Aachen: Eine Nacht auf der Straße: Unterwegs mit den „Aachener Kältehelfern“

Aachen : Eine Nacht auf der Straße: Unterwegs mit den „Aachener Kältehelfern“

Der Rekord in dieser kalten Nacht liegt bei zwölf Stücken Zucker. Meistens reicht auch die Hälfte, aber sechs Stücke sollten es dann schon sein im Kaffee oder Tee. Zucker bringt Energie, und daran mangelt es häufig bei den Menschen, die nachfragen. Die „Aachener Kältehelfer der Johanniter“ sind auf der Straße, da wo die Kaffee- und Teetrinker leben (müssen).

Die Tour der Johanniter beginnt laut hupend am Willy-Brandt-Platz in Aachen. Dabei müssen sie gar nicht mehr auf sich aufmerksam machen. Längst hat sich herumgesprochen, dass sie in den kalten Monaten dienstags- und freitagabends hierher, später dann zum Hauptbahnhof und zum Büchel, kommen. Mundpropaganda unter Obdachlosen. Auf wenigen Quadratmetern stehen hier Menschen, deren Leben aus unterschiedlichen Gründen völlig aus den Fugen geraten ist.

Von Christoph Pauli Aachen. Der Rekord in dieser kalten Nacht liegt bei zwölf Stücken Zucker. Meistens reicht auch die Hälfte, aber sechs Stücke sollten es dann schon sein im Kaffee oder Tee. Zucker bringt Energie, und daran mangelt es häufig bei den. Foto: Christoph Pauli

Auf sie warten eine warme Suppe, Kaffee und Tee, belegte Brote, Süßigkeiten, manchmal auch Obst. Wer mag, kann sich eine „Snack-Box“ packen lassen für die nächsten trüben Tage. Die Obdachlosen können sich Kleidung aussuchen, sogar Wünsche für den nächsten Termin hinterlegen. Selbst für die Hunde finden sich Leinen, Futter oder Decken. Aber vielleicht ist das wichtigste bei diesen Begegnungen etwas, was man nicht in Kisten und Regale packen kann: Die Menschen ohne eigene Wohnung finden Gehör.

Von Christoph Pauli Aachen. Der Rekord in dieser kalten Nacht liegt bei zwölf Stücken Zucker. Meistens reicht auch die Hälfte, aber sechs Stücke sollten es dann schon sein im Kaffee oder Tee. Zucker bringt Energie, und daran mangelt es häufig bei den. Foto: Christoph Pauli

Am Anfang des Projekts stand eine Beobachtung. „Mir ist aufgefallen, dass immer mehr Menschen auf der Straße leben“, sagt die Initiatorin und Projektleiterin Sarah Everhartz. „Armut und Altersarmut nehmen erkennbar zu.“ Die 23-Jährige studiert Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule in Aachen. Inzwischen schreibt sie ihre Bachelorarbeit über die „Kältehelfer und die Obdachlosigkeit in Aachen“.

Von Christoph Pauli Aachen. Der Rekord in dieser kalten Nacht liegt bei zwölf Stücken Zucker. Meistens reicht auch die Hälfte, aber sechs Stücke sollten es dann schon sein im Kaffee oder Tee. Zucker bringt Energie, und daran mangelt es häufig bei den. Foto: Christoph Pauli

Sie hat bei den Johannitern ein Freiwilliges Soziales Jahr geleistet, war in den sozialen Diensten auch danach ehrenamtlich unterwegs. Jetzt hat sie eine neue Aufgabe, die sie mit viel Elan angeht. In ihrer Freizeit. Das gilt auch für ihren Freund Tim Hermanski, der eigentlich nur zuständig ist für die IT im Regionalverband Aachen-Düren-Heinsberg. Die Kältehelfer kümmern sich ehrenamtlich um Menschen, die eher abgekoppelt sind vom Rest der Gesellschaft.

Das Team der „Aachener Kältehelfer der Johanniter“ (Foto oben) beginnt ihre Tour in Aachen am Willy-Brandt-Platz (Foto Mitte). Jeweils dienstags- und freitagsabends verteilen die Mitarbeiter um Projektleiterin und Initiatorin Sarah Everhartz (kl. Bild oben) unter den Obdachlosen warme Getränke, Essen und Decken. Der Wohnungslose Olli (kl. Bild unten) ist seit dem Beginn der Aktion Stammgast und freut sich über die Hilfsbereitschaft. In einer Unterführung am Bahnhof stellt Helfer Achim Haußmann-Herbst (gr. Bild unten) eine „Snack-Box“ für einen Wohnungssuchenden ab, der an diesem Abend nicht am Treffpunkt war. Foto: Christoph Pauli

Die Vorbereitungen beginnen schon Tage vorher, wenn die bestellten Klamotten in den Wagen gebracht werden, in dem ohnehin ein großer Fundus an warmen Sachen zu finden ist. 90 Minuten vor der Ausfahrt treffen sich die Helfer, um Butterbrote zu schmieren. Die Stullen werden in Zellufan verpackt. Mit Alufolie ginge das schneller, aber die ist tabu. Denn auf solchen Folien könnten Straßendrogen wie Heroin oder Crack preiswert und unkompliziert aufgekocht werden, um deren Dämpfe zu inhalieren.

Spenden finanzieren das Projekt

Das Projekt wird rein über Spenden und Sachspenden finanziert. Die Suppe stellt ein Caterer aus Geilenkirchen-Teveren zum Selbstkostenpreis zur Verfügung, Brot stiftet ein Bäcker, Süßigkeiten werden gespendet, Brotbelag oder Einweggeschirr werden gekauft. Die Mitarbeiter selbst sind alle ehrenamtlich unterwegs. Nach den ersten Aufrufen vor Monaten haben sich Interessierte wie Britta Herbst gemeldet. Versuchshalber ist sie einmal mit heraus gefahren, um anschließend ihre Zusage für den ganzen Winter zu geben und noch ihren Mann Achim und ihre Freundin Regina Diecke mit ihrer Begeisterung anzustecken.

„Diese Dankbarkeit der Menschen ist sehr herausragend“, sagt Britta Herbst. Das Team ist schnell auf 18 Helfer angewachsen, neue Mitarbeiter sind immer willkommen. Das Projekt soll auch im nächsten Winter weitergehen, ein größerer Wagen soll angeschafft werden, um noch Kleidung und Lebensmittel transportieren zu können. Der neue Kleintransporter soll eine Aufschrift bekommen: Hier kommen die Kälteehelfer.

Im Zentrum von Aachen warten an diesem kühlen Abend schon viele Obdachlosen. Olli braucht sechs Stücke Zucker. Bevor der kleine Transporter den Platz zum ersten Mal angesteuert hat, sind die Kältehelfer durch die Stadt gelaufen, haben Brötchen verteilt und auf ihr Projekt aufmerksam gemacht. Olli war vom ersten Tag an Stammgast. „Es ist einfach überwältigend, wie sich die Menschen um uns kümmern“, sagt er. „Das machen nicht viele.“

Olli hat in den ersten Monaten ein paar Menschen beobachtet, die sich nicht an den Wagen trauten. „Die standen da mit blauen Lippen und hatten Hemmungen.“ Diese Hemmschwelle ist überwunden, was auch daran liegt, dass die Kältehelfer auf die Menschen zugehen. Inzwischen begrüßen sie sich meistens mit Vornamen. Ausweisen muss sich niemand. „Wer sich zu uns stellt, ist zweifelsfrei bedürftig“, sagt Tim Hermanski. Es gibt ein paar feste Regeln: Alkohol und Drogen sind tabu am Wagen, Geld wird nicht verschenkt.

Das Jahr war noch keine 20 Minuten alt, da stand schon fest, dass es für Olli nicht gut anfängt. Bei einem Sturz hat er sich mehrfach den Arm gebrochen. Er hat bereits eine klassische Drogenkarriere hinter sich mit zehn Knastaufenthalten. Die Heroinsucht hat sich in sein Gesicht gebrannt. Der 39-Jährige war 2011 in der JVA Aachen, danach ist er erst einmal in der Stadt gestrandet. Olli ist in einem Substitutionsprogramm eingebunden. Ein paar Monate hat er auf der Straße gelebt. Jetzt wohnt er mit einem Kollegen in einer Wohnung der Straffälligenhilfe.

Keine Arbeit ohne festen Wohnsitz

Pascal muss sich noch einen Platz für die Nacht suchen, falls er nicht noch das Geld für ein Bett im Hostel zusammengebettelt bekommt. Der 30-Jährige ist seit vier Monaten auf der Platte. Seinen Rucksack lässt er nicht mehr aus den Augen. Vor ein paar Monaten hatte er seine wenigen Wertsachen versteckt, ein paar Tage später fand er nur noch die Reste wieder. Einen Platz in der Notunterkunft hat er nicht zugewiesen bekommen.

Er ist gelernter Schweißer, aber eine Arbeit ohne festen Wohnsitz zu finden, sei unmöglich. Die Suche nach einer Wohnung ist ein großes Thema unter den Leuten. Viele berichten, dass sie eine in Aussicht haben. Es sind Strohhalme, an die sie sich klammern. Tag für Tag. „Ich bin dankbar, dafür dass mir hier jemand zuhört.“

Drei Jahre lang habe sie in Alsdorf und Herzogenrath nur auf der Straße gelebt, sagt Ela, die eigentlich Manuela heißt. „Da habe ich oft die Mülleimer abgesucht, um etwas zu essen zu haben. Hier bekommen ich belegte Brote sogar geschenkt.“ Die 33-Jährige bettelt sich durchs Leben. Sie trägt Stiefel, die sie von den Helfern vor Weihnachten erhalten hat. „Ich bin völlig abgerutscht, nachdem sie mir die Kinder abgenommen haben.“

Am Willy-Brandt-Platz kommen an diesem Abend viele Menschen mit gebrochenen Biografien zusammen. Die Kältehelfer können und wollen das Problem der Obdachlosigkeit gar nicht strukturell lösen. Sie wollen nur eine niedrigschwellige Anlaufstelle sein. Sie kommen zu den Obdachlosen. „Das ist wichtig“, sagt Erwin (Name geändert), der nicht gerne auf Ämter geht und gerade wohl wieder ein paar wichtige Termine verpasst hat. „Wenn man auf der Straße lebt, ist man verpeilt mit solchen Dingen“, sagt er und macht sich auf in Richtung Passage, wo er einen Schlafplatz sucht. Nicht jeder will in einer Notunterkunft übernachten.

Schlafplatz in den Zügen

Später am Hauptbahnhof geht Tim Hermanski die Bahnsteige ab. Bis 22 Uhr sind die Sicherheitskräfte auf dem Gelände unterwegs, dann schließen die Geschäfte, und die Obdachlosen werden im Gebäude geduldet. Oder sie suchen sich für ein paar Stunden ein Plätzchen in einem der Züge, die hier nachts vor der Weiterfahrt parken. Helferin Renate Schütt entdeckt einen älteren Mann, der Papierkörbe auf Pfandflaschen absucht. „Bernhard?“ Ja, es ist der Niederländer, den sie hier auch „Professor“ nennen. Der 73-Jährige hat immer neue Bücher dabei, er verfasst Gedichte und schreibt selbst an seinen Memoiren — sagt er. Sie sollen heißen „Meine Lebensrichtungen, mein Marsch“, sagt er.

Der Abend geht langsam zu Ende. Längst sind die 27 Liter Gemüsesuppe mit Wursteinlage vergriffen, auch zehn Liter Kaffee und Tee — und ganz viel Zucker — sind verteilt. Mehr als 60 Menschen haben den Kontakt gesucht. Der letzte Kontakt ist anonym: An einer Matratze in der Bahnhofsunterführung stellt Achim Haußmann-Herbst ein Box mit Lebensmitteln ab. Lukas (Name geändert) ist Stammgast der „Kältehelfer“, in den vergangenen Tagen hat ihn niemand mehr gesehen...

Spendenmöglichkeiten und Kontakt per E-Mail an kaeltehelfer.aachen@johanniter.de oder telefonisch unter 0241/91838-51. Spenden sind willkommen auf dem Konto des Regionalverbands: IBAN: DE19370205000004318618, Bank für Sozialwirtschaft Köln, Stichwort „Kältehelfer“.

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