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Aachen/Ahlen: Ein Leben zwischen Hörsaal und Hattrick

Aachen/Ahlen : Ein Leben zwischen Hörsaal und Hattrick

„Guten Tag, meine Herren, alles frisch?” Doch der Herr Professsor wartet im Hörsaal der Fachhochschule (FH) Aachen keine Antwort ab.

Bloß keine Zeit verlieren. Denn es geht heute unter anderem um „binominale Koeffizienten”. Horst Heinrichs hebt am Pult den Kopf: „Was sind das für Tierchen, damit wir sie beherrschen?”

In der Folge ist von „Flout C” oder von „N-Fakultät dividiert durch K-Fakultät” die Rede. Und der geneigte, nicht-studierende Zuhörer versteht so viel wie der binominale Koeffizient von der Abseitsregel.

In deren Welt scheint der Herr Professor allerdings auch habilitiert zu haben. „Hey, Schiri, der war in der Vorwärtsbewegung, Mann, Mann, oh Mann!”, mault Heinrichs in Block B des Ahlener Wersestadions, als sein Spieler Dennis Brinkmann beim jüngsten Auswärtsspiel der Alemannia umgesäbelt wird. Und Sekunden später federn seine 182 Körperzentimeter singend in die Höhe: „Steeeeht auf, wenn ihr Aaaaachner seid.” Aufgestanden ist auch Ehefrau Helga neben ihm.

Horst Heinrichs, ein Mann zwischen Hochschule und Hattrick, Seminaren und Skandalen, Flout C und Fouls. Ein Hoffnungsträger und Krisenmanager. Und einer, dem man blindlings einen Gebrauchtwagen abkaufen würde. Das war nicht immer so in den vorangegangenen Präsidenten- Epochen des Traditionsclubs vom Aachener Tivoli. Finanztricksereien der Vergangenheit, Kofferaffäre, präsidiale Cessna-Flüge zu Auswärtsspielen oder Barbesuche - abgehakt sind sie, die Herren der Vergangenheit, abgesehen von laufenden Gerichtsverfahren.

Heinrichs hat um sich herum mit Hans-Peter Appel, Carlo Soiron und Tim Hammer ein Team geformt, das selbst dann noch Glaubwürdigkeit verkörpert, wenn durchgeknallte „Fans” Bierbecher werfen und sich ein Spieler von seinem belgischen Hausarzt eine verbotene Substanz injizieren lässt. „Langfristig gesehen wollen wir unsere Strukturen als erster Fußballverein Deutschlands, wie in der Industrie üblich, mit DIN ISD 2000 zertifizieren lassen”, erklärt Heinrichs.

Und schreckt da auch nicht vor Details zurück. „Krause, guck mal hier”, schallt seine Stimme übers Gelände der Alemannia-Geschäftsstelle. Aus dem Kofferraum seines Mercedes hievt er 48 nagelartige Spoons für den Tivoli-Platzwart Horst Krause zum Durchlöchern und -lüften des Rasens: „Die habe ich in der FH-Werkstatt machen lassen, besseres Material, dreifache Lebensdauer, gleicher Preis.” Krause ist beeindruckt.

Die Stimmung in der Geschäftsstelle, ehedem im Abseits, ist spürbar positiv. „Das liegt sicher daran, dass inzwischen jeder seinen verantwortlichen Bereich hat; es kann nicht jeder alles machen. Und es ist wichtig, dass man seine Mitarbeiter an dem teilhaben lässt, was man selber tut”, sagt Heinrichs.

Eine Einschätzung, die seine Studenten teilen. „Der kann einen mitreißen”, meint einer. Und ein Kommilitone ergänzt: „Das ist kein Fachidiot, der legt auch keinen Wert auf Förmlichkeiten.”

Was auf Block B in Ahlen erst recht gilt. Sein schwarz-gelbes Blut ist in Wallung geraten. Gegen die Kälte hüpft Heinrichs federgleich wie ein Kind beim Seilspringen und unterstützt die 1200 mitgereisten Fans in der gesungenen Stakkato-Botschaft: „Spitz-en-rei-ter.” Direkt vor ihm die Aachener Trainerbank. Jörg Berger, mit unbewegter Miene, wechselt gegen Ende des Spiels George Mbwando ein. „Komm, George”, ruft Heinrichs, „mach et.” Noch fünf Minuten, der Professor vergräbt sein Gesicht in den Händen.

Jingle bells mit Profis

„Schnallen Sie sich an, wenn Sie mit dem Präsidenten das Spiel gucken”, hatte Sportdirektor Jörg Schmadtke zuvor gewarnt. Schlusspfiff. Von hinten haut der gesperrte Spieler Ivo Grlic dem Chef auf die Schulter: „Den Punkt können wir für das Spiel gegen Karlsruhe am Mittwoch gut gebrauchen.”

Doch vorher ist Weihnachtsfeier angesagt. Jingle bells mit Profis unter Tannengrün. „Das ist wichtig”, sagt Horst Heinrichs. „Auch dass deren Freundinnen mitkommen.” Und überhaupt: „Wir legen auch großen Wert darauf, dass die Spieler in Aachen wohnen.”

Wir-Gefühle in den Welten von Koeffizienten und Kickern. „Ich habe schon viele Präsidenten in meiner Laufbahn erlebt. Aber Horst Heinrichs hebt sich ab”, sagt Trainer Jörg Berger. Der Professor wiederum sieht sich „in Respekt, Anerkennung und Vertrauen” zu Berger verbunden. Und, „Spitz-en-rei-ter hin”, „hey Schi-ri” her: „Man sollte sich gerade im Haifischbecken Fußball nie die Ruhe verbieten lassen.”