisch/Ukrainisch ist zu entziffern: „Schlage den Feind ohne Gnade!“

Hans Weinsheimer hatte Flugblätter verteilt und Kontakt zur Widerstandsgruppe „Edelweißpiraten“. Er hat in die Wand der Zelle geritzt: „Wenn keiner an Dich denkt, Deine Mutter denkt an Dich.“ Hintergrund war, dass seine Mutter jeden Abend vor sein Zellenfenster kam und sie sich unterhalten konnten. Und oft wurde Weinsheimer von einem der Bewacher anschließend aufgerufen: „Ihre Mutter war da, die hat Ihnen ein paar Butterbrote mitgebracht.“

Bittere Reaktion

Offenbar wichtige „Ergänzungsnahrung“. Denn eine Französin klagt in ihrer „Inschrift“, es gebe außer einem Stück Brot am frühen Morgen nur eine Suppe um 4 Uhr. „Deshalb braucht man uns nicht zu fragen, ob wir die Figur halten.“ Bitter die Reaktion eines Landsmanns: „Hier ist es scheißlangweilig. Komisches Land und Sitten, weniger zivilisiert als die Araber.“

Unter dem Keller mit den Zellen gibt es einen weiteren Keller, der als „Hausbunker“ diente. Allerdings war er nicht allzu geräumig und wurde auch nur von den Gestapobediensteten genutzt. Die Gefangenen mussten in ihren Zellen ausharren, hoffend, dass keine der Bomben dieses Haus traf. Was ja in merkwürdiger Weise dann auch eintrat.

In den oberen Etagen vertieft die Dauerausstellung das, was unten wie eine Auswirkung der oben gezeigten Ideologie anmutet. Statistiken, Dokumente, Fotos machen die Grundzüge des NS-Systems in der konkreten Kölner Ausprägung sichtbar. Durchaus selbstkritisch wird auch die Frage gestellt, ob diese rheinische Metropole tatsächlich aufgrund ihrer katholischen, liberalen und autoritätsfeindlichen Prägung dem Nationalsozialismus grundsätzlich ablehnend gegenüber gestanden hat.

In 15 thematischen Abschnitten werden Themen wie „Die inszenierte Volksgemeinschaft“, „Religion oder ‚Gottgläubigkeit‘“ oder „Rassisch ausgegrenzt und verfolgt“ behandelt. „Jüdisches Leben“ spielt ebenso eine Rolle wie Lebensmittelrationierung oder die „Zwangsarbeit“. Allein in Köln gab es während des Krieges mehr als 450 Zwangsarbeiterlager. Nicht wenige von deren Insassen machten auch die Bekanntschaft mit dem „EL-DE“-Haus und dessen Folterkellern, weil sie des Widerstands verdächtig waren oder andere, oft vorgeschobene Gründe zu ihrer Verhaftung führten.

Am Schluss sollte unbedingt ein Gang in den Innenhof stehen. Über 400 Häftlinge sind hier hingerichtet worden. Es gab einen fahrbaren Galgen, an dem sieben Todesurteile in einem Zug vollzogen werden konnten. Die Wände sind verspiegelt, der Besucher sieht sich selbst. Und kann sich Gedanken machen, ob er oder sie diesen Innenhof vor über 70 Jahren auch hätte betreten müssen. Als Täter? Als Opfer? Ein Besuch, der niemanden gleichgültig lässt.