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Kerkrade: Eine ganze Häuserzeile komplett verwüstet

Kerkrade : Eine ganze Häuserzeile komplett verwüstet

In der Gefriertruhe liegen noch die Frittentüten, angeschnittene Käselaibe in der Kühltheke gegenüber, eine Flasche Wein ist dekorativ neben einem Topf Veilchen arrangiert: Selbst das Löschwasser hat diesen Teil des Ladens nur unerheblich beschädigt.

Die Angestellten, die sich hier, nahe dem Straßeneingang des Supermarkts, befunden haben, konnten dem Flammeninferno entkommen. Doch sie mussten erleben, wie sich ein 16 Meter langer Sattelschlepper nur wenige Meter vor ihnen durch die Mauer bohrte und zwei Kollegen in den Tod riss, eine 55-jährige Niederländerin aus Kerkrade und einen 34-jährigen Iraker aus Eygelshoven.

Ihre Körper wurden Samstagmittag aus den Trümmern geborgen und ebenso wie der Lkw-Fahrer in die Pathologie des Akademischen Krankenhauses nach Maastricht gebracht. Zur Identität des Lastwagenfahrers möchte sich der Maastrichter Polizeisprecher John Clermonds auch am Sonntag noch nicht äußern. „Wir wissen, wer der Fahrer gewesen sein muss, aber er ist bis jetzt noch nicht identifiziert worden. Ermittlungsbeamte sind zur Klärung dieser Fragen nach Deutschland gefahren.”

Dass der Lkw von einem Fuhrunternehmen aus Bad Salzuflen stammt, will er ebenfalls noch nicht eindeutig bestätigen. Es soll sich bei dem Fahrer um einen 41 Jahre alten Mann aus Kalletal (Kreis Lippe) handeln.

Wie ein Puzzle setzt die Polizei derzeit Zeugenaussagen und Spuren zusammen auf der Suche nach der Unfallursache. Danach stellt sich das Unglück als tragische Verkettung von Umständen dar. Augenzeugen berichten, der Fahrer habe auf der stark abschüssigen Straße anhaltend hupend die Tür aufgerissen und gerufen: „Keine Bremsen! Keine Bremsen!” Er habe nach rechts auf eine brachliegende Wiesenfläche ausweichen können.

Doch auf dem Trottoir davor lief gerade eine Gruppe Kinder aus der naheliegenden Grundschule. Zudem standen dort Schülerlotsen. Vor der T-Kreuzung muss der Lkw einem Pkw ausgewichen sein, der nach links abbiegen wollte. Er rammte nur noch den linken Außenspiegel. Die Fahrerin und ihr Kind erlitten einen Schock, blieben aber ansonsten unverletzt.

So rollte der Sattelzug geradeaus durch ein Schaufenster genau in die Mitte des Supermarkts. Die getötete Verkäuferin hatte sich gerade im Toilettenbereich befunden. Genau dahinter war im rückwärtigen Anbau die Kassenzone eingerichtet. Hier fanden die Wehrleute die Leiche des 34-jährigen Mannes.

Der Lastwagenfahrer war noch in der Nacht zum Samstag aus dem zerdrückten Führerhaus gezogen worden. Der Lkw wurde in eine Werkstatt geschleppt, wo ihn Verkehrsexperten der Polizei auf die Unfallursache hin untersuchen. Bremsspuren sind auf der Fahrbahn nicht zu erkennen.

„Es ist einer der schlimmsten Unfälle, die ich erlebt habe”, sagt Herbert van der Mühlen, Hauptbrandmeister der Kerkrader Feuerwehr. Rund um die Uhr war er wie seine Kollegen im Einsatz, um in Schutt und Asche nach den Opfern zu suchen, schließlich die teils furchtbar zugerichteten sterblichen Überreste der beiden Angestellten zu finden.

„Die beiden müssen sofort tot gewesen sein, haben gar nicht mitbekommen, was überhaupt passiert ist.” Auch der Hartgesottenste wird sich nie an den Anblick des Grauens gewöhnen, den ein solch katastrophales Unglück hinterlässt.

Haanrade ist gelähmt von dem Schock. Eine Anwohnerin erzählt, dass sie nur kurze Zeit vorher eingekauft hatte in der „Wechselstube”, wie der Supermarkt in Reminiszenz an D-Mark-Zeiten noch immer hieß. Eine Nachbarin war unmittelbar nach dem Aufprall des Lkw in den unbeschädigten Teil des Ladens gelaufen, um nach einer befreundeten Verkäuferin zu suchen - vergeblich.

In der Vergangenheit hatte es schon zwei Vorfälle ähnlicher Art am Haanrader Weg gegeben: Vor einigen Monaten war ein Schwerlaster nur noch zum Stehen gekommen, weil er nach rechts auf die Grünfläche gesteuert wurde. Im vergangenen Jahr soll ein Streuwagen auf dieses Feld gerutscht sein. Für die Augenzeugen des Unglücks vom Freitag ist klar: Der Lkw-Fahrer hat in den letzten Sekunden seines Lebens alles getan, um andere Menschen nicht zu gefährden.