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Präsident des Bundes Deutscher Karneval: „Ein Landesvater hat auch gegenüber den Vereinen eine Verpflichtung“

Präsident des Bundes Deutscher Karneval : „Ein Landesvater hat auch gegenüber den Vereinen eine Verpflichtung“

Wie genau die Karnevalssession unter Corona-Bedingungen aussehen wird, ist noch unklar. Klaus-Ludwig Fess, Präsident des Bundes Deutscher Karneval, kritisiert im Interview mit unserer Zeitung einen „kontraproduktiven Kommentar“ von Armin Laschet, der zu „viel unnötiger Verunsicherung“ geführt habe.

Von Klaus-Ludwig Fess ist Mitte Februar in Aachen ein Foto erschienen, nachdem der Oecher Storm den Präsidenten des Bundes Deutscher Karneval (BDK) zum Korps Attaché ernannt hatte. Das Bild entstand hoch über den Dächern der Domstadt auf einer Hotelterrasse, es war das Wochenende, an dem Armin Laschet in Aachen zum „Ritter wider den tierischen Ernst“ geschlagen wurde. Zu sehen sind auf dem Foto neben Fess, dessen Ehefrau Petra viele Aachener Karnevalisten. Dicht nebeneinander, maskenlos.

Herr Fess, das Bild in Aachen entstand ein paar Tage vor Altweiber-Donnerstag in Aachen. War damals die Welt der Karnevalisten noch in Ordnung?

Fess: Damals war Corona wirklich noch weit weg. Es tauchte erst ein paar Tage später in unserem Alltag auf.

Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten: Der Oecher Storm hat Klaus-Ludwig Fess (Mitte) in diesem Jahr zum Korps Attaché ernannt. Zu dieser Ehrung begleiteten ihn neben Ehefrau Petra auch die Verbandspräsidenten Frank Prömpeler (Aachen, 2.v.l.), Michael Bartz (Stolberg, 3.v.l.) und Hans-Josef Bülles (Grenzland, 2.v.r.). Storm-Kommandant Bernd Schaefer (links) überreichte Fess – assistiert von Markus Vorhagen (rechts) die blau-goldene Feldmütze sowie die Ernennungsurkunde.
Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten: Der Oecher Storm hat Klaus-Ludwig Fess (Mitte) in diesem Jahr zum Korps Attaché ernannt. Zu dieser Ehrung begleiteten ihn neben Ehefrau Petra auch die Verbandspräsidenten Frank Prömpeler (Aachen, 2.v.l.), Michael Bartz (Stolberg, 3.v.l.) und Hans-Josef Bülles (Grenzland, 2.v.r.). Storm-Kommandant Bernd Schaefer (links) überreichte Fess – assistiert von Markus Vorhagen (rechts) die blau-goldene Feldmütze sowie die Ernennungsurkunde. Foto: Öcher Storm/Sascha Mueller

Verfolgen Sie seitdem intensiv die Forschungsergebnisse der Epidemologen und Virologen?

Fess: In der Tat, deren Erkenntnisse sind für uns relevant. Wir haben auch schon den Kontakt zum Präsidenten des Robert-Koch-Instituts gesucht. Unser Verband betreut ja auch den karnevalistischen Tanzsport, und da stehen ab dem Spätherbst viele Qualifikationsturniere an. Im März münden diese in die Deutschen Meisterschaften im karnevalistischen Tanzsport in der Kölner Lanxess Arena. Würden wir sie eigenmächtig absagen, rechnen wir mit bis zu 300.000 Euro Kosten nur für diese Veranstaltung.

Jetzt ist der Frohsinn nicht mehr planbar. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hat schon mal fürs Protokoll festgehalten: „Draußen, Straßenkarneval, Infektionsübertragungszeit, Alkohol, Enge, das passt nicht in diese Zeit.“ Das klingt wie eine frühzeitige Absage des Straßenkarnevals.

Fess: Seine Aussage hat mich schon sehr verwundert. Vielleicht hat er sie unter dem Eindruck der vielen Infizierten in einer westfälischen Großschlachterei getroffen. Bislang dachte ich, dass Armin Laschet nicht nur gerne Karneval feiert. Er war auch einer der Ministerpräsidenten, der sich schon frühzeitig im April wieder für Lockerungen eingesetzt hat. Im Endeffekt hat Laschet jetzt nichts abgesagt oder sogar verboten, sondern er hat nur einen kontraproduktiven Kommentar abgegeben, der zu viel unnötiger Verunsicherung führt. Die Regionalverbände des BDK aus Köln, Düsseldorf, Bonn und Aachen stehen bereits im Gespräch mit der Staatskanzlei NRW, hier soll ein Konzept erarbeitet werden wie unter Corona-Bedingungen die Session am 11.11. eröffnet werden könnte.

Karneval bedeutet Schunkeln, Singen, Lachen, Anstoßen, vielleicht auch Tuchfühlung. Wie soll das noch möglich sein?

Fess: Stand heute lässt sich Karneval wie wir ihn seit Jahrzehnten kennen, nicht wie früher vorstellen. Aber wir sind uns im BDK mit allen Landes- und Regionalverbänden einig, dass wir nicht flächendeckend die Session absagen wollen. Es gibt regionale Vorgaben, die Bundesländer oder auch Bürgermeister/Landräte reagieren unterschiedlich. Wir überlassen es deswegen lieber den Vereinen, ob sie Veranstaltungen generell absagen, oder sie verändern. Die Sicherheit der Aktiven und Besucher steht natürlich im Vordergrund. Es wird in der kommenden Session keine Großveranstaltungen, wie wir sie kennen, geben können, deswegen müssen wir Alternativen entwickeln.

Passt denn „Drinnen, Alkohol, Enge in unsere Zeit“, um noch einmal an den aktuellen Ordensritter zu erinnern? Denken Sie wirklich, dass sich Saalveranstaltungen mit Hygienekonzepten durchführen lassen?

Fess: Ja, es wird anders, wenn wir Hygiene- Raum- und Lüftungskonzepte umsetzen müssen. Wir werden dann nicht mehr die Besucherzahlen, die wir alle gewohnt sind haben können. Wir werden eine andere Session erleben, wenn sich die Vereine dazu entscheiden, in die Säle einzuladen. Wir kommen ein bisschen zu den Ursprüngen zurück, das finde ich auch nicht verkehrt. Es wird kleiner, aber vielleicht auch ursprünglicher werden.

Abstand ist der neue Alltag. Können Narrensitzungen so rentabel und stimmungsvoll sein?

Fess: Es gibt verschiedene Blickwinkel: Bei 95 Prozent unserer Mitgliedsvereine und –verbände wird alles ehrenamtlich organisiert. Sie müssen sich die Frage beantworten, ob Veranstaltungen mit eingeschränktem Publikumszuspruch rentabel oder existenzgefährdend sind. Die Gesundheits-Situation ist dynamisch, weil sich Vorgaben permanent ändern. Wir können nicht vorhersagen, wie es im November aussieht. Aktuell wären mehr Besucher zugelassen als noch vor ein paar Wochen. Niemand kann Garantien für Veranstaltungen geben. Es kann auch immer einen Terrorakt geben, auch das haben wir lernen müssen.

 Wie wird in diesem Jahr Karneval gefeiert? „Draußen, Straßenkarneval, Infektionsübertragungszeit, Alkohol, Enge - das passt nicht in diese Zeit“, sagte jüngst NRW-Ministerpräsident Armin Laschet.
Wie wird in diesem Jahr Karneval gefeiert? „Draußen, Straßenkarneval, Infektionsübertragungszeit, Alkohol, Enge - das passt nicht in diese Zeit“, sagte jüngst NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Das Coronavirus hat sich intensiv ausgebreitet, weil viele Menschen in einer Aprés-Ski-Bar in Ischgl oder bei Karnevalsveranstaltung in Gangelt zusammen gefeiert haben. Ist das nicht Hinweis genug, dass in geschlossenen Räumen mit schlechter Luftzirkulation auch das Virus gerne mitfeiert?

Fess: In Bayern war ein Starkbierfest der Auslöser, in Berlin waren es Tanzveranstaltungen in Klubs. Wir reagieren ein bisschen allergisch darauf, dass der Karneval als der große Corona-Auslöser abgestempelt wird.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Verbreitung und dem Alkohol.

Fess: Alkoholexzesse haben nichts mit dem Wesen des Karnevals zu tun, in dieser Zeit sind sie noch kontraproduktiver. Immer dort, wo es viele Menschen unter Alkoholeinfluss gibt, wie wir es gerade auf Mallorca beobachtet haben, werden Vorgaben enthemmt ignoriert. Das müssen wir sehen. Ich könnte mir deswegen auch vorstellen, dass es draußen alkoholfreie Feste in kleineren Gruppen geben könnte. Und es bleibt ja freiwillig, an unseren Veranstaltungen teilzunehmen. Es ist ein Angebot, viele Menschen haben nach wochenlanger Zurückhaltung vielleicht wieder Lust auf ein bisschen Zerstreuung. Wir fühlen uns diesem Brauchtum verpflichtet. Eine Absage würde auch hunderttausenden ehrenamtlichen Helfern schaden, die sich mit Herzblut sozial engagieren. Wir fühlen uns im Bundesverband mitverantwortlich für unsere mehr als 2,6 Millionen Mitglieder. Das ist eine große Gruppe, daraus leiten wir ab, dass auch die Politik eine Verantwortung gegenüber uns Karnevalisten hat.

Würde es nicht den Vereinen sogar helfen, wenn die Saalveranstaltungen frühzeitig abgesagt würden, bevor sie organisatorisch und finanziell in Vorleistung gehen?

Fess: Jeder Verein muss für sich autark entscheiden, ob er das Risiko eingehen möchte. Der BDK möchte – Stand heute – nicht in solche Entscheidungen eingreifen. Es wäre auch ein verkehrtes Zeichen, das ist bundesweiter Konsens.

Empfehlen Sie Ihren Vereinen nun in den Künstler-Verträgen eine Pandemie-Klausel zu verankern, die das finanzielle Risiko für Absagen regelt?

Fess: Ja, wir haben entsprechende Informationen und Empfehlungen über unser Portal verteilt. Es gibt allerdings auch Veranstaltungen, die seit fünf Jahren geplant werden. Damals hat natürlich niemand an solche Klauseln gedacht. Das kann jetzt zu Problemen führen, sollte abgesagt werden. Wir müssen mit den Künstlern oder den Hallenbetreibern in Gespräch kommen, sollten Vereine oder Gesundheitsämter Veranstaltungen absagen. Zudem bekommen wir gerade mit, dass kleinere lokale Sponsoren in dieser Zeit, ihr Engagement reduzieren müssen, weil sie finanzielle Sorgen haben.

In NRW gibt es einen Schutzschirm: Traditionsvereine erhalten bis zu 15.000 Euro, insgesamt stellt die Landesregierung für Karnevalisten, und andere Brauchtumsbegeisterte 50 Millionen Euro zur Verfügung. Kommen Ihre Vereine damit zurecht?

Fess: Die Summe hört sich gut an. Ein gemeinnütziger Verein muss bis Ende August die Förderung aus dem Programm beantragen. Ob eine Karnevalsgesellschaft aber wirtschaftlich vor dem Aus steht, weiß sie nicht im Hochsommer. Das entscheidet sich zu Beginn der Session, dann aber gibt es dieses Programm schon nicht mehr. Wenn das Ehrenamt seriös gestärkt werden soll, muss darüber noch mal nachgedacht werden.

Apropos: Sehen Sie demnächst den Ministerpräsidenten aus Aachen noch einmal?

Fess: Vielleicht will er mir aus dem Weg gehen, nachdem ich ihn für seine Pauschalaussagen öffentlich kritisiert habe (lacht). Unverändert fordere ich aber auch hier noch einmal auf, sich mit uns an einem Tisch zu setzen, um die Probleme auf Augenhöhe zu diskutieren. So ein Landesvater hat auch gegenüber den Vereinen eine Verpflichtung. Das Ehrenamt ist eine gewaltige Stütze nicht nur in NRW. Diese soziale Komponente wird mir zu sehr ignoriert. Wir leben in Corona-Zeiten und müssen seriös mit der Situation umgehen. Aber sollen wir in Deutschland deswegen die Theater, die Museen, die kulturellen Veranstaltungen für vielleicht ein Jahr schließen? Wollen wir das als Gesellschaft mit all den drohenden Nebenwirkungen? Im Übrigen: Das Volk hat sich dieses Fest vor Jahrhunderten selbst gegeben. Es ist ein Kulturgut für die Menschen in unserem Land!