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Aachen: Ein Buch, ein Leben und die Wahrheiten einer Torwart-Legende

Aachen : Ein Buch, ein Leben und die Wahrheiten einer Torwart-Legende

Zweimal Fußballer des Jahres. Europameister. Deutscher Meister. Pokalsieger. Nie Weltmeister. Das hat er sich mit (s)einem Buch damals selbst vermasselt. „Anpfiff“: Das war eine geschriebene dritte Halbzeit, die 1987 für eine Furore sorgte, mit der er so nicht gerechnet hatte: Entlassung beim 1. FC Köln, Verbannung aus der Nationalmannschaft, für viele Spielkameraden ein Nestbeschmutzer.

Jetzt hat Harald „Toni“ Schumacher (63) sein zweites Buch auf den Markt der fußballinteressierten Zielgruppe geworfen: „Einwurf“. Untertitel: „Wahrheiten über den Fußball und mein Leben“.

Es befasst sich vor allem mit dem Leben danach — nach „Anpfiff“ und den daraus resultierenden Verwerfungen Und den guten Erfahrungen. Auch die gab es. In Istanbul. In München. In Dortmund. Weniger bei seiner einzigen Trainerstation Fortuna Köln in der Zweiten Liga. Aber auch dort setzte er — ungefragt — ein Ausrufezeichen historischer Güteklasse: Vorstandsboss Jean Löring entließ ihn in der Halbzeitpause des Spiels gegen Waldhof Mannheim. Es war der kurioseste Rausschmiss der Fußballgeschichte. Schumacher krönt sie mit einem Juwel literarischer Formulierungskunst: „Ich brannte wie eine Fackel. Und erlosch wie ein Streichholz im Schnee.“

Buch zwei beginnt mit Passagen aus Buch eins. Mit den schnellen Absetzbewegungen vom Torwartidol. Mit der Distanz, die nur kurze Zeit später in schroffe Ablehnung mündet: FC-Präsident Peter Weiand und DFB-Teamchef Franz Beckenbauer schieben ihn ab.

Er hat damals mit seinen schonungslosen Blicken hinter die Kulissen, mit scheinbar allzu viel Wahrheit und mit dem völligen Verzicht auf jede Form von Diskretion ein Tabu gebrochen. Doping, Sex, Geldgier, Spielsucht und Abhängigkeiten verschiedenster Art: Die heile Welt des Fußballs brach krachend zusammen. „Ich wurde zur Persona non grata“, erinnert er sich. Er habe ein „Schlachtfeld beschrieben, wo andere eine Blümchenwiese sehen wollten“.

Sein Motto lautet: „Lieber ein Knick in der Laufbahn als im Rückgrat.“ Toni ist in dieser Situation aufgestanden, hat Haltung bewiesen und kehrte auf die Fußballbühne zurück — gefeiert in Istanbul, geachtet bei Bayern München und hoch geschätzt bei Borussia Dortmund. Daran erinnert er sich gerne, lieber als an die Stationen bei Schalke 04 oder als Torwarttrainer bei Bayer Leverkusen mit dem Cheftrainer Berti Vogts.

Wir erfahren einiges über Uli Hoeneß und Reiner Calmund, den großartigen Ottmar Hitzfeld und den cholerischen Jean Löring. Toni Schumacher beschreibt Persönlichkeiten auf ungeschminkte Art: Das liest sich gut, weil es klar und deutlich und ohne irgendeine falsche Rücksicht geschieht. „Junge, du musst immer ehrlich sen.“ Das gab ihm seine Mutter schon daheim in Düren mit auf den Weg. Bereut hat er nichts aus dem „Anpfiff“. „Ich bekam keine einzige einstweilige Verfügung, keine Verleumdungsklage. Weil alles, was ich in meinem Buch geschrieben hatte, stimmte.“

1990, als Deutschland in Italien Weltmeister wurde, gehörte er nicht zum Team. „Ich bin heute mehr denn je der Überzeugung dass ich mein Leben nicht danach ausrichten kann, was möglicherweise in der Zukunft einmal passieren wird. Was vorbei ist, ist unwiederbringlich.“

Der Torhüter als Autor. Für Schumacher sind die Rollen identisch. Keinen Meter wollte er weichen, weder im Strafraum, noch auf einer der Buchseiten. „Schließlich wird uns Torhütern der natürliche Reflex, in Deckung zu gehen, von Kind an abtrainiert.“

Ungebrochen positiv sind seine Erinnerungen an seine Zeit bei Fenerbahce. „Ein Fußballprofi in der Türkei lebt wie im Paradies.“ Und zudem wurde er Ehrenhauptmann der Istanbuler Feuerwehr!

Er erwähnt mit Respekt DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun. Sein „väterlicher Freund“ habe seine Sinne dafür geschärft, wie wichtig es sei, etwas zurückzugeben.

Mit dem neuen Buch droht ihm kein Rauswurf. Ganz gewiss nicht. Noch etwas, Seite 240, muss zitiert werden: „Bei Perla habe ich gefühlt einiges richtig gemacht, sie ist ein glücklicher Freigeist.“ Schön, wenn man das als Vater über seine Tochter sagen darf. Und es auch tut. Öffentlich.