Aachen: Ein Manifest gegen Tihange und Doel

Aachen: Ein Manifest gegen Tihange und Doel

Dass Tihange 2 vom Netz muss, ist keine neue Forderung — seit Jahren wünschen sich das Atomkraftgegner besonders in der Region Aachen und in Teilen Nordrhein-Westfalens. Aber am Freitag hat dies nicht irgendjemand gefordert, sondern ein Zusammenschluss renommierter Kernenergie-Experten.

Die internationale Vereinigung unabhängiger Nuklearexperten (Inrag) wendet sich keinesfalls generell gegen Kernenergie. Ihr Manifest gegen Tihange 2 und Doel 3, das sie am Freitag in Aachen vorstellten, hat daher eine andere Qualität.

Gregory Jaczko war von 2005 bis 2012 Leiter der US-amerikanischen Atomaufsichtsbehörde NRC und verantwortlich für knapp 100 Atommeiler. Auch der ehemalige Chef der deutschen Atomaufsicht Dieter Majer gehört Inrag an. Ihnen kann man nicht vorwerfen, pauschal gegen den Betrieb von Kernkraftwerken zu sein. „Das sind alles Schwergewichte, die haben schon mal im Ring gestanden“, sagt Physiker und Kernenergie-Experte Wolfgang Renneberg. „Wir wollen alternative Ansprechpartner für Politik und Entscheider sein“, sagt er und meint damit eine Alternative zu den Experten, die eng mit der Atomlobby verflochten sind.

Wie unabhängig beispielsweise der bald scheidende Leiter der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC, Jan Bens, überhaupt sein kann, wird immer wieder hinterfragt. Er war schließlich selbst beinahe sein gesamtes Berufsleben beim Betreiber der belgischen Akw Engie-Electrabel angestellt — und zuletzt Leiter der Anlage Doel. Auch deshalb hinterlässt die Bewertung der FANC, Tihange 2 und Doel 3 seien trotz der Tausenden Risse in den Reaktordruckbehältern sicher, einen faden Beigeschmack.

Eine, die diese These schon früh anzweifelte, ist Ilse Tweer. Anfangs habe ihr niemand geglaubt, sagt die Expertin im Bereich Stabilität der Reaktordruckbehälter von der Universität Wien. Aber das mache ihr nichts. „Jemand, der im System ist und in dem System Karriere machen will, kann sich nicht frei äußern“, sagte Tweer am Freitag. Sie hingegen sei alt und aus dem System raus. „Ich kann sagen, was ich will.“ Trotzdem sei es natürlich schön, dass sich inzwischen mehr Tihange-Kritiker — auch auf Expertenebene — gefunden haben.

Öffentlicher Diskurs von Nuklearlobby bestimmt

„Bei den meisten Konferenzen kostet allein die Teilnahme 15.000 Euro für jeden Experten, und darin sind noch nicht Kosten für die Anreise und die Übernachtung enthalten“, sagte Friederieke Fries vom Wiener Institut für Risikowissenschaften. Das könnten sich Experten der Kernkraftwerksbetreiber eher leisten als unabhängige Experten. Der öffentliche Diskurs sei deshalb von Experten der Nuklearlobby bestimmt.

Die Einschätzung der Inrag ist alarmierend. „Die Gefahr eines Versagens des Reaktordruckbehälters ist nach den vorliegenden Untersuchungen nicht praktisch ausgeschlossen“, heißt es in dem Manifest. Man könne den aktuellen Stand der Versprödung nicht mit Sicherheit beurteilen, sagte der derzeitige Inrag-Vorsitzende Nikolaus Müllner. Tatsächlich müsste man, um mit Sicherheit den Zustand des Materials zu bewerten, ein Originalstück untersuchen. Und vor allem hätte der Reaktor mit den jetzt entdeckten Rissen schon 1983 nicht in Betrieb gehen dürfen, „sofern diese Risse bereits bei der Herstellung vorhanden waren“. Solange der Sicherheitsnachweis nicht erbracht sei, müsse Tihange 2 dringend vom Netz. Und Doel 3 ohnehin, weil sich dort noch mehr Risse in den Reaktordruckbehältern befinden.

Bei der Bewertung darüber, ob die Risse in den Meilern gefährlich sind oder nicht, ist eine Frage entscheidend: Wann sind diese Fehlstellungen entstanden? Gab es sie von Anfang an, oder sind sie im Betrieb entstanden? Wäre das der Fall, bestünde die Gefahr, dass die Risse immer mehr werden.

Darüber streiten die Beteiligten in der Öffentlichkeit, seit die ersten Risse 2012 bei Ultraschalluntersuchungen entdeckt wurden. Die FANC hatte den Betreiber zu weiteren Untersuchungen verpflichtet, die Meiler waren zeitweise abgeschaltet. Die FANC erteilte dem Betreiber aber 2015 die Erlaubnis zum Wiederanfahren. Das kann Gregory Jaczko nicht nachvollziehen. „Ich hätte das nicht erlaubt und hätte mehr Druck ausgeübt“, sagte er am Freitag. Der ehemalige Leiter der US-Behörde wirft der FANC vor, nicht alles getan zu haben, um die Meiler sicherer zu machen. „Natürlich wäre es teuer und kompliziert, aber man muss zwingend herausfinden, ob die Risse wirklich Wasserstoffflocken sind“, sagte er. Das sei mehr eine Wahl als ein Fakt. „Es kann nur niemand eine andere sinnvolle Erklärung liefern.“

Fahrlässig und gefährlich nennt das der Amerikaner, der vor einem ernsten Unfall warnt, weil schon ein normaler Störfall zu einem erheblichen Unfall in Tihange und Doel führen könnte. „Ich kenne keine Reaktoren auf der Welt, die so viele Risse haben.“ Das unterschreiben Hunderte unabhängige Inrag-Experten.

Massive Manipulationen?

In Belgien versteht man die Aufregung nicht und fühlt sich seit Jahren bevormundet. Sowohl die zuständigen Minister Jan Jambon und Marie-Christine Marghem als auch die FANC und Engie-Electrabel halten die Meiler für sicher. Der Betreiber verfolgt die Theorie, dass die Risse keine Gefahr darstellten, weil sie sich schon beim Bau in der Stahlwand des Reaktordruckbehälters befanden. „Wir sind uns sicher, dass die Risse schon seit Beginn da waren und sich nicht vermehrt haben“, sagte Engie-Sprecherin Anne-Sophie Hugé unserer Zeitung. Man habe alle anderen potenziellen Ursachen ausgeschlossen. Interne Dokumente, die im September veröffentlicht wurden, belegen auch, dass es Risse von Beginn an gab.

Wenn man das annimmt, habe man den eigentlich noch größeren Skandal, sagte Physiker Wolfgang Renneberg, der für die Städteregion Aachen die Betroffenheitsstudie im Falle eines GAUs erstellt hat. Bei den Untersuchungen, die in den 80er Jahren vor der Erteilung der Genehmigung erfolgten, hätte man die Risse entdecken müssen, sind sich die Experten einig. Und dann hätten Tihange 2 und Doel 3 nie genehmigt werden dürfen. Zumindest nach deutschem Recht sei die Betriebserlaubnis damit rechtswidrig. Renneberg erhebt aber noch weitere dramatische Vorwürfe. Es habe damals massive Manipulationen bei der Genehmigung gegeben. „Wer weiß, was noch nicht einfach so abgesegnet wurde?“ Zumindest einen Genehmigungs-GAU sieht er schon jetzt.

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