Eine Woche zuhören für eine Biografie von Jutta Vogel

Jutta Vogels Abenteuer : Eine Woche zuhören für eine Biografie

Jutta Vogel hört zu. Sie interessiert sich für ihr Gegenüber, ist aber nicht neugierig. Distanz und zugleich Nähe, Herzlichkeit und Humor sind für die Bonner Autorin selbstverständlich. Ein Leben, ein Schicksal, ein Auftrag: Jutta Vogel schreibt die Lebensgeschichten von Menschen auf, die sich das wünschen.

Zuletzt hat sie die 80 Jahre des Stolberger Unternehmers Michael Wirtz auf dessen Wunsch hin beschrieben, der mit diesem dokumentarischen wie persönlichen Buch kostbare Familien- und Unternehmenshistorie festhält. Wirtz hat die Produktion des Buches, das nicht im Buchhandel zu kaufen ist, in Auftrag gegeben.

„Jedes Schicksal ist bewegend, selbst dann, wenn da dunkle Kapitel sind“, betont sie. Wenn die „Chemie“ zwischen ihr und einem möglichen Auftraggeber stimmt, sagt die 67-Jährige zu. Das eigene Leben hat Jutta Vogels Scharfsinn geschärft. Bonn ist ihre Heimatstadt, hierher kehrte sie zurück, als 2011 ihr Ehemann Stephan starb, mit dem sie 45 Jahre verbunden war. „Im zweiten Schuljahr hat er gesagt: ,Ich heirate dich‘, von dem Tag an sind wir im Doppelpack durchs Leben gegangen“, sagt sie lächelnd.

Assistentin im Bundestag

„Ich habe ein abenteuerliches Leben“, meint sie. Nach dem zweiten Staatsexamen als Grundschullehrerin erhielt sie zwar eine halbe Stelle im Sauerland, verzichtete aber. „Mein Mann war bereits als Journalist in Bonn, und ich konnte als wissenschaftliche Assistentin im Deutschen Bundestag arbeiten.“ Nein, Zögern ist nicht ihre Sache. Zwei Töchter (Fee und Pia) machten aus den beiden eine Familie, und Jutta Vogel arbeitete journalistisch, sie hatte Talent dazu. „Geht nicht, gibt’s nicht“ war ein Spruch, den Stephan Vogel damals zum Motto wählte.

Jutta Vogel mit Angela Merkel. Foto: Daniel Bergold

Der Lübbe-Verlag beauftragte die Autorin in dieser Zeit, ein Buch über Staatsbesuche mit Richard von Weizsäcker zu schreiben, Bundespräsident von 1984 bis 1994. „Ich habe ihn zu den europäischen Königshäusern begleitet“, erzählt sie. „Interessant waren die Vorgaben des Protokolls, wer die Geschenke aussuchte, wer den Koffer packte, alles, was hinter den Kulissen geschah.“ Es folgte eine Sammlung von Unternehmerporträts, in denen sie die Entwicklungen in den neuen Bundesländern nach der Grenzöffnung schilderte, aber auch Einzelstorys – „Wer ist McDonald?“ oder „Mister Dixie-Klo“.

Stephan Vogel entwickelte sich zum Eventmanager und Medienexperten, organisierte Feste, Bürgerveranstaltungen, Empfänge des Deutschen Bundestages und der Wirtschaft. An seiner Seite mit ihren Ideen: Ehefrau Jutta. Sie gründeten eine Agentur.

Im Bereich der Bundespolitik waren die Vogels gut vernetzt. Wie das funktionierte? Jutta Vogel lächelt: „Einladungen nach Hause! Wir hatten nie Scheu, Ministern eine Linsensuppe anzubieten, es hat sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt.“ Und außerdem war Linsensuppe etwas, was diesen Gästen am seltensten serviert wurde. Oberste Regel: Das entgegengebrachte Vertrauen wurde nie ausgenutzt. „Wir hatten die Telefonnummern von zu Haus, die Handynummern, alles“, erzählt die Autorin.

Jutta Vogel trifft Joachim Löw. Foto: Daniel Bergold

Wie hat sie sich in diesem Umfeld behauptet? „Es kann nicht nur Häuptlinge geben, Indianer sind auch wichtig, und ich war ein vorzüglicher Indianer“, betont sie heute. Dann kam wieder ein Buch. Als Stephan Vogel die ZDF-Dokumentation über die bisher kaum bekannte Flucht jüdischer Kindern 1942 über Teheran nach Palästina drehte, schrieb Jutta Vogel ihr Werk „Die Odyssee der Kinder“, das alle Schritte des Films sowie Gespräche mit Überlebenden romanhaft festhält.

TV-Studio in Berlin gebaut

Als die Vogels von Bonn nach Berlin zogen, gab es eine Vision: eine Kneipe als Treff für Politiker, Medien und ganz normale Leute. In Berlin konnten sie gegen alle Widerstände in einer Immobilie des Deutschen Bundestages gegenüber der russischen Botschaft tatsächlich ein Restaurant und ein Fernsehstudio bauen, wo Bodo Hauser seine Talkshow unter den Linden produzierte.

2011 kehrte Jutta Vogel nach Bonn zurück. Ein weiteres Kapitel, mit dem sie kaum gerechnet hat, tat sich durch einen Teneriffa-Urlaub auf. Sie übernahm es, die Lebensgeschichte von Wolfgang Kiessling aufzuschreiben, der ab 1972 dort den „Loro Parque“ aufbaute.  Mit 135.000 Quadratmeter beheimatet der Park inzwischen 350 Papageienarten und mehr als 4000 Tiere. „Start in ein neues Leben“, sagt die Autorin, die bald weitere Kandidaten hatte. Ihr Konzept: „Eine Woche lang täglich drei Stunden Gespräch, dann ist es gut. Was ich schreibe, ist so, als würde dieser Mensch das seinen Angehörigen am Mittagstisch erzählen“, betont sie. Jutta Vogel: „Das Leben hat mir oft gezeigt, wo ich meine Vorurteile über Bord werfen muss. Ich mag Menschen, jeder hat etwas, da kann man sagen: Hut ab!“

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