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Interview mit Pinkpop-Gründer Jan Smeets: Ein Pionier macht Schluss

Interview mit Pinkpop-Gründer Jan Smeets : Ein Pionier macht Schluss

Er ist „Mr. Pinkpop“: Vor 50 Jahren gründete der Niederländer Jan Smeets das Festival, das zum ältesten jährlich stattfindenden Musikevent in Europa werden sollte – und zum größten in der Grenzregion. Doch die Corona-Pandemie und gesundheitliche Probleme sorgen nun dafür, dass der 75-Jährige die Verantwortung für sein Herzensprojekt abgibt. Im Interview blickt er auf ein halbes Jahrhundert in der Musik-Szene zurück – und verrät, warum er sein Festivalbüro vorerst noch behält.

Ein früher Nachmittag, Mitte Oktober. Jan Smeets, Entrepreneur und Gründer des weltbekannten Pinkpop-Festivals, will eigentlich gar nicht telefonieren. Der Tag für das längst vereinbarte Gespräch sei schlecht gewählt, findet er nun plötzlich, und formuliert auch sogleich den Grund dafür. Seine Stimmung ist gedrückt, weil die niederländische Regierung am Vorabend neue, pandemiebedingte Restriktionen erlassen hat, meint er. Im Zuge derer war Smeets von offizieller Seite zu Ohren gekommen, dass man arge Zweifel daran hege, seine Pinkpop-Erfindung im kommenden Jahr stattfinden lassen zu können. Nach einem launisch dahingebrummten „wir können es versuchen“ spricht der 75-Jährige im Interview mit Michael Loesl dann doch noch über seinen Rückzug aus dem operativen Festival-Geschäft und seine Erinnerungen an ein halbes Jahrhundert als Pinkpop-Macher.

Herr Smeets, Sie gaben kürzlich bekannt, von Ihrem selbstgeschaffenen Posten als Leiter und Inhaber der Festival-Marke Pinkpop zurückzutreten. Sind Sie des Veranstalterlebens müde geworden?

Jan Smeets: Ich habe nicht alles aufgegeben, möchte ich anmerken. Mein Büro hier in Geleen, das ich an die neuen Pinkpop-Betreiber vermiete, gehört nach wie vor mir. Mojo Concerts, die in Delft sitzen und neben dem „Lowlands“-Festival jede Menge Hallen- und Arenen-Konzerte in Holland veranstalten, tragen jetzt das Risiko für Pinkpop. Einer meiner Beweggründe dafür, nach 50 Jahren als Festival-Veranstalter auszusteigen, ist das Coronavirus. Die Pandemie erschwert die Planung von Großveranstaltungen massiv.

Wirtschaftet ein Veranstalter-Urgestein wie Sie nicht so, dass Durststrecken überstanden werden können?

Smeets: Bedenken Sie die Kostenexplosion von Konzerten und Festivals! Pinkpop kostet inzwischen 17 Millionen Euro pro Jahr. Um diese Summe überhaupt nur einspielen zu können, müsste ich 70.000 Tickets pro Festivaltag verkaufen, was eine ordentliche Menge ist. Ob man die noch an die Frau und an den Mann bringen kann, wenn die Pandemie eines Tages überstanden ist, bleibt fragwürdig.

Es ist kein Geheimnis, dass die Gagenforderungen von Top-Stars und deren Managements massiv gestiegen sind. Tragen die Spitzenverdiener der Branche, ungeachtet der Pandemie, mit ihrer Geldgier nicht zu einer ungesunden Konzentration auf wenige Festivals bei, die sich Millionengagen noch leisten können?

Smeets: Völlig richtig. Und damit beraubt man bestimmte Festivals ihrer Identitäten. Als ich Pinkpop 1970 aus der Taufe hob, buchte ich sämtliche Bands und Künstler selbst. 1971 zahlte ich Fleetwood Mac umgerechnet 2000 Euro Gage. Heute arbeiten rund 15 Agenten für Mojo, die Bands gleich mehrfach buchen, um ungeheuerliche Gagenforderungen ein wenig drücken zu können. Dafür treten diese Bands dann aber auch bei mindestens jedem zweiten Festival in Europa auf. Mir missfällt diese Entwicklung schon lange.

Warum halten Sie trotzdem noch ein Büro in Geleen? Kann sich ein Musikverrückter wie Sie letztlich doch nicht komplett aus der Branche verabschieden?

Smeets: Ich hatte schon 2012 ein paar Pinkpop-Anteile an Mojo Concerts verkauft, die unter anderem auch das North Sea Jazz Festival in Rotterdam betreiben. Damals verständigten wir uns darauf, dass Mojo auch den Rest meiner Anteile im Falle meines Rückzugs erwerben könnte. In Sommer dieses Jahres entschied ich mich dazu, diesen Schritt zu gehen und verkaufte sämtliche Anteile an Mojo. Deswegen bin ich jetzt offiziell nicht mehr der Pinkpop-Boss. Aber ich bin immer noch am „Kunstbende“-Projekt beteiligt, das jungen Künstlern hier in Holland eine Plattform bietet. Außerdem richte ich nach wie vor neben einzelnen Konzerten hier und da ein Bluesrock-Festival in Tegelen, nahe Venlo aus.

Anfang der 1990er-Jahre veranstalteten Sie Konzerte von Prince, Rod Stewart, Level 42 und Gloria Estefan im MECC in Maastricht. Warum fanden dort gegen Ende des Jahrzehnts praktisch keine Großkonzerte statt?

Smeets: Es entstanden plötzlich neue Riesenarenen und optional überdachte Stadien wie der GelreDome in Arnheim oder der Ziggo Dome in Amsterdam, die deutlich mehr Zuschauern Platz boten als das MECC. Die namhaften Künstler wollten nicht mehr vor maximal 17.000 Leuten in Maastricht, sondern vor 30.000 Leuten in Arnheim auftreten.

Trotzdem gelang es Ihnen, bedeutende Künstler wie Bob Dylan in die Region zu holen, der 1995 in der Kerkrader Rodahal auftrat. Konnten manche Stars nicht widerstehen, wenn Jan Smeets sie rief?

Smeets: Natürlich hat man als Veranstalter eine gewisse Reputation bei den Agenten der Stars, die es hin und wieder ermöglichten, einen der ganz Großen im übersichtlichen Rahmen präsentieren zu können. Dylan in Kerkrade war ausverkauft, es war ein schönes Konzert, wie ich fand. Der gute Bob selbst war aber angefressen, weil ihm das Wetter hier in der Region nicht passte. An dem Tag stürmte und hagelte es.

Ob er deswegen nie bei Pinkpop auftrat?

Smeets: Ich habe keine Ahnung, aber ich hätte ihn gerne auf meiner Festivalbühne gesehen. Ein anderer Star, den ich leider nie nach Landgraaf holen konnte, ist Dolly Parton. Zappa hätte ich bei Pinkpop haben können, aber dessen Musik gefiel mir nie. Ich kann auch mit Jazz nichts anfangen. Mein Ego war groß genug, um lange Zeit vor allem Künstler auftreten zu lassen, die mir persönlich gefielen. Das gab dem Festival eine persönliche Note.

Taucht ab, zumindest aus dem großen Festivalzirkus: Jan Smeets. Foto: imago/Hollandse Hoogte/imago stock&people

Was hat Sie denn überhaupt zur Musik gezogen?

Smeets: Das war der kulturelle Umbruch Anfang der 1960er-Jahre. Junge Leute lehnten sich erstmals gegen Obrigkeiten auf, weil wir ein Mitspracherecht haben wollten, wozu die Musik in nicht unerheblichem Maße beitrug. Es war unglaublich viel los, die Beatles veränderten später mit Popmusik die Welt, die Stones taten es ihnen mit Rhythm & Blues gleich. Und hier in Holland veröffentlichte die Band Peter en zijn Rockets 1960 die erste Rock‘n’Roll-Single auf Niederländisch. Im gleichen Jahr organisierte ich mein allererstes Konzert in Grevenbicht bei Sittard mit dieser Band. Musik blieb lange Zeit ein immens wichtiges Kulturgut. Heute ist sie mehr Hintergrundgeräusch.

Weil global agierende Entertainment-Unternehmen nur noch an Profitmaximierung interessiert sind?

Smeets: Uns ist die wirkliche Subkultur der Clubs abhandengekommen, aus der viele der später namhaften Bands hervorgingen. Hier in Limburg gibt es noch sieben oder acht Clubs, unter anderem in Maastricht, Sittard und Geleen. Aber das Buchen von Bands ist sehr riskant geworden, weil weder das Publikum noch die Medien am Aufbau des Nachwuchses mithelfen wollen. Man ist gesättigt, gibt lieber 200 Euro und mehr für ein Ticket aus, um etablierte Bands sehen zu können. Alles ist Event geworden, man geht hin, filmt Konzerte mit dem Smartphone und anschließend redet keiner mehr darüber.

Das klingt langweilig.

Smeets: Es ist ja auch öde! Wo bleiben die guten Songs, die weltumspannend zu „All You Need Is Love“ mahnen? Wenn der Nachwuchs gewinnversprechend agiert, wird er sofort von den globalen Entertainmentriesen mit Summen geködert, die ihn parieren lassen. Daraus kann keine Weiterentwicklung der Musik resultieren, sondern nur blanke Unterhaltung, die die Zuschauerköpfe nicht zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Musik anregt. Ich war in dieser Hinsicht immer auf die Reputation von Pinkpop bedacht. Heute müssen Menschen viel Geld für Konzerttickets bezahlen, sie werden so kontrolliert wie wenn man hinter jedem Charakter einen Terroristen vermutet. Mit Freiheit hat das nichts mehr zu tun. Musik soll einen aber frei fühlen lassen.

Vielleicht erzählen Sie das mal Mick Jagger, der mit seiner Band eigentlich nur noch auf Inkasso-Tour ist.

Smeets: Für den Stones-Auftritt bei Pinkpop 2014 zahlte ich viel Geld. Aber das war gut angelegt, denn Pinkpop war in dem Jahr ausverkauft, eine Menge Fans kamen, um die Stones zu sehen. Ich glaube nicht, dass die Band noch hohe Gagen braucht, aber vielleicht denken die Musiker am Lebensabend ihrer Karriere verstärkt darüber nach, ihren vielen Kindern und Ekelkindern reichlich Geld hinterlassen zu wollen.

Bedankten sich Bands wie die Rolling Stones bei Ihnen, wenn Sie sie buchten?

Smeets: Die meisten zeigten sich dankbar, ja. Auch die Stones. Mick Jagger war 1979 schon mal bei Pinkpop, allerdings nur hinter der Bühne. In dem Jahr trat der Reggae-Künstler Peter Tosh auf und Jagger sollte zum gemeinsamen Hit „Don’t Look Back“ auf die Bühne kommen. Es waren 50.000 Zuschauer auf dem Gelände in Geleen. Und eine Fernsehkamera. Die irritierte Jagger scheinbar dermaßen, dass er letztlich doch nicht auftrat. 2014 hatten die Stones, im Gegensatz zu Radiohead, die sich nur nach langen Überredungsversuchen filmen ließen, keine Probleme mit TV-Kameras.

Gibt es, abgesehen von den Pandemie-Beschränkungen, auch etwas Positives über die gegenwärtige Lage der Live-Kultur zu sagen?

Smeets: Ja, das Rauchen ist in Hallen verboten worden. Für einen wie mich, der nie rauchte, nie Drogen nahm und auch nie Alkohol trank, ist das eine Wohltat.

Und wonach greift der Popkultur-Wohltäter Jan Smeets heutzutage, wenn er es sich gutgehen lassen will?

Smeets: Zu einer hervorragenden Schallplatte.