Trasse „Alegro“: Eine Stromtrasse gegen Tihange

Trasse „Alegro“: Eine Stromtrasse gegen Tihange

Spatenstiche stehen auf der Spannungsskala in der Regel nicht gerade weit oben. Und natürlich gab es auch am Dienstag beim Spatenstich für die erste deutsch-belgische Stromtrasse Alegro das obligatorische Bild mit Männern im Anzug und Schaufeln in der Hand.

Dieser Spatenstich im Gewerbegebiet Aachen-Brand ist aber doch ein bisschen anders, weil die Stromverbindung Alegro als Chance im Kampf gegen das umstrittene belgische AKW Tihange gesehen wird. Weil gleichzeitig Braunkohlestrom nach Belgien durch eben diese Leitung fließen kann, geht es bei Alegro um Tihange, Hambach und die Energiepolitik ganz allgemein. Um viel also.

Und so wurden die Gäste, die zum Spatenstich kamen, von Hambach-Aktivisten und Tihange-Gegnern empfangen. Beide Gruppen arbeiten jetzt enger miteinander. „Im Endeffekt haben wir ja dasselbe Ziel“, sagte Michael Zobel, der die Waldspaziergänge im Hambacher Forst organisiert. „Es geht uns um den Umweltschutz und den Atomausstieg und die Frage, wie die Energie der Zukunft aussehen soll“, sagte Inge Gauglitz vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie.

Wie wichtig vor diesem Hintergrund der Netzausbau ist, betonte auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). „Wenn wir schneller aus der Braunkohle aussteigen wollen, muss Versorgungssicherheit gewährleistet sein“, sagte er. Dafür seien Netze wie Alegro essenziell. Auf Dauer müsse es ohnehin eine europäische Energiepolitik geben. Auch Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) betonte die besondere Rolle des deutsch-belgischen Interkonnektors Alegro. „Wir kommen mit diesem Spatenstich einen Schritt heraus aus der Debatte was wir nicht wollen, nämlich Atomstrom und Kohlestrom hin zu der Debatte, was wir wollen: einen Austausch durch bessere Netzverbindungen und eine Fortentwicklung der Energiespeichermöglichkeiten“, sagte er, und ja, deshalb wünsche er sich noch viele weitere Projekte und Spatenstiche. Alegro sei nur der erste Schritt.

Alegro steht für Aachen Lüttich Electricity Grid Overlay. Der deutsche und der belgische Netzbetreiber Amprion beziehungsweise Elia planen die 90 Kilometer lange Stromverbindung zwischen Niederzier-Oberzier und dem belgischen Lixhe. Die Trasse führt entlang der Autobahnstrecke. Die Transportkapazität von Alegro liegt bei rund 1000 Megawatt (MW). Angestoßen wurde das Projekt noch unter der rot-grünen Landesregierung, innerhalb von 17 Monate wurde das Planfeststellungsverfahren abgesegnet. Die Bezirksregierung Köln gab am 17. Oktober das Okay, nun wird gebaut. Etliche Vorarbeiten sind aber bereits erledigt, beispielsweise hat Amprion mit den meisten Grundstückseigentümern Übereinkünfte erzielt. „Gegen ein Erdkabel haben die Menschen in der Regel nichts auszusetzen“, sagte Klaus Kleinekorte aus der Amprion-Geschäftsführung. Die Eigentümer, meist Bauern, können das Grundstück – wenn das Kabel verbaut ist – wieder (landwirtschaftlich) nutzen nur Gebäude oder Bäume mit langen Wurzeln dürfen sie nicht über die Trasse bauen.

„Das Besondere ist, dass wir den Strom zwingen können, in eine bestimmte Richtung zu fließen“, sagte Kleinekorte. Vereinfacht erklärt kann man sagen, dass der Stromfluss, der in den üblichen Drehstromnetzen kaum kontrollierbar ist, mit Alegro gezielt gesteuert werden kann. Strom der im Netz ist, wird dann am Knotenpunkt, dem Konverter in Niederzier-Oberzier, nach Belgien geschickt und zwar sehr kontrolliert. Das ist möglich, weil das Erdkabel zwischen dem Konverter im Kreis Düren und dem im belgischen Lixhe die Gleichstromtechnik nutzt. Strom kann dann gezielt in die eine oder andere Richtung geschickt werden, erklärt Projektleiter Ingo Sander von Amprion.

Der Stromfluss ist nicht mehr die Aufgabe des Unternehmens. Martin Finkelmann, bei Amprion zuständig für die langfristige Netzplanung, erklärt, dass das der Markt allein regelt. Die Kapazität werde an die Börse gebracht und Stromhändler könnten diese Kaufen. Elia und Amprion seien quasi die Spedition. Alles andere regelten Angebot und Nachfrage. Wenn in Belgien – wie derzeit – eine Stromknappheit herrscht, lohne es sich für Energieunternehmen, Strom an Belgien zu verkaufen. Sie würden dann Kapazitäten kaufen. Es würden jährliche, monatliche, aber auch kurzfristige sogenannte Interday-Kapazitäten verkauft. Welcher Strom in die eine oder andere Richtung fließt, ist nicht steuerbar. Es ist also möglich, dass deutscher Braunkohlestrom nach Belgien oder belgischer Atomstrom nach Deutschland verkauft wird.

Das wäre wohl der Horror für die Tihange- und Hambach-Aktivisten. Sie warteten brav vor dem Gelände mit ihren Transparenten und wollten Laschet ihre Briefe übergeben. Natürlich spreche er mit den Demonstranten, sagte Laschet und betonte noch, dass „Tihange so schnell wie möglich abgeschaltet werden muss“. Alegro könne dabei helfen und Alegro 2, eine weitere Leitung, die in Planung ist, sei ein weiterer Schritt, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. „Wir helfen den Belgiern jetzt mit Strom, ich erwarte aber auch, dass sie Wort halten und Tihange abschalten“, sagte Laschet, der sich über die zögerliche Haltung der Bundesregierung in der Frage ärgerte.

Da waren Aktivisten und Laschet auf einer Linie. Zobel lud ihn zu einem Waldspaziergang ein, das Aachener Aktionsbündnis wünschte sich ein ausführliches Gespräch mit dem Ministerpräsidenten. Zobel kritisierte Laschet allerdings dafür, dass er die beiden Initiativen gegeneinander ausspielen würde. Das habe sie noch enger zusammenrücken lassen. „Tihange ist eine akute Gefahr, die Braunkohle eine langfristige“, sagte Gauglitz, die mit ihren Mitstreitern am Ende im Festzelt mit Amprionvertretern über Energiepolitik diskutierte. „Es geht doch darum, dass man sich austauscht und etwas dazulernt“, sagte sie. Seltene Worte in diesen aufgeheizten Zeiten.

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