1. Region

Aachen: Eine Sonderschicht Macbeth statt Penne

Aachen : Eine Sonderschicht Macbeth statt Penne

When shall we three meet again? In thunder, lightning or in rain?

Wann treffen wir drei uns das nächste Mal? Bei Regen, Donner, Wetterstrahl? Den meisten Schülern reicht eine Dosis Macbeth im Englischunterricht am Morgen vollkommen.

Die 18-jährige Marie-Christine Kurth aus Düren gehört nicht zu den meisten Schülern. Während ihre Kollegen im Kunstunterricht den Pinsel schwingen, schiebt die Schülerin des Rurtal-gymnasiums freiwillig Sonderschichten bei den Anglisten der RWTH Aachen.

Marie-Christine ist eine von aktuell 15 hoch begabten Schülern, die im Rahmen des Projekts „Schüler-Studium” bereits vor dem Abitur die Hörsaalbank drücken.

Und das mit einem festen Ziel: Besteht sie am Ende des Semesters eine Prüfung, bekommt sie wie jeder andere ganz normal eingeschriebene Student einen Leistungsnachweis. Und der wird ihr dann bei der Aufnahme ihres regulären Studiums angerechnet. „Mein Studium wird dadurch kürzer. Tolle Sache”, sagt Marie-Christine.

Am Donnerstag stand das Thema bei der Kultusministerkonferenz (KMK) in Mainz auf der Tagesordnung. Mittelfristig soll das „Schüler-Studium” in sämtlichen Bundesländern realisiert werden.

„Dann wäre gewährleistet, dass einem Schüler nach einem Wohnortwechsel in ein anderes Bundesland seine Studienscheine angerechnet würden”, sagte auf AZ-Anfrage KMK-Pressereferent Andreas Schmitz.

Während in einigen Bundesländern die Anerkennung der Studien- und Prüfungsleistungen von Frühstudierenden im Landesrecht noch aussteht, ist dies in Nordrhein-Westfalen mit der Aufnahme ins Hochschulgesetz vom 28. Januar 2003 bereits geschehen.

Unter Paragraph 65, Absatz 6, heißt es dort: „Schülerinnen oder Schüler, die nach dem einvernehmlichen Urteil von Schule und Hochschule besondere Begabungen aufweisen, können im Einzelfall als Jungstudierende außerhalb der Einschreibungsordnung zu Lehrveranstaltungen und Prüfungen zugelassen werden. Ihre Studien- und Prüfungsleistungen werden auf Antrag bei einem späteren Studium angerechnet.”

Professor Lilo Moessner vom RWTH-Lehrstuhl für Anglistik II, Institut für Anglistik, ist von dem Projekt überzeugt. Seit 2003 koordiniert sie das „Schüler-Studium” für den Fachbereich Anglistik. „Natürlich bedeutet die Betreuung der Schüler für mich und meine Kollegen in den anderen Fächern zusätzlichen Aufwand. Doch wir tun das gerne, weil wir sehen, dass die Schüler und Schülerinnen mit viel Engagement an die Sache herangehen.”

An der RWTH gibt es das Angebot seit dem 15. April 2002 in den Fachbereichen Mathematik, Physik, Chemie. Im vergangenen Jahr kam mit Anglistik (eingebettet in die Philosophische Fakultät) eine weitere Disziplin dazu. „Unsere Erfahrungen sind sehr positiv.”

Grundsätzlich positiv fällt das Resümee nach zwei Jahren „Schüler-Studium” auch an den Schulen aus. Dennoch gibt es Bedenken: „Das Problem ist, dass die Vorlesungen in der Regel an Vormittagen stattfinden und die Schüler deswegen zu viel Unterricht versäumen. Das allein wäre ja nicht weiter schlimm, wenn die Noten nicht darunter leiden würden”, sieht Dieter Spillner, Direktor am Aachener Einhard-Gymnasium, einen Konflikt.

„Die Systeme Schule und Hochschule sind einfach zur starr, um flexibel genug reagieren zu können. Die Hochschule wirbt zwar damit, dass sie sich den Schülern öffnet, doch in der Praxis wird sie diesem Anspruch wohl kaum gerecht.”

Bei Marie-Christine Kurth sieht die Praxis so aus: Jeweils mittwochs und donnerstags fährt sie mit der Bahn nach Aachen, um von 11.45 bis 13.15 Uhr Vorlesungen zu besuchen. „Natürlich verpasse ich dadurch Schulunterricht, doch das ist verkraftbar. Würde ich merken, dass meine Schulleistungen unter der Hochschulgeschichte leiden, würde ich die Sache sofort abbrechen. Für mich ist dies jedenfalls der ideale Weg, das Hochschulleben kennen zu lernen und mein Wissen zu erweitern.”

Gesponsert werden die „Schüler-Studenten” (es entstehen Fahr- und Lernmittelkosten) von den Vereinigten Industrieverbänden Düren, Jülich, Euskirchen und Umgebung. Eine sinnvolle Investition in die Zukunft.

Meint auch Professor Eberhard Triesch, Leiter des Lehrstuhls MathematikII. Doch er gibt zu bedenken: „Mir wäre es fast lieber, in den Schulen würden die Grundkenntnisse in Mathematik besser vermittelt, ehe man über solche Dinge nachdenkt. Selbst die, die in Mathematik im Abitur glänzen, haben bei den Grundlagen erhebliche Defizite.”