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Zum Tod von Philipp Moll: Ein Leben für die Technologie des Nähens

Zum Tod von Philipp Moll : Ein Leben für die Technologie des Nähens

Am 10. April 2020 verstarb Philipp Moll, Visionär und Konstrukteur richtungweisender Nähtechnologie, im Alter von 90 Jahren an seinem Geburtsort und dem Zentrum seiner Wirkungsstätte in Aachen.

Der Fokus seines Wirkens war über mehr als 50 engagierte Berufsjahre hinweg der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit für die Bekleidungsindustrie und anderer nähender Industriesparten.

Philipp Moll ist nicht nur der Vater des dreidimensionalen Nähprozesses, der heute die automatisierte Verarbeitung biegeschlaffer Materialien ermöglicht: Die Bekleidungsindustrie verdankt dem Inhaber von mehr als 100 Patenten auch eine Vielzahl von innovativen Betriebsmitteln zur erheblichen Prozessverbesserungen – und damit zur Qualitätssicherung und Kostensenkung.

Eine Vielzahl von Aggregaten aus seinen Konstruktionsbüros, zuletzt der Moll Automatische Nähsysteme GmbH in Alsdorf, haben längst als Standard weltweit Einzug in die bekleidungsfertigende Industrie gefunden. Darunter der Rollpikierautomat, der Rundtisch zum Vornähen und Beschneiden von Kleinteilen, Vorschubeinrichtungen (Indexer) und Peripherie zur Handhabung komplexer Nähvorgänge wie beispielsweise der Knopflochverarbeitung.

Mit dem Textilstandort Aachen eng vernetzt, kennzeichnete sein erfolgreiches Wirken über Jahrzehnte die fruchtbare Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen, dem Institut für Textiltechnik und dem Universitätsklinikum.

Als Mitbegründer und jahrzehntelanger Vorstandsvorsitzender des Instituts für Nähtechnik sicherte er überdies die Weiterentwicklung von Innovationen in der Forschung - in Zeiten, in denen die Bekleidungsindustrie als Wirtschaftsfaktor in der Bundesrepublik und auf europäischer Ebene noch eine Lobby hatte.

„Weitere Automatisierung auch der Nähprozesse ist die einzige Überlebenschance der deutschen und auch zumindest der westeuropäischen Bekleidungsindustrie“, sagte Philipp Moll in einem Interview-Artikel mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das war 1995. Später sollte er den Beweis antreten, dass auch für biegeschlaffe Materialien der Fügevorgang zweidimensionaler Schnittteile zu dreidimensionalen Hüllen sehr wohl (Roboter)-automatisiert und Prozess-integriert möglich ist. Was inzwischen vor dem Durchbruch für die industrieweite Anwendung steht, hatte er bereits Mitte der 90er Jahre ermöglicht und zur Marktreife gebracht. Zum ersten Einsatz kam der Prozess in der Automobilzuliefer-Industrie: für die Fertigung von Kopfstützen- und Sitzbezügen.

Sein Traum, die endgültige Abwanderung des Großteils der Bekleidungsfertigung nach Fernost zu verhindern, konnte jedoch nicht verwirklicht werden. Moll teilte das Schicksal wahrer Visionäre, mit seiner Idee und Pionierarbeit einfach zu früh dran zu sein: Denn obwohl der Antrag für das Zukunftsprogramm „Produktion 2000“ mit finanzieller Unterstützung des Bundes sowie mit Entwicklungspartnern aller involvierten Disziplinen ins Leben gerufen wurde, kam dieses Projekt zu spät. Der Mainstream zur Abwanderung in Länder mit konkurrenzlos niedrigen Arbeitskosten war schon zu weit fortgeschritten. Zudem befand sich die Nähmaschinenindustrie weltweit bereits tief in der Krise und war weit davon entfernt, in die breite Vermarktung revolutionärer Lösungen zu investieren.

Seinen Platz als technologischer Revolutionär in den Geschichtsbüchern hat er dennoch mit seinem richtungsweisenden Ansatz für das Roboter-gestützte Nähen im Sphärischen entlang eines Formkörpers gesichert. Seine andere spektakuläre Entwicklung – die „chirurgische Nähmaschine“ – schaffte in der Medizintechnik Voraussetzungen, um Leben zu retten: Molls Prototyp optimiert den post-operativen Nähvorgang am Menschen. Damit entsteht eine Option zur erheblichen Verkürzung von OP-/Narkosezeiten, die letztlich auch das endoskopische Nähen ermöglichte.

Über die Jahrzehnte seines Wirkens teilte Philipp Moll auf Kongressen und Tagungen in Europa, Asien und Nordamerika die Ergebnisse seiner Arbeit und seinen Innovationsgeist mit der Fachwelt. Auf seinen Reisen verfolgte er stets internationale Technologietrends und Entwicklungen. Mit über 80 Jahren veröffentlichte der Vater von fünf Kindern im Jahr 2015 sein Buch „Ein Leben für die Nähmaschine“.

„‚Philosophie’– hätte ich ohne Zögern geantwortet, wenn mich nach dem Krieg jemand gefragt hätte, was ich studieren möchte", lautete einmal seine Antwort in einem Interview. Und dennoch, es war „das Wissenwollen, warum“, das seinen Lebensweg prägte. Gerne hätten wir noch mit ihm weiter diskutiert - über Chancen, aber auch Herausforderungen für die globale Welt mit der heute greifbar nahen, breiten Anwendung automatisierten 3D-Nähens.