Erkelenz-Immerath: Ein Wahrzeichen verschwindet: Abriss des Immerather Doms beginnt

Erkelenz-Immerath: Ein Wahrzeichen verschwindet: Abriss des Immerather Doms beginnt

Als die katholische Kirche am 13. Oktober 2013 St. Lambertus entwidmete, wie es im liturgischen Fachjargon heißt, wirkte es, als sei das Herz des Ortes stehengeblieben. Immerath stirbt seither weiter. Tag für Tag, Haus für Haus. Es ist nicht viel mehr übriggeblieben als das Gebäude von St. Lambertus, das die Menschen Immerather Dom nennen, weil es so groß und imposant ist. Am Montag beginnt RWE Power mit dem Abriss.

Das ist das Ende der lebensverlängernden Maßnahmen. Es wirkt wie Sterbehilfe für einen Ort, der seinen Tod nicht mehr aufhalten kann.

Wieder einmal ein Stück Heimat zu verlieren, ist für Hans-Walter Corsten nichts Neues. Er musste umziehen. Sein eigenes Haus, das Haus seiner Eltern und alles, was ihm in seinem Heimatort einmal vertraut war, sind weg. „Als ich gehört habe, dass die Kirche am 8. Januar abgerissen werden soll, hat mir das einen Stich versetzt“, sagt er. Zu sehr hängt er noch an der Kirche, wie sie einmal war, und damit an der alten, längst verlorenen Heimat. „Von wo man auch kam, man hat immer den Dom gesehen. Dann wusste man, dass man nach Hause kommt“, sagt Corsten, der Vorsitzender der Dorfgemeinschaft in Immerath (neu) ist.

Von der Landkarte verschwunden

Das alte Immerath ist von der Landkarte verschwunden. Fast alle Bewohner sind weg. Sie mussten weg. Weil unter dem Ort Braunkohle liegt. Sehr viel Braunkohle. 1,2 Milliarden Tonnen will RWE Power im Abbaufeld Garzweiler II bis zur Mitte des Jahrhunderts fördern. Dieses Recht hat der Konzern. Die Landesregierung hat ihm die Erlaubnis dazu gegeben. Die Gerichte haben das bestätigt.

Sieben Orte sind schon verschwunden, oder eben so gut wie weg. Fünf weitere sollen folgen. Nur Holzweiler darf bleiben, weil die rot-grüne Landesregierung 2014 umschwenkte und ankündigte, dass Garzweiler II etwas kleiner werden soll als geplant.

Den Immerathern hilft das nicht mehr. Ihnen würde es auch nicht mehr helfen, wenn die Bundesregierung noch heute aus der Braunkohle aussteigen würde. Es gibt wohl viele Immerather, die die Zeit gerne zurückdrehen würden. Wieder zurückziehen wolle aber niemand mehr, sagt Corsten. Wohin auch? Das alte Immerath existiert nicht mehr.

Die Kirche war in all den Jahren das Zentrum des lebendigen Immerath. Es gab eine Apotheke, eine Bäckerei, einen Metzger und ein Krankenhaus. Ein Dorf mit Krankenhaus! All das ist Vergangenheit. Immerath (neu) wirkt wie ein riesiges Neubaugebiet und liegt nur acht Kilometer entfernt. Corsten und all die anderen, die gegangen sind, haben ihre alte Heimat hinter sich gelassen.

Der Ort und seine Kirche haben eine bewegte Geschichte. Schon bevor St. Lambertus gebaut wurde, hatte sich ein Streit um die Kirche entfacht. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ging es um die Frage, ob die alte Kirche noch ausreiche, ob sie erweitert werden oder neu gebaut werden müsse. Jahrzehnte später hatten sich Kirche und Gemeinde nach langem Hin und Her zum Neubau durchgerungen. Und auch schon Geld dafür angespart. 1888 wurde der Grundstein für die neuromanische Tuffsteinbasilika mit den beiden charakteristischen Türmen gelegt. Viele Immerather spendeten Geld oder halfen beim Bau. Entstanden war das einzige Kirchengebäude im Kreis Heinsberg mit einer Doppelturmfassade.

Dass die Immerather stolz auf ihren Dom waren, kann Werner Rombach voll und ganz nachvollziehen. „Das ist eine der schönsten Kirchen am Niederrhein aus dem 19. Jahrhundert“, sagt er. Rombach ist Pfarrer und lebt seit zehn Jahren in Erkelenz. Aber am Immerather Dom konnte er schon vorher nicht vorbei. Weil er mal in Kempen am Niederrhein arbeitete und seine Wurzeln in Stolberg hat, kannte er St. Lambertus mit seinen hohen Türmen vom Vorbeifahren auf der Autobahn. „Vor 17 oder 18 Jahren bin ich einfach mal von der Autobahn abgefahren, um mir die Kirche anzuschauen. Ich bin mehrmals um die Kirche herumgelaufen und habe mich an dieser formvollendeten Neoromanik erfreut“, sagt er.

Später lernte er die Gemeinde kennen. 2013 wurde er Pfarrer in Erkelenz, acht Monate bevor die Immerather Kirche entwidmet wurde. Im folgenden Jahr war die Borschemicher Kirche dran, die mittlerweile abgerissen ist. „Das hat in Deutschland noch kein Pfarrer erlebt, innerhalb eines Jahres zwei Kirchen zu entwidmen und zwei neue zu bauen. Das war für mich sehr belastend“, sagt Rombach.

Rombach hat damit längst abgeschlossen. Der Immerather Dom ist nun keine Kirche mehr und damit für den Pfarrer ein Ort wie jeder andere geworden. Und sie muss wie jedes andere Haus in Immerath dem Tagebau Garzweiler weichen. Manche Immerather haben lange gehofft, dass es anders kommt. Andere haben dagegen gekämpft, bis vor das Bundesverfassungsgericht. Die Hoffnung, der Kampf — alles verloren.

Obwohl das Ende so nah ist, wirkt der Immerather Dom seit dem Sommer noch gewaltiger. Alle Gebäude um ihn herum sind längst abgerissen. Er steht sozusagen auf freiem Feld. Hans-Walter Corsten fährt gelegentlich noch herüber in das alte Immerath, um sich anzuschauen, was mit den einst so vertrauten Häusern geschieht. Und dann spricht er über das, was ihm die Kirche bedeutet. Über seinen Großvater, der von den Nazis aus dem Amt Holzweiler geworfen und später Kirchenrendant und Bürgermeister von Immerath wurde. Über die Bauern, die noch auf ihren Höfen ausharren. Und über die Kirche, in der er so viel erlebt hat: Taufen, Kinderkommunionen und zuletzt die Hochzeit seiner Tochter. Die war am 12. Oktober 2013, einen Tag bevor die Kirche entwidmet wurde. Und dann kam der Pastor auch noch zu spät. Der hatte verpennt und musste geweckt werden. Es sind diese Geschichten, die man sein Leben lang nicht vergisst.

Hans Goeres denkt mit Schrecken an einen seiner letzten Besuche im alten Immerath. Eine Besuchergruppe hatte sich über die Kirchengemeinde angekündigt. Goeres, der Vorsitzender des Kapellenvorstands in Immerath (neu) ist, fuhr mit der Gruppe zum Skywalk in Jackerath, um den Tagebau Garzweiler zu zeigen. Und dann nach Immerath, um die Kirche aus der Nähe zu sehen. Zufällig wurde an diesem Tag sein Elternhaus abgerissen. „Das war ganz schlimm. Das Haus war halb abgerissen und ich konnte die Tür zu meinem alten Zimmer sehen. Das war schon hart“, sagt er.

Goeres hat sich damit abgefunden, dass er gehen musste. Auch er hat in Immerath (neu) ein Haus gebaut. Obwohl er niemals weg wollte. Der Abriss der Kirche, die immer „Mittelpunkt des Ortes“ gewesen sei, ist für ihn ein Schlusspunkt. „Das ist der letzte Akt der Vertreibung“, sagt Goeres.

Dafür wurden Goeres, Corsten und all die anderen die gehen mussten, finanziell von RWE entschädigt. Auch das Bistum Aachen bekam Geld für seine Kirche. Rund vier Millionen Euro.

Diese Summe reichte nie und nimmer, um eine vergleichbare Kirche neu zu bauen. „Das wäre drei- oder viermal so teuer gewesen“, sagt Rombach. Aber es wäre heute wohl auch nicht mehr zeitgemäß, eine solche Kirche zu bauen. Am Ende des 19. Jahrhunderts spiegelte die Größe der Kirche nach außen, wie gut es einem Ort ging. „Das zeigte in dieser Zeit auch, wie die Leute mit ihrem Glauben dahinter standen“, sagt Rombach. Aber die Zeiten ändern sich: Heute stehe nur noch ein harter Kern Gläubiger hinter der Kirche. Und der trifft sich in Immerath in einer relativ zweckmäßigen Kapelle.

Große, helle Kapelle

Hans Goeres hat den ganzen Prozess der Planungen zur neuen Kapelle begleitet. Es wurde über die Art des Bau gesprochen, über Dinge aus der alten Kirche, die man in die neue integrieren kann, über einen Keller, in dem solche Stücke ausgestellt werden sollten. Dass die Gemeinde wieder einen gemeinsamen Ort braucht, sei schnell klar gewesen. Auch dass er kleiner sein würde als der Dom. „Wir haben im Jahr 2010 gebaut. Und wir wollten dem Zeitgeist entsprechend bauen“, sagt Goeres. Also kam eine große, helle Kapelle heraus, in die nur wenige Stücke aus der alten Kirche integriert sind.

Die Kapelle, der Veranstaltungsraum „Kaisersaal“, der Sportplatz, der Kindergarten, all das macht Immerath (neu) nun wieder zu einem lebenswerten Ort. Schützenbruderschaft, Sport- und Karnevalsverein haben die Chance, die in jedem Neuanfang steckt, offensichtlich genutzt. Die Vereine erlebten einen Boom, der Kindergarten sei rappelvoll, sagt Corsten. „Die Gemeinschaft im Ort ist sogar besser geworden“, findet er.

Aber eben nur für die, die an den neuen Ort mitgekommen sind. Das war gut die Hälfte der Immerather. Und der Rest? Bei manchen hat die Entschädigungssumme vielleicht nicht für ein neues Haus gereicht, andere waren zu alt oder krank für einen Neubeginn. „Die Leute, die im Altenheim sind oder in einer Mietwohnung in irgendeiner fremden Stadt leben, hat es am härtesten getroffen. Die nehmen nicht mehr am Dorfleben teil.“