Düren/Kerpen: Ein Ort verabschiedet sich von der Stille

Düren/Kerpen: Ein Ort verabschiedet sich von der Stille

Es ist still in Kerpen-Buir. Noch. Ein Vogel schimpft, der Wind weht die ersten Blätter von den Bäumen. Die knapp 4000 Bewohner wissen nicht genau, wie sich ihr Ort nächste Woche anhören wird, aber dass es lauter wird, das wissen sie.

Denn ab Mittwoch werden keine 50 Meter vom Ortsrand entfernt jeden Tag Zehntausende Autos und Laster vorbeirauschen. Die neue sechsspurige Trasse der A4 wird in Betrieb genommen. „Wir haben es nicht verhindern können“, sagt Gerhard Kern (70) von der Bürgerinitiative „Buirer für Buir“.

„Wir sind pünktlich fertig geworden“, sagt Werner Engels von Straßen.NRW, Leiter der Baumaßnahme. Fast exakt sechs Jahre nach dem ersten Spatenstich am 5. September 2008 werden kommenden Mittwoch gegen 13 Uhr die ersten Autos in Fahrtrichtung Köln über die neue Trasse kurz hinter Düren fahren. Nach der Freigabe, sagt Engels, machen die Arbeiter sich in der Gegenrichtung an die letzten paar Meter: Die komplett neu gebauten Trasse nach Aachen muss noch mit der dreispurig ausgebauten alten Trasse bei Niederzier-Ellen verbunden werden. Ist das geschehen, wird auch in dieser Richtung der Verkehr ab nächsten Samstag, 12 Uhr, über die neue A4 fließen.

170 Millionen Euro hat der Neu- und Ausbau der 17,6 Kilometer zwischen Düren und Kerpen gekostet — 18 Brücken, acht Amphibientunnel und eine „Grünbrücke“ für Wild inklusive. 170 Millionen sind 30 Prozent mehr als 2005 geschätzt. Engels erinnert zur Begründung an die Zeit der extremen Stahlpreise während der Bauzeit, an die über 7000 Jahre alte Siedlung aus der Bandkeramik, die bei Ellen gefunden wurde und die archäologischen Kosten verzehnfacht habe, an Regenrückhaltebecken, die größer werden mussten als geplant, und an den teureren Flüsterasphalt vor dem Ort Buir.

Hört man Gerhard Kern, haben die Buirer für Buir nicht das erreicht, was sie wollten: keine Autobahn. Hört man Engels, bekommen sie alles, was in Sachen Schallschutz möglich ist: Die Trasse wurde vor dem Ort mehr als zehn Meter tiefer gelegt. Zusätzlich stehen noch vier Meter hohe Lärmschutzwände an der Seite, ein Lärmschutzwall wurde aufgeschüttet, Flüsterasphalt verwendet und an jedem Haus sei — ausgehend von normalem Asphalt als Untergrund — gemessen worden, welche Lautstärke ankommt. Wo nötig, wurden Fenster oder sogar Dächer gedämmt, um die zulässigen Werte für Wohngebiete einzuhalten.

„Das mag ja alles gut gemeint sein“, sagt Kern. „Aber der kahle Lärmschutzwall bringt doch nix!“ Und die Autobahn ginge schon neben dem Ort wieder aufwärts. „Was tun die Leute da? Gasgeben!“

Die Buirer sind das Opfer einer Verkehrspolitik, die Hauptverkehrsadern nebeneinander führen möchte, damit möglichst wenige von Lärm belästigt werden. Die Buirer sind diese wenigen, an deren Ortsrand nun direkt nebeneinander die Bahnstrecke Aachen-Köln, die A4 und dann noch die Hambachbahn entlangfährt.

Sie bringt die Kohle aus dem Tagebau Hambach ins Kraftwerk. Und der Tagebau ist der eigentliche Grund dafür, dass die alte A4 verlegt werden musste. Und so ist der Widerstand der Buirer gegen die neue A4 immer auch ein Widerstand gegen den Tagebau gewesen. „Aber wir haben die Hoffnung aufgegeben, dass die Natur und die Menschen wichtiger sein könnten, als ein Unternehmensinteresse.“ Gerhard Kern klingt nicht mehr wütend, wenn er das sagt. Die Zeiten sind vorbei. Er hat einfach nur den Respekt verloren vor denen, die diese Entwicklung beschlossen haben.

Beim offiziellen Eröffnungsfestakt am kommenden Dienstag wollten die Buirer für Buir sprechen. Die geladenen Gäste, die an diesem Tag im Doppeldeckerbus oder E-Auto über die noch nicht eröffnete Piste fahren, sollten einfach nur wissen, wie viele Menschen auf der anderen Seite der Lärmschutzwand denken. Das sei ministeriell nicht gewünscht, sei ihnen gesagt worden. Jetzt wollen sie die ungehaltene Rede eines ungehaltenen Bürgers überreichen. Und am Montag werden sie sich symbolisch von der Stille in ihrem Ort verabschieden. Auf der Brücke zwischen Buir und Morschenich. So leise wird es wohl nie wieder sein.