Eine Allee für Helmut Kohl in Bonn

400 Meter zwischen Brandt und Schmidt : Eine Allee für Helmut Kohl

Schon vor fast 30 Jahren, als in Bonn eine Straße nach der CSU-Ikone Franz Josef Strauß benannt wurde, fragte ein Bezirksverordneter der Grünen: „Ist denn für die alle in unserer kleinen Bundeshauptstadt Platz?“ Viele weitere Umbenennungen sollten folgen.

Petra Kelly, Hans-Dietrich Genscher und Helmut Schmidt sind nur einige von jenen, deren Namen seitdem im Bonner Regierungsviertel verewigt wurden. Nun widmet die ehemalige Bundeshauptstadt auch dem zuletzt gestorbenen Kanzler ein Denkmal – rund 400 Meter Bundesstraße für Helmut Kohl samt Bundeskunsthalle und Kunstmuseum. Nur wenige Fußminuten vom einstigen Kanzleramt entfernt, südlich anschließend an die Willy-Brandt-Allee.

Altkanzler Konrad Adenauer hatte für viele Jahre den größten Teil der Bundesstraße samt Museumsmeile für sich - 1999 musste er dann ein Stück davon an einen seiner späteren Nachfolger, Willy Brandt, abgeben. Für Helmut Kohl muss nun SPD-Urgestein Friedrich Ebert weichen - allerdings nicht komplett, wie die Stadt betont. Die Friedrich-Ebert-Allee wird lediglich ein Stück kürzer und reicht nur noch bis zum Helmut-Schmidt-Platz, der 2016 seinen Namen erhielt.

Der neue Straßenname gilt offiziell seit dem 1. August - am Donnerstag folgt die symbolische Einweihung mit CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und dem Bonner Oberbürgermeister Ashok Sridharan (CDU). Auch ehemalige Mitarbeiter und Kabinettskollegen von Kohl werden erwartet.

Dass gerade die Museumsmeile in Bonn zur Helmut-Kohl-Allee wird, ist kein Zufall. „Wir haben Kohl einiges zu verdanken“, sagt der Sprecher der Bundeskunsthalle. „Er hat sich sehr für die Realisierung eingesetzt - auch als schon klar war, dass die Regierung nach Berlin ziehen würde.“ Auch der Intendant des benachbarten Kunstmuseums, Stephan Berg, hält die Umbenennung für „historisch gerechtfertigt“.

Weshalb sind es ausgerechnet die Namen von Straßen, mittels derer wir uns an Menschen und ihr Wirken erinnern? „Straßennamen sind wichtiger als Denkmäler“, sagt der Historiker Christoph Nonn von der Uni Düsseldorf. „Das erklärt auch, warum die Auseinandersetzung um Straßennamen deutlich verbissener geführt wird“. Denkmäler könne man ignorieren, Straßennamen nicht ganz.

Wenn eine Straße einen neuen Namen bekommt, bringt das Aufwand und Kosten mit sich. Briefträger und Kartographen müssen ihre Daten anpassen, Briefbögen und Visitenkarten müssen neu gedruckt werden. Das gilt in Bonn nicht nur für die Museen, sondern auch für eine Immobiliengesellschaft am Ende der Straße, die vom Ruhm der neuen Kanzlerallee gar nichts abkriegt: Sie muss sich als neue Anschrift mit der „Fritz-Schäffer-Allee“ begnügen, da ihr Eingang nach hinten hinaus geht. Geschäftsführer Jürgen Steimel kann der Umbenennung trotzdem etwas abgewinnen: „Das ist schon angemessen“, sagt er. „Kohl gehört ja einfach zu Bonn.“

Während Kohl für die Entwicklung Bonns ganz konkreten Einfluss hatte, ist er anderswo einfach Ex-Kanzler - in den Augen der einen der Kanzler der Einheit, für andere der Kanzler der Spendenaffäre. So gab es etwa in Osnabrück, Lübeck oder Kohls Heimatstadt Ludwigshafen bereits Vorstöße für Helmut-Kohl-Straßen oder -Plätze - die jedoch alle scheiterten. „In dem Moment, in dem eine Umbenennung vorgeschlagen wird, wird sie zum Politikum“, sagt Historiker Nonn.

In der Regel sind es Parteien, in Kohls Fall die CDU, die eine Umbenennung vorschlagen. Finden sie damit im Rat keine Mehrheit, müssen sie sich geschlagen geben. Die Bonner SPD zeigt sich versöhnlich, obwohl Friedrich Ebert ein Stück seiner Straße büßen muss. Man sei froh, dass die Haltestelle Olof-Palme-Allee nicht angetastet werde, wie es frühere Pläne vorsahen, heißt es von der Fraktion. In Bonn scheiterte ein erster Anlauf, weil die Stadt den anvisierten Platz der Vereinten Nationen nicht eigenmächtig umbenennen durfte.

So findet sich Kohl bisher nur ganz vereinzelt auf den Stadtkarten der Republik. Schon zu Lebzeiten gab es eine Dr.-Helmut-Kohl-Straße auf der Ferieninsel Usedom. Im sachsen-anhaltinischen Dessau wurde im vergangenen Jahr eine Straße nach ihm benannt - begleitet von Anwohner-Protesten.

„Eine Adresse ist auch ein Stück Identität“, erklärt Nonn. „Die Leute sind in der Regel nicht damit einverstanden – egal, wie ihre Straße umbenannt werden soll.“ Damit ist der Straßenabschnitt für die neue Helmut-Kohl-Allee in Bonn nicht nur hinsichtlich seiner historischen Bedeutung passend, sondern auch, weil es so gut wie keine Anwohner gibt, die protestieren könnten.

Ein Signal für Wandel sendet die ehemalige Hauptstadt mit der neuen Kanzlerallee nicht unbedingt. In Zeiten, in denen man über einen Komplettumzug der Regierung von Bonn nach Berlin diskutiert, besinnt man sich im Rheinland auf die Vergangenheit. Doch auch wenn Kohl zu Amtszeiten von Bonn nach Berlin strebte - einziger verstorbener Altkanzler ohne Straße oder Platz soll er an seiner alten Wirkungsstätte wohl nicht bleiben müssen.

(dpa)
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