Eschweiler: Ein Tag in der Erstaufnahmestelle: Viel Einsatz für die Willkommenskultur

Eschweiler: Ein Tag in der Erstaufnahmestelle: Viel Einsatz für die Willkommenskultur

Der Strom an Flüchtlingen, der auch unsere Region erreicht, scheint nicht zu enden. Es ist eine große Aufgabe für die Kommunen, und es steckt ein enormer organisatorischer Aufwand dahinter. Exemplarisch für sämtliche Flüchtlingsunterkünfte haben wir die Erstaufnahmestelle in Eschweiler besucht und einen Tag lang miterlebt, was die Organisatoren dort leisten.

In Eschweiler laufen die Fäden beim Ordnungsamt zusammen. Maria Körschgen ist den ganzen Tag vor Ort, Andreas Lutter schaut ebenfalls täglich vorbei. Wir haben die beiden gemeinsam mit Stadtsprecher René Costantini begleitet.

Organisatoren, Ersatzeltern und Vertrauenspersonen in einem: Andreas Lutter und Maria Körschgen (oben rechts) vom Ordnungsamt der Stadt Eschweiler kümmern sich um die Belange der Flüchtlinge in der Erstaufnahmestelle. Foto: Tobias Röber

7 Uhr: Licht an! In der Halle ist es mucksmäuschenstill. Irgendwie erstaunlich, immerhin leben hier 146 Menschen. Frauen. Männer. Kinder. Jeden Morgen wird das Licht um 7 Uhr eingeschaltet, die Halle ist hell erleuchtet. Neben den Flüchtlingen befinden sich vier Personen des Security-Dienstes in der Unterkunft. Sie sind die einzigen, die sich — natürlich abgesehen von den Flüchtlingen — rund um die Uhr an der Jahnstraße aufhalten.

Andreas Lutter und Maria Körschgen (oben rechts) vom Ordnungsamt der Stadt Eschweiler Foto: Tobias Röber

7.30 Uhr: Die ersten Flüchtlinge sind aufgestanden. Sie suchen die Waschräume auf, begrüßen jeden mit einem „Hallo“ oder „Guten Morgen“. Die Frauen bleiben drinnen, die Waschcontainer der Männer sind draußen. Das Hochbauamt hat ganze Arbeit geleistet und sämtliche Leitungen verlegt. Für Andreas Lutter und seine Kollegen gab’s vorher viel zu tun. Bis nach Österreich wurde telefoniert, um überhaupt an Container zu kommen. Gleiches galt für ein einfaches Dixie-Klo. Als die ersten Busse ankamen, wollten die meisten Flüchtlinge erstmal auf die Toilette. „Klar nach einer mehrstündigen Fahrt“, sagt Lutter rückblickend.

7.45 Uhr: Maria Körschgen betritt das kleine Büro, das eigentlich der Erste-Hilfe-Raum der Sporthalle ist. Von frühmorgens bis zum Nachmittag und meistens über den Dienstschluss hinaus ist die Mitarbeiterin des Ordnungsamtes vor Ort. Sie wird mit einer Tasse Kaffee empfangen, wie jeden Morgen.

7.50 Uhr: Nach einem kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse schnappt sich Körschgen eine große Dose Raumspray und sprüht den Geruchsvernichter mitten in die Halle. Ein Muss bei so vielen Menschen auf einem Fleck. Der Duft breitet sich sofort aus. Ein Druck für eine Sekunde reicht für 200 Kubikmeter. Normalerweise verwendet die Feuerwehr solche Sprays.

8 Uhr: Es gibt Frühstück. Ganz oben unter dem Dach, dort, wo sich bei Sportturnieren Zuschauer aufhalten, befindet sich die Essensausgabe. Es gibt Brötchen, Käse, Kaffee und vor allem viel Tee. Und: „Zucker, Zucker, Zucker“, sagt Andreas Lutter. Dreimal täglich wird Essen ausgegeben. Das übernehmen Mitarbeiter des Senioren- und Betreuungszentrums der Städteregion Aachen. Eine Spüle wurde eigens dort installiert. Auch ein Wasserautomat steht dort inzwischen. „Anfangs haben wir es mit Flaschen versucht, aber die Automaten sind praktischer“, erklärt Körschgen. Vor allem ist vielen Flüchtlingen Wasser mit Kohlensäure völlig fremd.

9 Uhr: Die beiden Polizisten Hans Kottke und Rolf Krause betreten die Halle und werden von einigen Flüchtlingen freudestrahlend begrüßt. „Es war anfangs nicht für jeden einfach, dass hier Leute in Uniform sind“, erklärt Körschgen, die selbst die Uniform des Ordnungsamtes trägt. Viele Flüchtlinge brächten Uniformen mit Korruption in Zusammenhang. Kurz darauf steht für Körschgen und Lutter eine Besprechung an, an der Polizei, Ordnungsamt, Security teilnehmen. Auch Bürgermeister Rudi Bertram schaut regelmäßig vorbei.

9.30 Uhr: Ein Dutzend Flüchtlinge wartet auf Stühlen sitzend auf Arztbesuche. Jeder Flüchtling hat eine Nummer, auf Listen an der Wand steht, wann welche Nummer los muss. Die komplette soziale Betreuung, also Arztbesuche, Termine mit dem Jugendamt und dergleichen, hat die Arbeiterwohlfahrt übernommen. Natürlich achten auch Körschgen und Lutter darauf, dass niemand den Arztbesuch verpasst. Außerdem müssen die Bändchen, mit denen sich die Flüchtlinge etwa am Eingang ausweisen müssen immer wieder erneuert werden.

9.40 Uhr: Eine Frau fegt die Parzelle, in der sie lebt. 16 Parzellen gibt es. Abgetrennt sind die einzelnen Bereiche mit handelsüblichen Bauzäunen. Als Sicht- und Schallschutz hat die Stadt diese mit Stoff verkleidet. „Wir hatten im Grunde nur drei Tage Zeit, hier alles vorzubereiten“, sagt Lutter und ergänzt: „Eigentlich ist die Halle räumlich gar nicht dafür ausgelegt, hier 150 Flüchtlinge unterzubringen.“ Der Stoff schlucke eine ganze Menge Schall, betonen die Helfer. Das merkt man an den Behelfsbüros, in denen immer wieder mal kleine Umbauten vorgenommen werden müssen. Etwa ein kleiner Durchbruch direkt unterhalb der Bürodecken des Ordnungsamtes, um Starkstromkabel zu verlegen.

10.30 Uhr: „Kannst du mir mal bitte helfen?“ Die Frage von Körschgen geht an Andreas Lutter. Natürlich kann er. Die beiden gehen in einen Lagerraum und packen sogenannte Erstausgabesets zusammen. Jeder Flüchtling erhält bei der Ankunft ein solches mit den nötigsten Utensilien wie Handtuch, Zahnbürste und Zahncreme. „Wir mussten die Sets anpassen“, erklärt Körschgen. Anfangs habe man beispielsweise nicht an Hygieneartikel für Frauen gedacht. Auch Kinderzahncreme fehlte. „Die Sachen haben wir dann schnell nachgeordert“, sagt Lutter.

10.50 Uhr: Maria Körschgen klappt ein defektes Bett zusammen und holt ein neues. Die 30 Ersatzbetten sind beinahe aufgebraucht, neue sind bestellt. „Die Betten gehen hier schneller kaputt“, erklärt Körschgen, da sie nicht nur zum Schlafen verwendet werden, sondern die Flüchtlinge auch sonst viele Stunden darauf sitzen. Für eine schwangere Frau wurde kürzlich eine Matratze besorgt.

11 Uhr: Die Waschräume sind ganztägig gut besucht. „Anfangs mussten wir Familien erklären, dass Männer und Frauen getrennt duschen. Das haben einige zunächst nicht verstanden“, sagt Körschgen. Hin und wieder geht sie mit muslimischen Frauen auch schon mal alleine los und passt auf, dass sie den Raum ganz für sich alleine haben. Auch ein neues Kopftuch für die Frauen muss dann und wann her.

11.10 Uhr: In der Halle ist es nach wie vor erstaunlich ruhig. An einer Stelle hat sich eine Menschentraube gebildet. Smartphone sei Dank. Beinah den gesamten Tag versammeln sich die Flüchtlinge an den Steckdosen, um ihre mobilen Telefone aufzuladen. Anfangs hatte die Stadt dort einige wenige Steckdosen angebracht — und das Kontingent kurz darauf deutlich aufgestockt, weil es einfach nicht genug Steckdosen waren.

11.25 Uhr: Sozialamtsleiter und Integrationsbeauftragter Jürgen Rombach schaut vorbei und hält einer Gruppe junger Flüchtlinge eine Standpauke. „Sie haben ihre Parzelle nicht in Ordnung gehalten“, erklärt Körschgen. Die Flüchtlinge sind in den täglichen Putzplan eingebunden. Das Ordnungsamt muss ein Auge darauf haben, dass auch jeder mitmacht. Die Fäden laufen zwar beim Ordnungsamt zusammen, alles wird jedoch in enger Abstimmung mit dem Sozialamt entschieden. Neben Jürgen Rombach ist vor allem Demet Jahwer stets mit eingebunden. Kurz darauf gibt’s Diskussionen. Auch das gehört zum Alltag, wie Andreas Lutter erklärt: „Viele Flüchtlinge sind lange unterwegs und waren schon an mehreren Stationen. Sie fragen, wann es endlich weitergeht. Ich verstehe das, aber wir können an der Situation nichts ändern.“

11.40 Uhr: Auch das ist Alltag: Bei rund 150 Bewohnern fällt jede Menge Wäsche an. Jeder Flüchtling hat eine Waschkarte und einen Wäschekorb. Wer waschen will, muss sich anmelden und darf dann mit einem Mitarbeiter in den Keller. Ein Duschraum wurde kurzerhand zum Raum für Waschmaschinen umgebaut.

12 Uhr: Ein Flüchtling steht lächelnd vor Maria Körschgen. Er tätschelt seinen Bauch, als Zeichen, dass er abgenommen hat und ihm der Gürtel jetzt passt, den Körschgen ihm mitgebracht hat. Die Verständigung klappt immer irgendwie. Viele Flüchtlinge sprechen Englisch, für andere sind Dolmetscher da. Dennoch sagt Körschgen: „Man versteht sich immer irgendwie, auch, wenn es mit Händen und Füßen ist.“

13 Uhr: Mittagessen. Es gibt Putenschnitzel, Safransauce, Salzkartoffeln und Kohlrabigemüse. Gute deutsche Hausmannskost möchte man dazu sagen. Vor einigen Tagen bot das SBZ Apfelpfannkuchen mit Zimt an. Viele Flüchtlinge mochten das nicht. „Wir haben Pfeffer, Salz und Currypulver daneben gestellt. Dann war es ok“, sagt Lutter und lacht. Körschgen & Co. achten penibel darauf, dass kein Essen mit in die Parzellen genommen wird. Mit einer Ausnahme. Im bis dato letzten Bus saßen drei ältere Flüchtlinge. Die Treppen bis zur Essensausgabe kann eine Frau nicht gehen, also wird sie von ihrem Sohn versorgt. Um ihr ein Stück weit Mobilität zu verschaffen, wurde ein Rollator organisiert.

13.30 Uhr: Maria Körschgen trägt den kleinen Amien auf dem Arm. Das Baby ist erst wenige Wochen alt und seine Mutter hat es der Mitarbeiterin des Ordnungsamtes anvertraut. Spätestens jetzt wird klar: Maria Körschgen ist mehr als nur Mitarbeiterin des Ordnungsamtes. Sie ist Organisatorin, für die Flüchtlinge Ersatzmutter, Gesprächspartnerin und Vertrauensperson. Körschgen ist für die Flüchtlinge da und kennt viele ihrer Geschichten, genau wie Andreas Lutter. „Bei vielen Geschichten bekommt man Gänsehaut. Die Menschen sind ums nackte Überleben gerannt“, sagt er.

14 Uhr: Vor einem weiteren Geräteraum hat sich eine Schlange gebildet. Der Grund: Es gibt Geld. Einmal wöchentlich erhält jeder Erwachsene 30, jedes Kind 15 Euro. Generell gilt zwischen 14 und 15 Uhr: absolute Ruhe. Dann ist auch der Geräteraum geschlossen, der zum Spiel- und Bastelzimmer umfunktioniert wurde.

15 Uhr: Viele Flüchtlinge sind unterwegs in der Stadt, andere sitzen an der frischen Luft. Zeit zum Durchatmen gibt’s aber nicht. Die Kleiderkammer im Keller wird vom Sozialdienst katholischer Frauen besucht. Wer Kleidung braucht, trägt sich in eine Liste ein. In Zehnergruppen dürfen die Flüchtlinge dann für 15 Minuten in die Kammer. Dort gibt’s alles: von Stofftieren und sonstigen Spielsachen über Schuhe, Jacken, Hosen bis hin zu ausgedienten Alemannia-Aachen-Trikots. „Viele Flüchtlinge kamen nur im T-Shirt hier an“, sagt Körschgen und hofft, dass noch mehr Winterkleidung gespendet wird.

16.30 Uhr: Ein Stück Panzerband hat sich am Boden gelöst. Wieder mal. Der Hallenboden wurde mit feuerfesten Platten ausgelegt, die sind mit dem Band zusammengeklebt. Immer wieder muss Maria Körschgen das erneuern. Ein Flüchtling hilft und kurz darauf klebt Panzerband auf seinem Mund. Er lacht, Maria Körschgen lacht mit. „Wir haben tolle Flüchtlinge hier“, sagt sie kurz darauf. Zeit für einen Spaß gebe es immer.

18 Uhr: Abendessen. Die letzte Mahlzeit des Tages. Für alle Beteiligten Routine. Es läuft wie immer ruhig ab.

20.45 Uhr: Draußen ist es dunkel, eine große Gruppe Flüchtlinge hat sich zusammengesetzt. Es wird gesungen und getanzt. Maria Körschgen ist mittendrin. „Hier ist ein toller Sänger aus Syrien dabei. In seiner Heimat ist er wohl so etwas wie ein Star“, sagt die Mitarbeiterin des Ordnungsamtes. Die Saiten eines Instrumentes waren kürzlich gerissen. Kein Problem: Körschgen & Co. besorgten kurzerhand neue. Einmal musste bislang einem Bewohner für ein paar Stunden Hausverbot erteilt werden. Er hatte in der Stadt etwas zu tief ins Glas geschaut. „Zu viel Alkohol ist ein No-Go“, sagt Lutter.

23 Uhr: Licht aus! In der Woche ist es ab 23 Uhr dunkel, am Wochenende bleiben die Deckenlampen eine Stunde länger an.