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Kraft schreibt Kunstgeschichte: Ein Foto für die Ahnengalerie

Kraft schreibt Kunstgeschichte : Ein Foto für die Ahnengalerie

Hannelore Kraft hat sich für die Ahnengalerie ehemaliger Ministerpräsidenten von Star-Fotograf Jim Rakete ablichten lassen. Ein historischer Bruch mit der Tradition gediegener Gemälde. Nicht der erste Aufreger rund um Politiker-Porträts.

Als Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) mit seiner Staatskanzlei 2017 vom Stadttor ans Rheinufer umzog, ließ er die Porträts seiner Vorgänger direkt am eigenen Büro aufhängen. Neun Gemälde - von Rudolf Amelunxen bis Jürgen Rüttgers. Passte genau, denn rechts von Rüttgers ist eine Tür. Noch im März soll nun allerdings das Poträt von Laschets Amtsvorgängerin Hannelore Kraft (SPD) die Ahnengalerie erweitern. Und deshalb muss umgehangen werden.

Krafts Porträt ist erstmals kein Gemälde, sondern ein Foto. In Szene gesetzt wurde die Ex-Regierungschefin von Star-Fotograf Jim Rakete, wie die Deutsche Presse-Agentur erfuhr.

Kraft ist seit ihrem Abgang als Ministerpräsidentin nur noch einfache Abgeordnete im NRW-Landtag. Die große Bühne meidet sie. Und so wird wohl auch die Enthüllung ihres Porträts ohne viel Tamtam stattfinden. Jim Rakete will aber auf jeden Fall vorbei kommen. Das Projekt mit Kraft sei für ihn etwas Besonderes, heißt es.

Natürlich und authentisch

Rakete, der seit Jahrzehnten internationale Stars fotografiert, hat Kraft in Farbe abgelichtet. Sehr natürlich und authentisch soll das Foto sein. Mehr ist über das Werk noch nicht bekannt. Traditionsgemäß könnte es Gesicht und Oberkörper zeigen. Doch Überraschungen sind nicht ausgeschlossen: So ließ sich Wolfgang Clement als schwarz-weiße Skizze zeichnen. Jürgen Rüttgers überraschte als erster Ministerpräsident mit einem Gemälde ohne Krawatte.

Winzige Ausreißer. „Denn in der Regel lassen sich Politiker in Deutschland seit 1945 sehr konventionell porträtieren“, erklärt der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich. „Als Brustbild. Harmlos-sanfter Expressionismus, ohne Dingsymbole.“ Warum? „Die Politiker wollen aussehen wie normale Menschen. Sie verzichten auf alles, was nach Macht aussieht“, erklärt der Leipziger Experte. Ullrich zufolge ist das ein bewusster Bruch mit der Vergangenheit - denn früher hatten sich Herrscher ganz anders inszenieren lassen. Die Macht stand im Mittelpunkt.

In der jüngeren Geschichte hätten nur zwei Politiker-Porträts für größeren Aufruhr gesorgt, sagt Ullrich: „Das Porträt, das der Kölner Künstler Georg Meistermann von Willy Brandt für die Ahnengalerie im Kanzleramt schuf, war so unkenntlich und fast abstrakt, dass es ausgetauscht wurde.“ Und dann sei da noch das ebenso berühmte wie umstrittene Gerhard Schröder-Gemälde des Düsseldorfer Künstlers Jörg Immendorff: Der Altkanzler-Kopf ganz in Gold, entschlossen auf den Betrachter guckend, falle aus der Reihe. Ullrich: „Wenn es nicht der große Immendorff gemalt hätte, dann würde es vermutlich auch nicht mehr im Kanzleramt hängen.“

Dass Hannelore Kraft sich jetzt fotografieren ließ, findet der Kunsthistoriker „sehr zeitgemäß“. Ullrich: „Da wartete ich schon lange drauf. Ich denke, das könnte sich durchsetzen.“ In Frankreich sei es übrigens üblich, nicht am Ende, sondern zu Beginn der Amtszeit ein Foto des Staatspräsidenten zu machen: „Da will man seine Macht zeigen. In Deutschland inszeniert man sich als Politiker erst, wenn man sie schon verloren hat.“