1. Region

Düren: Eine Eskalation der Gewalt in vier Minuten

Düren : Eine Eskalation der Gewalt in vier Minuten

Die beiden nach einem brutalen Angriff auf die Polizei am Samstagmittag im Dürener Osten infolge eines Streits um ein Parkknöllchen festgenommenen Täter sind wieder auf freiem Fuß. Das bestätigte der Aachener Oberstaatsanwalt Wilhelm Muckel am Montag auf Anfrage unserer Zeitung.

Die Tatbeteiligung des 46-jährigen Vaters und seines 27-jährigen Sohns habe der Haftrichter zwar nicht angezweifelt, betonte Muckel. Anders als die Staatsanwaltschaft aber habe der Richter bei der Vorführung keine Gründe gesehen, die einen Haftbefehl rechtfertigt hätten. Er befürchtete weder Flucht- noch Verdunklungsgefahr. Auf letzteres hatte die Staatsanwaltschaft verwiesen, weil die Täter noch am Ort des Geschehens Zeugen massiv bedroht hätten. Daher hat sie Beschwerde beim Landgericht gegen die Entscheidung des Haftrichters eingelegt.

Über den Haftbefehl gegen den 28-Jährigen Sohn, der sich immer noch auf der Flucht befindet, ist indes noch nicht entschieden worden. Er soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft einem Polizisten mit einem Radmutternschlüssel gezielt ins Gesicht geschlagen haben. Der Beamte musste mit „massiven Gesichtsverletzungen“ ins Krankenhaus eingeliefert werden. Dass einer der Täter nach Informationen unserer Zeitung bereits in der vergangenen Woche zu der kurdischen Gruppe gehörte, die auf einem Sportplatz bei Jülich auf libanesische Spieler und deren Angehörige einprügelte, wollte der Staatsanwalt nicht kommentieren: „Dazu sagen wir derzeit nichts.“

Völlig überrascht war Wilhelm Muckel von Behauptungen, die Eskalation am Samstagmittag sei von den Polizeibeamten ausgegangen. „Solche Aussagen kenne ich nicht“, betont der Oberstaatsanwalt. Sollte es aber Zeugen geben, die solche Aussagen nicht bei der Polizei machen wollten, sollten sich diese auch direkt an die Staatsanwaltschaft in Aachen wenden.

Zum Ablauf der Auseinandersetzung wurden am Montag weitere Einzelheiten bekannt. Das Protokoll der Ereignisse laut Polizei und Staatsanwaltschaft:

Samstag, 12.30 Uhr: Ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes will einen Parkverstoß auf der Scharnhorststraße im Dürener Norden protokollieren. Ein 46-jähriger Deutscher mit türkischen Wurzeln, der gerade an seinem Wagen die Reifen wechselt, und sein 28-jähriger Sohn regen sich massiv darüber auf und bedrohen den Kontrolleur. Ob der Strafzettel ihnen dabei überhaupt galt, ist bislang unklar. Klar ist: Der 46-Jährige regt sich fürchterlich auf. Im Protokoll stehen Sätze wie: „Wenn wir dich hier in der Straße noch einmal sehen, werden wir dich umbringen.“ Der so eingeschüchterte städtische Mitarbeiter ruft die Polizei um Hilfe.

12.36 Uhr: Der erste Streifenwagen ist vor Ort. Versuche der Polizisten, den Streit zu schlichten, laufen ins Leere. Sie stellen sofort fest, dass die Situation bedrohlich ist und fordern umgehend Verstärkung an. Doch die Situation eskaliert, weil sich auch die drei anderen Söhne des 46-Jährigen, 15, 22 und 27 Jahre alt, in das Geschehen einmischen. Die beiden Jüngeren aber offenbar nicht so massiv, dass gegen sie später ermittelt werden muss. Alles geht rasend schnell. Der Vater geht mit einem am Straßenrand liegenden Werkzeug auf die Polizisten los. Die setzen Pfefferspray gegen den Angreifer ein und können ihn so außer Gefecht setzen. Der 28-Jährige schnappt sich blitzschnell das Werkzeug. Den Polizisten gelingt es nicht, ihn kampfunfähig zu machen. Einer der Angreifer nimmt einen Polizisten in den Schwitzkasten. Der 28-Jährige schlägt mit dem Radmutternschlüssel zu. Der Polizist erleidet schwere Kopfverletzungen.

12.39 Uhr: Notarzt und Rettungswagen werden alarmiert.

Ca. 12.40 Uhr: Drei weitere Streifenwagen treffen ein. Einem der Söhne des 46-Jährigen gelingt es unter Anwendung erheblicher Gewalt, sich von vier Polizisten loszureißen. Keiner der Polizisten vor Ort, auch nicht die erfahrensten heißt es später, hat jemals eine derartige Gewalteskalation erlebt. Die Polizisten haben nicht ansatzweise mit einer solchen Eskalation der Gewalt gerechnet.

13.07 Uhr: Seit 12.40 Uhr sind im Fünf-Minuten-Takt weitere Einsatzkräfte eingetroffen. Am Ende sind zehn Streifenwagen mit mehr als 20 Beamten vor Ort. Beim Versuch, die Angreifer zu überwältigen, werden neun weitere Beamte verletzt. Sie ziehen sich Prellungen und Stauchungen zu. Weitere Rettungswagen werden angefordert. Schließlich können die Beamten den 46-jährigen Vater und den 27-jährigen Sohn festnehmen. Der 28-Jährige, der mit dem Werkzeug zugeschlagen hatte, flieht.