Ein 96-Jähriger und sein Kampf für die Europawahl

„Wohin steuern wir?“ : Ein 96-Jähriger und sein Kampf für die Europawahl

Theo Kutsch liebt Europa. Sein Leben lang hat er sich für den Abbau von Grenzen eingesetzt aus einem einzigen Grund: Er hat es am eigenen Leib anders erfahren. Kutsch ist 96, Jahrgang 1922.

Als Kind erlebte er zwischen den Weltkriegen Grenzposten in Herzogenrath, die geschossen haben, wenn sie es für nötig hielten. Im Zweiten Weltkrieg war er Soldat. Europa lag in Schutt und Asche. Und durch Zufall war er am 13. August 1961 in Berlin, als die DDR die Mauer baute. Danach erlebte er viel Annäherung, nahm die Dinge an der Grenze in Herzogenrath selbst in die Hand. Doch nun spürt er eine Gleichgültigkeit für die Idee von Europa, die ihn verzweifeln lässt. „Ich sehe die Gefahr, dass viele deswegen nicht zur Wahl gehen“, sagt er.

Üblicherweise hat Theo Kutsch in seinem Leben den Kontakt zu Verantwortlichen gesucht und Briefe geschrieben, wenn er einen Zustand ändern wollte. Er schrieb an Bürgermeister, Staatssekretäre, Außenminister, EU-Präsidenten. Er kannte da keine Grenzen, und genau die wollte er auch nicht akzeptieren.

Wer einen Blick auf seine umfangreichen Schriftwechsel wirft, kann sich vorstellen, dass er dem ein oder anderen im Laufe seines langen Lebens wohl ein bisschen auf die Nerven gegangen ist. Aber es ist auch nicht übertrieben zu sagen, dass er derjenige ist, der dafür gesorgt hat, dass erst der meterhohe Stacheldraht und dann die trennende Mauer zwischen den Menschen im deutschen Herzogenrath und dem niederländischen Kerkrade auf der Neustraße/Nieuwstraat verschwanden.

Es gibt Bilder, bei denen der Zug der festlich gekleideten Kommunionkinder aus Herzogenrath an diesem Stacheldraht entlang führt. Diese Bilder haben sich in das Gedächtnis von Kutsch eingebrannt. Und diese Erinnerung will er denen, die Europa heute gleichgültig gegenüberstehen, kurz vor der Wahl mitgeben. Ihm gefällt nicht, dass für die, die jünger als er sind – und das sind wohl die meisten –, die Errungenschaften Europas selbstverständlich geworden sind und sie einfach nicht ahnen, was diese Gleichgültigkeit bedeuten könnte. Aber an wen sollte er deswegen seinen Brief schreiben?

Dieses Mal will er ja nicht irgendein Gesetz ändern. Er will nichts Geringeres, als jeden Wähler erreichen, damit sie sich weiter für die europäische Idee einsetzen. Also ruft er in unserer Redaktion an und sagt in den Telefonhörer: „Wer nicht zur Wahl geht, schätzt sein eigenes Leben nicht richtig ein!“ Er sorgt sich darum, was aus der EU wird, wenn es nicht zu einer „vernünftigen Besetzung“ des Parlaments in Brüssel komme.

Kutsch blickt auf fast 100 Jahre Zeitgeschichte zurück. „Uns ging es noch nie so gut wie heute.“ Und Kutsch kämpft dafür, dass das auch nach der Wahl so bleibt. Für ihn ist die Europawahl am Sonntag eine „Schicksalswahl“. „Wohin steuern wir?“, fragt er. Diese Wegweisung werde sich am Sonntag entscheiden. „Die Parteien am rechten Rand wollen uns das nehmen, was wir für selbstverständlich halten“, sagt er.

Der Herzogenrather hat seine Ziele immer beharrlich verfolgt, das macht er auch mit 96 noch. „Ich mach’ bald die Augen zu“, sagt er. „Aber die anderen müssen wieder mit den Grenzsperren leben müssen – und sie werden vielleicht höher sein, als sie damals waren.“