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Region: Ein Leben für Pinkpop: Jan Smeets, der Festival-Organisator

Region : Ein Leben für Pinkpop: Jan Smeets, der Festival-Organisator

Die Geschichte von Pinkpop, heute das älteste kontinuierlich veranstaltete Festival der Welt — beginnt im Jahr 1970 — mit Idealismus und einem Budget von 10.000 Gulden, erinnert sich Jan Smeets. Heute hat der 71-Jährige mit ganz anderen Summen zu tun, wenn er Künstler und Bands wie Paul McCartney, Rammstein und Red Hot Chili Peppers in die Region holt. Im Interview berichtet der gebürtige Limburger von großen Momenten, die er als Verantwortlicher von Pinkpop erlebt hat — dabei spart er auch schwierige Zeiten nicht aus.

Jan Smeets, haben Sie jemals davon geträumt, ein Rockstar zu sein?

Jan Smeets: Nein, nicht wirklich. Warum fragen Sie?

Weil Sie auf dem Pinkpop-Festival seit Jahren gefeiert werden, wenn Sie auf die Bühne treten. Und junge Frauen wollen Selfie-Fotos mit Ihnen machen.

Smeets: Das stimmt, aber ich habe das nie erwartet oder forciert. Vielleicht mögen es die Leute, dass da ein normaler Typ aus Südlimburg steht, der das Festival von Herzen liebt und kein durchgestylter Manager. Was die Selfies angeht: Das ist schon lustig. Es wird jedes Jahr mehr. So sind die Zeiten eben. Ich wehre mich nicht dagegen (lacht). Ich sage dann immer: Überleg mal, Deine Oma könnte mich auch schon gekannt haben. Mittlerweile kommen drei Generationen zum Festival.

Sind Sie heute noch persönlich hinter Künstlern her, die Sie gern beim Festival haben wollen?

Smeets: Nein, das mache ich schon seit 1986 nicht mehr. Damals bin ich eine Kooperation mit der niederländischen Agentur Mojo eingegangen, die seitdem den Großteil des Programms organisiert. Ich hatte keine Lust mehr, in irgendwelchen Büros herumzusitzen und bei einer Tasse schlechtem Kaffee oder Tee auf Künstleragenten zu warten. Die Entscheidung war aber auch richtig, um das Festival überhaupt am Leben zu erhalten.

War das der Moment, als Sie vom Liebhaber zum Unternehmer geworden sind?

Smeets: Das kann man vielleicht so sagen, ja. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Strukturen professioneller. Das Festival im Jahr 1985 war ein Flop, wir hatten ein furchtbares Programm und haben viel Geld verloren. Damals stand eine Stiftung hinter dem Festival, die Mitglieder haben gesagt: Smeets, wir gehen nicht noch einmal so ein Risiko ein — und dann haben sie mir ihre Anteile an der Stiftung für einen Gulden verkauft. Ich bin dann das Risiko eingegangen und habe mit der Agentur Mojo einen neuen Versuch gewagt. 1986 kamen wieder 50.000 Besucher, auch weil wir diesmal auf jüngere angesagte Bands gesetzt haben. Aber ein Liebhaber bin ich doch immer geblieben.

Das Festival hat sich seitdem prächtig entwickelt. Die ehemaligen Kollegen werden sich geärgert haben.

Smeets: Ich habe das Risiko auf mich genommen, die anderen haben auf Sicherheit gesetzt. Im Rückblick gab es aber kein böses Blut. Der eine oder andere wird sich sicher geärgert haben. Was mich mehr belastet, ist die Tatsache, dass einige von den alten Weggefährten schon gestorben sind, aber das ist ein anderes Thema.

Sie haben 1970 mit einem Budget von 10.000 Gulden angefangen. Von welchen Beträgen reden wir heute?

Smeets: Die Band Yes hat damals übrigens 2750 Gulden bekommen (lacht). 2016 haben wir acht Millionen Euro zur Verfügung. Das ist noch so eine Entwicklung: Wir dürfen uns kein Risiko mehr leisten, wenn wir überleben wollen. Schwache Jahre lassen sich schwer kompensieren. Das bedeutet: Seit dem schwierigen Jahr 2005 mit 20.000 Besuchern setzen wir auf große Namen als Headliner, die den Vorverkauf ankurbeln und so für mehr Planungssicherheit sorgen. Mittlerweile sage ich: Wir holen die betreffende Band oder den Solokünstler, egal was sie auch kostet — aber nicht, weil ich größenwahnsinnig bin. Seitdem waren wir bis auf ein Jahr immer ausverkauft. Die schlimmste Zeit des Jahres ist übrigens die der ersten Tage des Vorverkaufs. Da entscheidet sich: Haben wir alles richtig gemacht, die richtigen Acts geholt? Das ist übrigens bei allen so, ob Rock am Ring oder sonstwo...

Von „Ich will“ zu „Ich muss“ — ist dem Musikfan in Ihnen über die Jahre nicht etwas verloren gegangen?

Smeets: Ach nein, außerdem gibt es noch genug Sachen, die mir gefallen und die ich guten Gewissens auf dem Festival sehe. Außerdem habe ich ein Vetorecht, ich kann also sagen: Das will ich nicht.

Gab es in den schwierigen Zeiten einen Moment, an dem Sie gerne alles hingeschmissen hätten?

Smeets: Nein, nicht wirklich. Ich liebe das alles viel zu sehr. Da müsste schon Schlimmeres passieren. Pinkpop gehört zu meinem Leben. Und es hat ja bisher auch immer funktioniert. Warum also etwas anders machen? Ich glaube aber mittlerweile, dass mein Leben in der Hauptsache auf Zufällen basiert (lacht).

Wenn alle Veranstalter die Verpflichtung haben, große Namen zu buchen, ergibt sich zwangsläufig Konkurrenzkampf. Wie bestehen Sie da?

Smeets: Man braucht natürlich die richtigen Verbindungen, ohne Connections läuft nichts. Und man braucht Leute, die einem Gerücht nachgehen können, sobald es aufkommt.Nehmen wir ein aktuelles Beispiel aus diesem Jahr: Leon Ramakers, mein Partner bei der Agentur Mojo, hört davon, dass Paul McCartney eine kleine Tournee plant. Er weiß genau, wen er in den USA anrufen muss, um mit im Rennen zu sein. Leon hat auch Bruce Springsteen zu Pinkpop geholt, er kann die richtigen Knöpfe drücken.

Das Festival findet seit 1988 auf der ehemaligen Trabrennbahn in Landgraaf statt, zuvor in Sittard-Geleen. Was hat Sie damals zum Umzug bewogen?

Smeets: 1987 wäre im Sportpark Geleen kein Festival möglich gewesen. Da ich nicht unterbrechen wollte, sind wir in diesem Jahr nach Baarlo nördlich von Roermond ausgewichen. 1988 hat sich das mit Landgraaf ergeben, wieder so ein Zufall in meinem Leben. 1995 habe ich das Gelände günstig gekauft, nachdem die Rennbahn fast pleite war — die Gemeinde Landgraaf freut sich bis heute dass ich das Gelände gekauft habe.

War das Ihr größter Coup — ein eigenes Gelände für das Festival zu kaufen?

Smeets: Vielleicht ja. Aber ich denke lieber an die feinen Künstler, die wir beim Festival hatten.

An wen denken Sie dabei?

Smeets: Zuerst an Bruce Springsteen und seinen Auftritt bei der 40. Ausgabe. Da hat alles gepasst. Es war das erste Mal, dass der „Boss“ auf einem Festival mit gemischtem Publikum gespielt hat. Auch da war mein Freund Leon Ramakers zur richtigen Zeit präsent, hat beim Management gebohrt. Am Ende hat er bei Pinkpop und in England beim Glastonbury-Festival gespielt.

Glauben Sie, dass Künstler vom Status eines Bruce Springsteen sich darüber unterhalten, wo ein Auftritt lohnt?

Smeets: Ich glaube es nicht nur, ich weiß es! Bruce Springsteen und Paul McCartney haben sich in London unterhalten — und jetzt spielt
Paul McCartney hier. Ich war nicht dabei, aber so wurde es mir berichtet (lacht). Jedenfalls stehen auf seinem Tournee-Kalender an Festivals nur Pinkpop und Rock Werchter, abgesehen von seinen Solo-Festivals.

Punkt für Pinkpop. Fühlt sich gut an, oder?

Smeets: Oh ja, fabelhaft.

Eine Frage, die Rockfans in der Region beschäftigt: Was macht Lionel Richie bei Pinkpop 2016?

Smeets: Lionel Richie ist beim selben Management wie Paul McCartney. Muss ich noch mehr sagen? Das bedeutet vereinfacht: Entweder beide oder keinen. Und wenn ich Paul McCartney bekommen kann, dann nehme ich eben auch Lionel Richie dazu...

...der sonst eher nicht auf Ihrem Wunschzettel stehen würde?

Smeets: Ja, stimmt. Da bin ich ehrlich. Aber damit bin ich zufrieden. Klar gibt es Leute, die mir einen Vogel zeigen. Aber ich habe doch recht mit der Entscheidung: Der Vorverkauf ist fantastisch gelaufen. Ich sage: Leute, ich liebe Euch, aber keiner wird gezwungen, bei jedem Auftritt hinzuschauen...

Wie lange machen Sie den Job noch?

Smeets: Ich habe mir kein Limit gesetzt. Wie gesagt, man wächst mit diesem Leben zusammen, da kann man nicht einfach aufhören. Vielleicht mache ich weiter, bis ich umfalle. Sterben auf der Bühne, so wie der Komiker Tommy Cooper, das wäre was. Ich bin nicht süchtig nach Applaus, dieser Umstand befähigt mich zumindest, irgendwann nicht mehr auf die Bühne gehen zu müssen (lacht).