Zülpich: Ein ganzes Leben für verletzte Greifvögel

Zülpich: Ein ganzes Leben für verletzte Greifvögel

„Was willst du denn hier?“ Hajo Lehser ist überrascht. Er hat schon viele Vögel bei sich gehabt. Aber einen Graureiher, der mit letzter Kraft auf seinem Grundstück landet und dann zusammenbricht — das ist dem Großfalkenmeister aus Zülpich noch nicht passiert.

„Das ist der erste Vogel, der sich selbst bei mir eingeliefert hat“, erzählt der Mann mit dem markanten Bart und den grau melierten langen Haaren. Es muss Zufall gewesen sein, dass der völlig entkräftete und unterernährte Graureiher auf dem Grundstück der Pflegestation für verletzte Greifvögel gelandet ist. „Er war so abgemagert, dass er kaum noch Muskulatur hatte“, berichtet der Großfalkenmeister von einem seiner aktuellen Patienten. „Ich glaube, dass er durchkommt.“ Mittlerweile kann der kranke Reiher schon wieder ein bisschen fliegen. Im Moment hat Hajo Lehser vier Patienten in seiner Pflegestation. 55 Vögel hat der 61-Jährige in diesem Jahr bisher gesund gepflegt, 4000 in den vergangenen 48 Jahren. „Das ist mein Leben. Ich kann mir nichts anderes vorstellen“, sagt der groß gewachsene Mann.

2007 hat ihm die Europäische Falkner-Union den Titel Großfalkenmeister verliehen — als Anerkennung für mehr als vier Jahrzehnte Einsatz im Zeichen der Greifvögel. Lehsers Mobiltelefon klingelt häufig. Oft sind Landwirte, Jäger oder gar die Polizei am anderen Ende der Leitung und melden ihm verunglückte Greifvögel. Die meisten Patienten sind Mäusebussarde. Mit vielen von ihnen verbindet Hajo Lehser eine besondere Geschichte. Beispielsweise mit einem Weibchen, bei dem der Greifvogel-Doktor am Anfang kaum Hoffnung hatte. Der Vogel war unterernährt und fast erfroren, als Lehser ihn Anfang des Jahres aufgenommen hatte. „Ich habe ihr jeden Tag die Fänge massiert, wie ein Physiotherapeut.“ Nach zwei Wochen war der Vogel in der Lage, mit den zu Beginn steif gefrorenen Fängen wieder zu greifen. Vor ein paar Wochen hat der Greifvogel-Doktor das Tier ausgewildert. Das sei jedes Mal ein erhebender Moment. Für den Vogel im wörtlichen und für den Doktor im übertragenen Sinn. Seitdem kehrt das Mäusebussard-Weibchen immer wieder nach Zülpich zurück. „Sie landet vor mir und lässt sich von mir füttern“, berichtet der Zülpicher von einer ungewöhnlichen Vogel-Freundschaft. „Das sind großartige Momente.“

Traurige Augenblicke hat Hajo Lehser auch schon erlebt. Die meisten Vögel kann er wieder gesund machen. Fünf Prozent sterben trotzdem. Wütend wird der 61-Jährige, wenn die Tiere vergiftet werden. In den vergangenen Jahren hat es im Dürener Südkreis immer wieder solche Fälle gegeben. „Das sind hirnverbrannte Idioten, die so etwas tun“, sagt der Zülpicher und sein nachdrücklicher Ton verrät, dass er kurz davor ist, in Rage zu geraten. „Diese Menschen wissen nicht, wie wichtig Raubvögel sind.“ Bis zu 800 Mäuse erlege ein Bussard pro Jahr. „Wenn das nicht passiert, dann gibt es ganz schnell so viele Mäuse, dass die den Bauern viel Korn auf den Feldern wegfressen würden. Die Greifvögel verteidigen unser täglich Brot.“ Deswegen findet es Lehser gut, dass das Vergiften von Greifvögeln mittlerweile drastisch bestraft wird. Der Prozess gegen den Jäger Willi S. aus dem Dürener Südkreis, der vom Aachener Landgericht hart bestraft worden ist, hat seine abschreckende Wirkung nicht verfehlt. Lehser warnt jedoch davor, alle Jäger und Landwirte unter Generalverdacht zu stellen. Es gebe überall schwarze Schafe, der bei weitem größte Teil habe keinerlei Hass auf die gefiederten Jäger. „Meistens sind es die Jäger und Landwirte, die mich anrufen, wenn sie einen verunglückten Greifvogel finden.“ Zudem sei nicht jeder Bussard oder Falke vergiftet worden, der tot gefunden wird. Ein langer Winter wie der jüngste sei ein Problem für Mäusebussarde, weil die Beute nicht aus ihren Löchern käme. „Dann kommt es leider vor, dass vor allem die Jungtiere an Unterernährung sterben.“

Der Kampf für die Gesundheit der Falken, Adler und Bussarde ist nicht der einzige, den der 61-Jährige austragen muss. Geld ist ein Problem. Zwar erhält der Zülpicher Unterstützung vom Land. „Aber ich stecke jedes Jahr eigenes Geld in die Pflegestation.“ Seinen Lebensunterhalt verdient Hajo Lehser mit Lederbildhauerei, seine Leidenschaft und sein Leben aber sind die Greifvögel. Da bleibt nicht mehr viel Zeit. Hajo Lehser ist geschieden. „Daran wird sich vermutlich auch nichts mehr ändern“, sagt er und räumt ein, dass er es durchaus verstehen kann, wenn andere Menschen den Greifvogel-Doktor für einen komischen Kauz halten.