Aachen: „Eine Erfolgsgeschichte“: 50 Jahre Bilal-Moschee Aachen

Aachen: „Eine Erfolgsgeschichte“: 50 Jahre Bilal-Moschee Aachen

Im Mai 1964 war es soweit. Auf Initiative von muslimischen Studenten wurde der Grundstein für eine der ältesten Moscheen in der Bundesrepublik gelegt. Heute, mehr als 50 Jahre später, liegt die Bilal-Moschee an der Professor-Pirlet-Straße im Herzen des studentischen Lebens in Aachen.

Bis zu 1000 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten kommen zum Freitagsgebet. Unserer Redakteur Amien Idries sprach mit den Vorstandsmitgliedern Asma Hawari und Idris Malik über den Namensgeber der Moschee, Beobachtung durch den Verfassungsschutz und das Leben Aachener Muslime.

Zwei von fünf Vorstandsmitgliedern: Die Unternehmensberaterin Asma Hawari, deren Eltern aus Syrien stammen, und der Rechtsanwalt Idris Malik, der einen pakistanischen Migrationshintergrund hat. Foto: Andreas Steindl

Vor etwas mehr als 50 Jahren wurde der Grundstein zur Bilal-Moschee gelegt. Ist das eine Erfolgsgeschichte?

Malik: Absolut. Es begann mit einer Initiative von 50 bis 60 Studenten. Heute kommen um die 1000 Menschen zum Freitagsgebet und finden hier ein Zuhause. Es wird nicht nur gebetet, sondern wir bieten sehr viele soziale und gesellschaftliche Aktivitäten an, wie Arabischunterricht, Jugendarbeit oder Aktionen für Kinder, die für alle offen sind.

Ihre Gemeinde gilt wegen der Uni-Nähe als ausgesprochen heterogen. Aus wie vielen Ländern kommen die Mitglieder der Gemeinde?

Hawari: Wir sind sehr stolz darauf, dass die Gemeinde seit ihrer Gründung bunt gemischt ist. Besonders zu Beginn war die Bilal-Moschee Anlaufstelle für fast alle Muslime, die nach Aachen kamen. So hat sich etwa die erste bosnisch-muslimische Gemeinde 1978 hier gegründet und auch viele türkische Muslime haben die Bilal-Moschee besucht. Heute erstreckt sich unser „Einzugsgebiet“ von Indonesien bis Marokko.

Daher auch der Namensgeber Bilal al-Habashi?

Hawari: Bilal war ein enger Gefährte des Propheten Mohammad und ursprünglich ein Sklave aus Ostafrika, der von den Muslimen freigekauft und zum ersten Gebetsrufer des Islam ernannt wurde. Bilal symbolisiert für uns die Vielfalt der Muslime und steht dafür, dass diese Moschee offen für alle Menschen ist. Wir schätzen, dass hier Muslime mit 25 bis 30 verschiedenen Nationalitäten aktiv sind. Deshalb ist die zentrale Sprache in unserer Moschee auch Deutsch. Die Predigten finden auch in Deutsch statt oder werden simultan vom Arabischen ins Deutsche übersetzt.

Ist die Fluktuation innerhalb der Gemeinde durch den hohen Anteil an Studenten besonders hoch?

Malik: Es gibt natürlich Gaststudenten, die nur für ein Semester hierher kommen. Aber viele bleiben auch, gründen Familien und werden langfristig Teil der Gemeinde. Hinzu kommen die Flüchtlinge, die durch die Kriege hierher kommen. Auch für die sind wir eine der ersten Anlaufstellen.

Derzeit ist in der öffentlichen Debatte viel von Salafisten und Wahhabiten die Rede. Lässt sich die Bilal-Moschee im islamischen Koordinatensystem verorten?

Malik: Das geht wegen der bereits erwähnten Heterogenität nicht. Das sieht man bereits im Vorstand, der mit Frauen und Männern, Jungen und Alten besetzt ist. Es gibt strenggläubige und eher liberale Muslime bei uns. Selbst die Unterteilung in Sunniten und Schiiten, die derzeit im Irak für blutige Konflikte sorgt, spielt bei uns keine Rolle. Schiiten und Sunniten beten gemeinsam bei uns.

Das Islamische Zentrum Aachen, der Trägerverein der Moschee, gibt seine Aufgabe damit an, die Wahrung der islamischen Identität der in Aachen lebenden Muslime zu gewährleisten, betont aber, dass dies auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung Deutschlands geschehen muss. Es gibt manche Stimmen, für die das ein Gegensatz ist.

Hawari: Für mich nicht. Muslimische Jugendliche, die glauben, der Islam und ein Leben auf der Basis der demokratischen Grundordnung seien nicht miteinander vereinbar, haben ein verzerrtes Verständnis des Islams. Darum ist unsere Jugendarbeit auch so wichtig, weil wir ihnen das richtige Islamverständnis beibringen.

Malik: Der Islam ist eine Religion der Mitte. Vor Übertreibung hat uns der Prophet gewarnt. Viele radikale und extremistische Ansichten resultieren daraus, dass die Menschen sich nicht die Mühe machen, Dinge differenzierter zu sehen. Man kann in dieser Gesellschaft sehr wohl friedlich integriert leben und gleichzeitig ein guter Muslim sein. Dieses Bekenntnis zu unserer Gesellschaft führt übrigens dazu, dass wir für Extremisten Ungläubige sind.

Gewaltbereite Salafisten oder auch die Kämpfer der IS-Terrormiliz berufen sich ebenfalls auf den Islam. Ist ein Problem, dass es im Islam keine zentrale Instanz gibt, wie etwa den Papst bei den Katholiken, die in Streitfragen eine Linie vorgibt?

Hawari: Grundsätzlich ist das Nichtvorhandensein einer Zentralinstanz ein Vorteil, weil wir nicht eingeschränkt sind und die direkte Verbindung zu unserem Schöpfer besteht. Aber es wäre natürlich in vielen Fällen einfacher, vor allem wenn es darum geht, Extremisten in ihre Schranken zu weisen. Abgesehen davon, gibt es trotz Papst natürlich auch in der katholischen Kirche zu vielen Themen höchst unterschiedliche Meinungen.

Malik: Die unterschiedlichen Meinungen und Richtungen im Islam empfinde ich als Bereicherung. Vom Sufi bis zum streng denkenden Muslim öffnen wir uns jedem, solange er sich auf dem Boden der deutschen Rechtsordnung bewegt. Allerdings können wir den Leuten auch nur bis vor den Kopf gucken. Wir versuchen in Gesprächen zu eruieren, wie die Leute ticken und reagieren auch, wenn wir strengere Positionen wahrnehmen. Wir können aber nicht vollständig ausschließen, dass sich Menschen im Umfeld der Moschee bewegen, die extreme Meinungen haben.

So wie im Fall der beiden mutmaßlichen IS-Helfer, die im Oktober verhaftet wurden und die hier an der Bilal-Moschee gebetet haben.

Hawari: Darüber war die Gemeinde entsetzt. Allerdings hat sich direkt herausgestellt, dass die Aktivitäten, wegen derer die beiden festgenommen wurden, nicht im Zusammenhang mit der Moschee stehen.

Malik: Ich nenne Ihnen ein weiteres Beispiel: 1981 wurde die Ehefrau des damaligen Vorsitzenden Issam El-Attar von Agenten des syrischen Geheimdienstes in Aachen erschossen. Die Attentäter hatten sich vorher ebenfalls im Umfeld der Moschee bewegt und kamen hierher, um die Moschee auszuspionieren. Das ist der Preis, den wir für die Offenheit zahlen.

Ein weiterer Preis ist, dass Ihre Moschee bis 2007 im NRW-Verfassungsschutzbericht auftaucht. Befürchten Sie, dass Sie durch die Festnahmen wieder ins Visier der Verfassungsschützer geraten?

Malik: Aufgrund der Aktivitäten des Islamischen Staates und der Tatsache, dass junge Muslime in den Nordirak gehen, gehen wir davon aus, dass Moscheen per se verstärkt unter Beobachtung stehen. Vor allem wegen unserer Heterogenität ist nicht auszuschließen, dass auch wir beobachtet werden.

2007 schrieb der Verfassungsschutz, dass die Bilal-Moschee eine Nähe zu den syrischen Muslimbrüdern aufweist, sich nach außen aber bemüht, dialogbereit und gemäßigt zu erscheinen. Wird man einen solchen dunklen Fleck wieder los?

Malik: Wir können es am besten tun, indem wir offen darüber sprechen. Ja, es gab Kontakte zu den Muslimbrüdern, das ist aber bereits seit 30 Jahren vorbei und spielt heute keine Rolle mehr.

Derzeit erleben wir im Mittleren Osten so blutige Konflikte wie lange nicht mehr. Diese Konflikte müssen Ihre Gemeindemitglieder, von denen viele Wurzeln in dieser Region haben, beschäftigen.

Malik: Natürlich. Hier gibt es Palästinenser, die während des Gaza-Krieges Freunde und Verwandte verloren haben, oder syrische Flüchtlinge, deren Familienmitglieder in Gefahr sind. Darüber wird natürlich gesprochen oder es wird in der Freitagspredigt thematisiert, aber wir wollen bewusst nicht, dass diese Konflikte nach Aachen getragen werden, etwa so wie in Hamburg, wo sich gewaltbereite Salafisten und Kurden bekämpft haben.

Zum Zeitpunkt des Gaza-Krieges gab es in Deutschland israelkritische Demonstrationen, die teilweise in offenen Antisemitismus umschlugen.

Hawari: Es ist legitim, gegen einen ungerechten Krieg zu demonstrieren. Der wird unseres Erachtens von Israel gegen die Palästinenser geführt. Die Kritik muss sich aber gegen die israelische Regierung und auf keinen Fall gegen Juden richten. Wir Muslime in Aachen wollen ja auch nicht für den IS-Terror verantwortlich gemacht werden.

Den Muslimen in Deutschland wird mitunter vorgeworfen, dass sie sich nicht genügend von den Gräueltaten des Islamischen Staates distanzieren. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime und eng verbunden mit der Bilal-Moschee, hat diese Distanzierung abgelehnt, weil er sich nur von etwas distanzieren könne, das ihm thematisch nah ist. Ist das auch Ihre Meinung?

Malik: Ich glaube das Problem ist, dass man die Muslime in Sippenhaft nimmt. Wenn man uns als gleichberechtigten Teil dieser Gesellschaft wahrnehmen würde, wäre deutlich, dass wir uns nicht vom IS distanzieren müssen. Uns machen die Gräuel im Irak und in Syrien genauso betroffen wie Nichtmuslime. Was viele außerdem nicht bedenken ist, dass die meisten Opfer dieses Wahnsinns Muslime sind.

Hawari: Für uns ist das, was der IS macht, unislamisch. Er missbraucht den Islam für politische Zwecke. Der Islam verbietet, dass man für die Missionierung Gewalt anwendet. Gewalttätig darf ein Muslim nur werden, um sich zu verteidigen.

Ist das nicht eine Frage der Interpretation? Der IS spricht von einer imperialistischen Politik des Westens, gegen die es sich zu verteidigen gelte, und legitimiert so die Gewalt. Bräuchte man nicht eine Debatte über die Interpretation des Korans? Ein Ansatz, der bei vielen Muslimen als blasphemisch betrachtet wird, weil der Koran das Wort Allahs ist, das als nicht interpretierbar gilt.

Malik: Jeder Mensch versteht den Koran so, wie es sein Horizont erlaubt. Wir brauchen keine neue Lesart. Es gibt zu Recht Gelehrte, die sich über die richtige Bedeutung auseinandersetzten und es heute noch tun. Das empfinde ich als Bereicherung der islamischen Welt, solange sich die Interpretation innerhalb eines bestimmten Rahmens bewegt. Wer das heilige Buch aber so interpretiert, dass es die Enthauptung von Andersgläubigen legitimiert, bewegt sich außerhalb dieses Rahmens. Da kann es keine zwei Meinungen geben.

Die Bilal-Moschee ist zu Beginn des Jahres Ziel der islamophoben Partei ProNRW geworden, die den Islam per se als gewalttätig betrachtet.

Hawari: Die Bilal-Moschee gibt es jetzt seit 50 Jahren und sie hat viele Höhen und Tiefen mitgemacht. Wir müssen aufpassen, dass wir weder in die eine noch in die andere Richtung missbraucht werden. Die Haltung von ProNRW ist eine Minderheitenmeinung. Die Mehrzahl der Aachener teilt diese Islamophobie nicht. Das hat sich bei unserer Gegenaktion gezeigt, die von vielen gesellschaftlichen Gruppen unterstützt wurde.

Malik: Die Bilal-Moschee gehört zu Aachen. Wir empfinden uns als Teil dieser Stadt und als Teil von Deutschland. Deshalb forcieren wir auch den Dialog mit anderen Religionen und den Bürgern Aachens, etwa durch den bundesweiten Tag der offenen Moschee am 3. Oktober, der auf eine Initiative aus unseren Reihen zurückgeht. Wir empfehlen außerdem unseren Gemeindemitgliedern die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, damit sie in ihrer neuen Heimat ankommen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das Kopftuch, das vielfach als Symbol der Unterdrückung der Frau verstanden wird. Sie tragen eines. Betrachten Sie Frauen, die es nicht tragen, als unislamisch?

Hawari: Das Tragen des Kopftuchs ist für Frauen eine islamische Pflicht. Das heißt aber nicht automatisch, dass eine Frau ohne Kopftuch eine schlechtere Muslima als ich ist.

Das verstehe ich nicht. Wenn es eine Pflicht ist, muss die Verletzung doch Konsequenzen haben.

Hawari: Das Kopftuch ist eine von vielen Pflichten. Die wichtigste dieser Pflichten ist das Gebet. Ich kann jetzt hier ganz fromm vor Ihnen sitzen aber meine Gebete nicht pflichtgemäß ausführen. Dann wäre ich eine schlechtere Muslima als eine Frau ohne Kopftuch, die aber ihrer Gebetspflicht nachkommt. Hinzu kommt, dass es nicht unsere Aufgabe ist, das zu beurteilen. Ich käme nie auf die Idee, einer Frau ohne Kopftuch das vorzuwerfen. Das ist einzig und allein eine Sache zwischen ihr und Gott.

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