Aachen: Ein neuer Manager leitet bald die Firma Grünenthal

Aachen: Ein neuer Manager leitet bald die Firma Grünenthal

Die Geschäftsführung des Aachener Pharmaunternehmens Grünenthal bekommt - wie von dieser Zeitung am 6. November exklusiv berichtet - einen neuen Vorsitzenden. Bestätigt wurde am Dienstag, dass der Geschäftsführende Gesellschafter Sebastian Wirtz auf eigenen Wunsch die Geschäftsführung verlassen hat.

Mit Brun-Hagen Hennerkes, dem Vorsitzenden des Beirates und des Aufsichtsrates der Grünenthal GmbH, sprach darüber unser Redakteur Bernd Mathieu.

Herr Professor Hennerkes, warum braucht die Firma Grünenthal eine neue Führung?

Hennerkes: Grünenthal braucht im Prinzip keine neue Führung, aber neue Führungsstrukturen. Darüber ist im Beirat seit eineinhalb Jahren diskutiert worden. Die Marktsituation zwingt uns, ernsthaft darüber nachzudenken, einen Vorsitzenden der Geschäftsführung, also einen Chief Executive Officer (CEO), zu bestellen.

Bedeutet dies, dass bislang die Entscheidungswege zu lang sind, um auf Marktveränderungen schnell reagieren zu können?

Hennerkes: Ein solches Unternehmen braucht einen Hauptgeschäftsführer, der Ressort übergreifende Kompetenzen in seiner Hand hat, da muss er der Koordinator sein können.

Welche Gefahren drohen Grünenthal denn konkret vom Markt?

Hennerkes: Gefahr ist sicherlich etwas übertrieben, aber es gibt eine verstärkte Konkurrenz. Blockbuster, also Medikamente mit mehr als einer Milliarde Dollar Umsatz pro Jahr, die für die großen Pharmakonzerne früher allein interessant waren, sterben immer mehr aus. Jetzt stürzen sie sich auf kleine Märkte - wie die von Grü- nenthal. Da muss man aufpassen.

Also sind im Familienunternehmen Grünenthal die Entscheidungswege zu lang?

Hennerkes: Grundsätzlich profitieren Familienunternehmen von der Kürze der Entscheidungen, erst wenn sie im Laufe der Jahre zu lang werden, müssen sie verkürzt werden.

Auf gut Deutsch: Solange es einen Patriarchen gibt, der schnell entscheidet, sind die Wege kurz.

Hennerkes: Ja, da haben Sie völlig Recht. Die Dinge laufen am besten unter einem Patriarchen mit Kompetenz, der muss allerdings dann auch rechtzeitig die Dinge regeln für die Zeit nach ihm! Und das heißt nicht, dass unbedingt ein Familienangehöriger sozusagen als Erbe sein Nachfolger wird. Jede Nachfolgeregelung, die Erfolg haben soll, muss von den Leistungsträgern im Unternehmen akzeptiert werden, sonst hat sie keinen Sinn.

War das nun speziell die Beschreibung des Beiratsvorsitzenden von Grünenthal oder generell die des Experten für Familienunternehmen?

Hennerkes: Das gilt für Grü- nenthal insofern, als wir die Führungsstruktur genau unter die Lupe genommen haben. Ich bin seit knapp zwei Jahren Beiratsvorsitzender und war schnell der Meinung, dass es für das Unternehmen sehr gut wäre, einen CEO zu haben.

Und einen externen?

Hennerkes: Ja, für mich war auch das klar. Ich habe das generell nicht immer so gesehen. Es gibt einige Unternehmen, zum Beispiel Wella, die folgende These vertreten: Familienangehörige sollten weder in der Geschäftsführung noch an einer anderen Stelle des Unternehmens irgendeine Funktion ausüben. Es kommt aus emotionalen Gründen zu oft zu Meinungsverschiedenheiten. Da geht es manchmal nur um den Dienstwagen, die Dienstreise oder die Bewirtung. Ein Unternehmen hat auf dem Personalmarkt genügend Zugriff auf ein Potenzial von Managern, die kompetente Lösungen ermöglichen.

Inzwischen neige ich dieser härteren Gangart eher zu, vor allem wenn die Familien zu groß werden. Bei Grünenthal gibt es im Gesellschafterkreis viele qualifizierte jüngere Leute, aber keiner drängt sich in die Geschäftsführung.

Sebastian Wirtz ist 2005 in die Geschäftsführung gekommen.

Hennerkes: Sebastian Wirtz hat auf eigenen Wunsch die Geschäftsführung verlassen.

Hat das Thema Contergan dabei eine Rolle gespielt?

Hennerkes: Offen und ehrlich gesagt: Es hat keine Rolle gespielt. Null. Die Gesellschafter waren und sind sich in dieser Frage einig.

Es gab keine Vorwürfe gegen Sebastian Wirtz, dass er als Erster ein Gespräch mit den Betroffenen geführt hat?

Hennerkes: Nein, es gibt solche Vorwürfe nicht. Und ich habe Sebastian Wirtz über die bloße Höflichkeitspflicht hinaus sehr ernsthaft und sehr intensiv für seinen Einsatz gedankt. Das war absolut so. Diskussionen gab es allenfalls darüber, wie man auf bestimmte Berichte und Artikel reagieren sollte.

Sie haben eben von einer veränderten Konkurrenzsituation gesprochen. Wie sehen Sie die Zukunft von Grünenthal?

Hennerkes: Sehr gut. Grünenthal ist so gut aufgestellt wie nur wenige, das betrifft die Produkte und vor allem auch die hoch qualifizierte Forschungsabteilung. Wir werden uns in Zukunft auf den Markt der Mittel im Schmerzbereich konzentrieren und das noch professioneller wahrnehmen, da liegt noch Potenzial. Alles andere wäre eine Vergeudung unserer Kräfte. Wir werden jetzt auch eine neue Strategie für unsere Öffentlichkeitsarbeit aufstellen. Wenn man den Namen Grünenthal hört, muss man doch nicht immer und einzig nur an Contergan denken, sondern auch an die Stärken, die Grünenthal ohne jeden Zweifel heute als modernes Unternehmen hat.

Gehen Sie davon aus, dass die übrigen Mitglieder in der Geschäftsführung bleiben werden?

Hennerkes: Ja, alle drei - Wolfgang Becker, Stefan Genten, Eric-Paul Paques - sind hoch qualifizierte Leute, die sich untereinander sehr gut verstehen.

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