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Buch von Thomas Thelen: Ein Anker in „merkwürdigen Zeiten“

Buch von Thomas Thelen : Ein Anker in „merkwürdigen Zeiten“

„Dies ist der erste Eintrag. Und es wird nicht der letzte sein. So wie die Dinge stehen, werden viele folgen.“ So begann am 18. März 2020 das erste Corona-Tagebuch von Thomas Thelen in dieser Zeitung. Tatsächlich sollten 99 Einträge folgen, bis am 18. Juli Schluss war mit diesen Worten: „Aber jetzt: Tagebuch zu! Es ist an der Zeit. Auch wenn es sich ein bisschen merkwürdig anfühlt.“

Der Chefredakteur von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten hat die ersten Monate der Corona-Pandemie in täglichen Kolumnen beschrieben und begleitet, die nicht klassisch journalistisch sein sollten, nicht kommentieren, nicht wissenschaftlich einordnen, sondern sehr persönlich, feuilletonistisch, philosophisch angelegt sind. Nun sind die 100 Einträge über diese „merkwürdigen Zeiten“ als Buch erschienen. Wie es dazu gekommen ist, erläutert Thelen im Gespräch mit Hermann-Josef Delonge.

Kannst Du Dich an die erste Kolumne erinnern, die am 18. März erschienen ist? Was war der Anstoß?

Thomas Thelen: Meine eigenen Gedanken über die Dinge, die da um uns herum passierten. Das war ja alles völlig neu, die Wenigsten konnten mit dem Begriff „Corona“ wirklich etwas anfangen. Ich schreibe auch privat Tagebuch, der erste Impuls ist bei mir immer, die Gedanken zu Papier zu bringen. Daraus erwuchsen die Idee und die Überzeugung, dass ich auch in der Zeitung darüber schreiben sollte. Denn ich war und bin davon überzeugt, dass sich meine Gedankenwelt nicht sehr von der Gedankenwelt anderer Menschen unterscheidet.

War von Anfang an geplant, die Kolumne täglich zu veröffentlichen?

Thelen: Als ich mir Gedanken darüber machte, welche Form die Texte haben sollten, wurde mir schnell klar, dass dies nicht mit drei, vier Kolumnen getan sein würde. Es sollte ein Tagebuch werden, im Sinne von verschrifteter Erinnerung. Dass daraus 100 werden sollten, hatte ich damals allerdings überhaupt nicht auf dem Schirm.

Kolumnen wie diese gehören nicht unbedingt zum journalistischen Alltagsgeschäft. Welchen Anspruch hast Du an Dich selbst?

Thelen: Einen hohen. Ich wollte ganz persönliche Einblicke in meine Gedankenwelt geben. Dass die Texte eine literarische Anmutung haben würden, wurde mir ziemlich schnell klar, entwickelte sich aber beim Schreiben selbst so. Am Ende müssen die Texte gut klingen, darauf lege ich viel Wert. Also: schreiben, immer wieder lesen, sich selbst dabei hören, nachbessern, erneut lesen. So gehe ich vor.

„Merkwürdige Zeiten“ von Chefredakteur Thomas Thelen

Deine Einträge sind bisweilen sehr persönlich.

Thelen: Das stimmt, und das ist immer eine Gratwanderung. Aber das Persönliche war von Anfang an Teil des Prinzips. Ich schreibe aber immer in der dritten Person, so kann ich Distanz auch zu mir selbst wahren. Man darf da nicht überdrehen.

Hast Du nie Probleme gehabt, Themen zu finden?

Thelen: Nein. Im Gegenteil: Die gab es immer im Überfluss. Ich hatte mitunter vier, fünf Kolumnen sozusagen auf Vorrat geschrieben.

Aber irgendwann hast Du die Reihe dann doch beendet.

Thelen: Mir war immer klar: Sobald ich mich in Konstruktionen verliere, um den Dreh hin zu Corona zu schaffen, ist der Zeitpunkt da aufzuhören. Mein Ziel war es ja, die Stimmung und Gefühlslage zum jeweiligen Zeitpunkt einzufangen, die Begriffe zu benennen, die gerade neu kursierten. Irgendwann habe ich gemerkt: Da verändert sich nichts mehr. Corona war Teil unseres Alltags geworden. Ich merkte, dass die Gefahr, mich zu wiederholen oder die Texte als reine Pflicht zu empfinden, wuchs. Dann kamen die Sommerferien, und ich fuhr mit meiner Familie in Urlaub. Der richtige Zeitpunkt, die Reihe zu beenden.

Die „merkwürdigen Zeiten“ waren zum Alltag geworden.

Thelen: Genau.

Wie haben die Leserinnen und Leser auf die Kolumnen reagiert?

Thelen: Es gab natürlich auch Kritik, aber tatsächlich bemerkenswert viel Zustimmung. Das bestätigte mich, dass ich ganz offensichtlich den richtigen Ton getroffen hatte in einer Zeit, die für uns alle nicht einfach war. Es gab Zuschriften, in denen stand, dass meine Texte so etwas wie ein Anker seien. Dass sie den Menschen aus der Seele sprächen. Dass es mutig und bemerkenswert sei, dass der Chefredakteur einer Zeitung so persönlich schreibt. Das alles hat mich sehr gefreut und sogar berührt.

Wie ist die Idee entstanden, daraus ein Buch zu machen?

Thelen: Die Anregung kam letztlich aus der Leserschaft. Es gab Anfragen, ob es nicht möglich sei, die Texte gesammelt zu bekommen. Als sich diese häuften, habe ich darüber nachgedacht. Und dann habe ich mir gesagt: Warum nicht? Ich bin dem Herausgeber der „Edition Aixact Literatur“, Christoph Leuchter, zu großem Dank verpflichtet, dass er es möglich gemacht hat, diese Idee Idee in der Verlagsgruppe Mainz zu realisieren.

Du hast die Tagebucheinträge im Buch mit einem Prolog und einem Epilog ergänzt. Warum?

Thelen: Weil Tagebuchschreiben für mich viel mit Literatur zu tun hat. Meine Texte sind auch immer eine Referenz an meine Literaturbegeisterung und -leidenschaft. Ich fand es eine gute Idee, meine Tagebucheinträge mit der Beschreibung der Gründe für diese Leidenschaft und ihrer Anfänge zu klammern. Es gibt aber auch einen ganz profanen Grund: Der Verleger hat mir gesagt, das Buch könne ruhig ein bisschen dicker werden als nur die 100 Seiten mit den Tagebucheinträgen.

Was bedeutet es für jemand, dem Literatur so wichtig ist, ein Buch in Händen zu halten, auf dem sein Name steht?

Thelen: Sehr viel, das kann ich nicht verleugnen. Es ist sehr schön, dass ich mein eigenes Buch in mein Bücherregal stellen kann.

Neben wem steht es da?

Thelen: Zwischen Donna Tartt und Stephan Thome.

Du führst weiter Tagebuch für Dich und in der Zeitung. Was ist der Unterschied?

Thelen: Es war irgendwann klar: Das Corona-Thema war erledigt, das Virus und ich hatten uns nichts mehr zu sagen. Dann kamen aber zwei Dinge zusammen: Aus der Leserschaft kam die Bitte, nicht aufzuhören. Und wir hatten die Idee, die Einträge als täglichen Impuls des Chefredakteurs in der Zeitung wiederaufzunehmen. Mir war aber klar, dass ich die Kolumne thematisch und stilistisch öffnen musste. Das habe ich gemacht. Manchmal philosophiere ich ein wenig, manchmal kommentiere ich eher sachlich, manchmal nehme ich die Dinge satirisch überspitzt aufs Korn.

Uwe Timm hat eine Widmung zum Buch geschrieben, zu lesen auf der Rückseite. Wie kam es dazu und was bedeutet Dir das?

Thelen: Uwe Timm habe ich ganz zu Beginn der Coronakrise beim einem Interview kennenlernen dürfen. Das sollte anlässlich seines 80. Geburtstages in Köln stattfinden. Da er aber wegen Corona nicht mehr reisen wollte, lud er mich zu sich privat nach München ein, wo wir am 13. März zwei Stunden lang miteinander ein sehr schönes Gespräch führten. Fünf Tage nach meinem Besuch erschien das erste Corona-Tagebuch. Da wir in einem lockeren Kontakt standen, habe ich ihm meine Tagebucheinträge später zugeschickt und ihm von der Buchidee berichtet. Und natürlich habe ich ihn gefragt, ob er es sich vorstellen könne, mir zwei Sätze dazu zu schreiben. Er hat gesagt, dass er das eigentlich nicht mehr macht, für mich aber eine Ausnahme machen würde. Das hat mich sehr gefreut. Ich glaube, er hat das nicht nur getan, weil wir ein gutes Gespräch hatten. Ich halte Uwe Timm übrigens für einen der bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit.

Letzte Frage: Darf die Redaktion hoffen, dass Du Dich in Zukunft mehr der Schriftstellerei und weniger dem Zeitungsgeschäft widmen wirst?

Thelen: Diesen Zahn muss ich der Redaktion ziehen. Ich werde mich auch in Zukunft mit vollem Einsatz für unsere Produkte ins Zeug legen und allgegenwärtig sein.