„Brummi-Andi“ wieder vor Gericht: Ein Leben lang auf der schiefen Bahn

„Brummi-Andi“ wieder vor Gericht: Ein Leben lang auf der schiefen Bahn

Als der Angeklagte den Gerichtssaal betritt, bekleidet mit Mantel und Schal, versteckt er sich nicht hinter Aktendeckeln. Andreas Max Willi B. sucht offensiv den Blickkontakt zu den vielen Kameras und zu den Journalisten. Er hat darin eine gewisse Übung im Laufe seines Lebens erlangt.

Der Mann aus Monheim kennt sich in der Branche ganz gut aus, zu früheren Zeiten beschäftigte er zeitweise einen Manager für die Pressearbeit, Sender wie Sat.1 zahlten einst bis zu 20 000 Mark, um den „Brummi-Andi“ ins TV-Studio zu bekommen. Als jugendlicher Straftäter war er eine mediale Attraktion einiger Privatsender. „Viele haben mit mir Geld verdient“, sagt er heute.

Berühmt wurde er schon zu D-Mark-Zeiten, so lange ist er bereits Stammkunde bei Justitia. Er ist erst 33 Jahre alt, aber seine hochgradig kriminelle Karriere läuft schon seit fast 20 Jahren im Fokus der Öffentlichkeit. Die meiste Zeit davon – mehr als zehn Jahre – hat er im Gefängnis verbracht. Andreas B. besitzt die Biographie eines notorischen Straftäters. Der Staat wurde schon sehr früh aufmerksam auf ihn, geholfen hat es ihm nicht. Sein Leben ist nie in geordneten Bahnen verlaufen. Andreas B. ist mit großer Penetranz falsch abgebogen.

Staatliches Vorstrafenregister

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass das ohnehin schon stattliche Vorstrafenregister in den nächsten Wochen vor der 7. Großen Strafkammer des Aachener Landgerichts erweitert wird. 17 verschiedene Delikte mit 72 Punkten quer durch das gesamte Strafgesetzbuch hat Staatsanwältin Tanja Gülicher-Schmitt zusammengetragen. Fast eine halbe Stunde lang liest sie an diesem Donnerstag daraus vor, es geht um gefährliche und fahrlässige Körperverletzung, vollendete und versuchte Zwangsprostitution, Zuhälterei, Drogenhandel, Geldfälschung, Bedrohung, Beleidigung, Brandstiftung – und natürlich: Trunkenheit am Steuer, Unfallflucht und Fahren ohne Führerschein.

Es ist die Auflistung der Schreckensbilanz nur eines Jahres von Januar 2017 bis Januar 2018. Andreas B. sagt später aus, dass er diese Zeit wie durch einen Nebel wahrgenommen habe. Bis zu vier Flaschen Wodka, Amphetamine, Opiate oder Koks will er täglich konsumiert haben. Noch heute bezeichnet er sich als alkoholabhängig.

Der Angeklagte soll mehrere Frauen zur Prostitution gezwungen haben, das sind die gravierendsten Vorwürfe, die es nun vor Gericht zu klären gilt. Einer Frau soll er ein Messer ins Bein gerammt und Zähne ausgeschlagen haben. Einer Frau drohte er per Sprachnachricht, dass er ihrem Sohn den Kopf abschneiden wolle – so steht es in der Anklage. Ein anderes Mal soll er ihr zur Abschreckung ein Video eines anderen Mädchens geschickt haben, das er verprügelt hatte.

Dutzende Male soll er eine der jungen Frauen, die er gefügig gemacht haben soll, zu Freiern gefahren haben – ohne Fahrerlaubnis. Einen Führerschein hat er nie gemacht, ein paar Mal hat er den Versuch gestartet. Weil sich viele der angeklagten Straftaten in der Region ereignet haben sollen, deswegen wird vor dem Landgericht in Aachen zunächst an zehn Prozesstagen bis Mitte November verhandelt.

Im August 2016 war Andreas B. zum vorerst letzten Mal aus dem Gefängnis entlassen worden, wieder nur für kurze Zeit. Seit seiner erneuten Festnahme Anfang Februar 2018 wartet er in der Aachener Justizvollzugsanstalt auf seinen nächsten Prozess, der nun begonnen hat.

Aktenberg: 72 Fälle muss die 7. Große Strafkammer in den nächsten Wochen klären. Foto: dmp/Dagmar Meyer-Roeger

In solchen Strafverfahren bekommen Angeklagte am Anfang die Möglichkeit eingeräumt, zunächst ihr Leben auszubreiten. Ohne Umschweife berichtet also Andreas B. davon, wie er schnell auf die schiefe Bahn geraten ist. „Hyperaktivität und Verhaltensauffälligkeit“ werden schon in der Grundschule festgestellt. Die alkoholkranke Mutter verlässt ihren Mann und ihren Sohn Andreas, als dieser neun Jahre alt war. Auf Initiative des Jugendamtes kommt er in ein evangelisches Kinderheim in Hilden.

Der Vater torpediert das Projekt, lehnt eine Zusammenarbeit ab, erinnert sich Hans Delcuve, der heute noch die Einrichtung leitet. Andreas verweigert sich pädagogischen Maßnahmen – immer unterstützt von seinem Vater, der nun die wichtigste Bezugsperson ist. „Er war unglaublich schwer zu lenken“, erinnert sich Delcuve. „Sein Vater hat immer dagegen gesteuert.“ Nach einem knappen Jahr verlässt Andreas das Kinderheim wieder. Er rutscht früh ab, mit elf beginnt er zu stehlen, zeitweise lebt er auf der Straße, in Heimen, nimmt Drogen. Wenn es Stress gibt, haut er regelmäßig ab, erzählt er der Kammer. Das ist sein Reflex. Das Sorgerecht wechselt zwischen den Eltern, sie sind überfordert, berichtet er im Rückblick. Seit 1997 entwendet er Fahrzeuge, erst Fahrräder, Mofas, Motorräder, dann Autos und Lastwagen.

Polizist stirbt nach Crash

Als er noch jung ist, macht der Boulevard aus Andreas B. den „Brummi-Andi“. Die Verniedlichung klingt fast harmlos – nach einem kleinen Jungen in seinem Spielzimmer. Die Wahrheit ist brutal. Er ist erst 13 Jahre alt, als er den 40-Tonner seines Vaters klaut. Er habe damit zu seiner Mutter fahren wollen, sagt er später. Nach einer Verfolgungsjagd wird er geschnappt. In den Zeitungen stehen damals viele Geschichten über das „jüngste Crash-Kid der Republik“.

Sein Vater, ein Lastwagenfahrer, bringt dem Jungen früh das Fahren auf privaten Grundstücken bei. „Die Liebe zu Autos war die einzige Verbindung zwischen uns“, sagt er. Die Abmachung zwischen Vater und Sohn, dass nicht auf der Straße gefahren wird, hat nur ein paar Monate Bestand.

„Brummi-Andi“ klaut notorisch weiter Autos und Trucks. Ein Besserungsaufenthalt auf der Kanareninsel Gomera fruchtet nicht, er entwendet der Betreuerin ein Auto, dann schnappt er sich ein Boot und haut mal wieder ab. Die Schlagzeilen gehören ihm wochenlang.

Vorsitzender ist Richter Jürgen Beneking. Foto: dmp/Dagmar Meyer-Roeger

Ein paar Monate später, am 24. März 2000, ist er wieder mit einem gestohlenen Lastwagen unterwegs. Er ist erst 14 Jahre alt, aber mit gestohlenen schweren Fahrzeugen hat der Autodieb schon einige tausend Kilometer abgespult. Diese Tour endet dramatisch: Er durchbricht eine Kontrolle zwischen Eindhoven und Venlo und überfährt den Polizisten Tom Kusters, 35. Der zweifache Vater stirbt.

Andreas B. steht nach Angaben der Polizei bei der 30-stündigen Amokfahrt unter Drogeneinfluss. Vor dem Landgericht Düsseldorf erhält er 2001 eine vierjährige Jugendstrafe, drei weitere Jahre kommen dazu, nachdem er einen Mithäftling vergewaltigt hat. Im Gefängnis schafft er einen guten Hauptschulabschluss, beginnt eine Lehre zum Kfz-Mechatroniker, die er als bester Prüfling im Rhein-Sieg-Kreis abschließt.

„Das gehört zu den wenigen positiven Erlebnissen in meinem Leben“, sagt er. Andreas B. erhält seine nächste Chance. Der 19-Jährige wird wegen guter Führung zweieinhalb Jahre vor Ablauf seiner Haftstrafe auf freien Fuß gesetzt. Er schwört – nicht zum ersten Mal – Läuterung, auch als er Vater einer Tochter wird. Eine zweite Tochter wird geboren, die Beziehung scheitert, inzwischen ist das Paar geschieden. Der Kontakt ist schwierig.

Seine Kölner Anwältin Petra Eßer und ihr Mann verteidigen ihn schon sein halbes Leben lang, sie duzt den Mandanten. Sie hat keine Erklärung, warum er „nicht die Hände nimmt, die ihm oft gereicht werden. Das weiß er nicht mal selbst.“ Das könne allenfalls ein Psychologe herausfinden.

Dokumentation im WDR

Der WDR sendet im Mai 2010 eine Dokumentation über den Serienstraftäter. „Leben vor die Wand gefahren“ ist der Titel des 45-minütigen Beitrags. Die Autoren versehen den Titel mit einem Fragezeichen. Inzwischen kann man feststellen, dass aus dem Fragezeichen ein Ausrufezeichen geworden ist – unabhängig vom Ausgang des aktuellen Prozesses. In dem Film gibt es eine Rückblende. Andreas ist 13 Jahre alt, als er in die Kamera spricht: „Ich habe mich jetzt unter Kontrolle.“ „Quatsch“, sagt er acht Jahre später in der Dokumentation, als er die Bilder von damals sieht. „Ich war wie ein kleines Pulverfass. Ein Funken, und ich bin explodiert. Ich war sehr aggressiv, nach der Devise: Bevor mich einer kaputt macht, mach ich den kaputt.“ Als der Film im Abendprogramm läuft, hat der Straftäter bereits acht Jahre hinter Gittern verbracht.

Die Reportage wird intensiv öffentlich diskutiert, viele Rückmeldungen sind kritisch, weil Andreas B. kaum den Eindruck eines reumütigen Sünders macht. Warum bekommt so einer dieses Forum geboten, lautet ein Vorwurf in Richtung Rundfunk. Andreas B. ist damals 24 Jahre alt, Familienvater, dem die erneute Rückkehr ins Gefängnis droht, weil er mal wieder ohne Führerschein unterwegs war und einen Nebenbuhler mit einem Warndreieck zusammengeschlagen haben soll. Wieder einmal steht er am Scheideweg. Und wieder erwischt er nicht die richtige Ausfahrt.

Wird er jemals in seinem Leben die richtige Ausfahrt nehmen? Nimmt man seine kriminelle Karriere zum Maßstab, deutet nicht viel darauf hin. Die Frage der Perspektive und der Prognose muss auch in diesem Verfahren geklärt werden.

Als ihn der Vorsitzende Richter Jürgen Beneking nach seiner Vergangenheit befragt, spricht er davon, dass „die Weichen denkbar schlecht gestellt waren. Auf das Kind wurde keine Rücksicht genommen.“ Aber klar: „Es ist viel Scheiße passiert.“

Als sich der Richter nach Zielen erkundigt, kommt die Antwort schleppend. Andreas B. kaut auf seiner Lippe, dann sagt er schließlich. „Wenn ich träumen darf, dann möchte ich es schaffen, wieder einen Kontakt mit meinen Kindern aufzubauen.“

In dem Verfahren droht ihm neben der absehbar nächsten Freiheitsstrafe nun die Sicherungsverwahrung. Mit dieser Maßnahme will sich die Allgemeinheit vor Menschen schützen, von denen eine „hochgradige Gefahr“ ausgeht. Und die keine gute Prognose haben. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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